Ein Teil der 120 erhaltenen Stasi-Aktenkilometer - "ein sprödes literarisches Werk", sagt Lutz Rathenow.

Foto: Theo Heimann/DAPD/ARCHIV

Die Macht des Geschriebenen

Der Schriftsteller Lutz Rathenow meint: Politik und Literatur gehören zusammen - Zumindest war das in der DDR so. Und heute?

Dresden. Lutz Rathenows Büro in Dresden befindet sich am Unteren Kreuzweg. Ein Name als Programm? Ob sich auch engagierte, politische Literatur und Kunst an einem Kreuzweg befinden, diskutierte Matthias Zwarg mit dem Schriftsteller. Wobei sich zeigte: Welchen Weg die Künste in der Zukunft gehen, hat für Lutz Rathenow auch etwas mit der Vergangenheit zu tun - und mit Veränderungen der medialen Realität, deren Wirkungen er auch an sich selbst feststellt.

Freie Presse: Kunst und Kultur haben einen großen Anteil an der Wende, haben geradezu inspirierend gewirkt. Wirkt dies heute noch nach - oder hat sich das Verhältnis der Kunst zur Gesellschaft verändert?

Lutz Rathenow: Der kulturelle Bereich bot, vor allem an den Rändern, Möglichkeiten, Inseln der Eigensinnigkeit, des Anderssein, der maßvollen oder auch nicht nur maßvollen Opposition zu schaffen. Die Literatur spielte dabei eine besondere Rolle, sie hatte gegenüber der offiziellen Philosophie, Journalistik oder Soziologie einen "Bedeutungsmehrwert" - ein Begriff des Leipzigers Kurt Drawert. Auch mein biografischer Hintergrund ist vom Arbeitskreis Literatur und Lyrik in Jena sehr geprägt - eine erste Übung als Jugendlicher in der aktiven, eingreifenden Weltorientierung. Wir leben jetzt in einer Zeit, in der sich die Kreativität anders in die Gesellschaft hinein organisiert. Ich stelle bei meinem Sohn fest, dass neben der Musik die optischen Komponenten in und für alle Künste, die medialen Vernetzungen eine größere Rolle spielen. Der Mensch ist momentan dabei, sich in dem hochzivilisierten Teil der Welt der Schrift zu entwöhnen.

Freie Presse: Warum ist das so?

Lutz Rathenow: Sie wird ihm zu abstrakt, zu anstrengend. Er begibt sich zu den Höhlenzeichnungen der ersten Menschen zurück: Absurde Filmsequenzen in der Werbung, die Videoclips der Musikindustrie - sie besitzen eine hochkomplexe fast surrealistische Bildsprache. Mann und Frau organisieren sich eine virtuelle Höhle - erscheinen bald die ersten literarischen Texte in Fortsetzungen per App auf den entsprechenden Geräten? Vielleicht ergeben sich so für Lyrik und Kurzprosa auch andere Veröffentlichungsformen. In Berlin erschien jetzt die Biografie eines Bürgerrechtlers als Comic, um junge Leute anzusprechen. Wobei ja gar nicht alle Comics lesen, vielleicht sind Comics auch schon die klassische Moderne des Optischen. Wie die Fotografie: der angehaltene Film. Und der erfolgreiche Schriftsteller, der als Schriftsteller lebt, ist oft ein Medienfaktor - als Schriftsteller-Darsteller, Diskussionsteilnehmer, Unterhalter, Event-Beigabe.

Freie Presse: Liegt das daran, dass sich die medialen Gewohnheiten ändern oder liegt es an den Inhalten, die auch über Filme, Clips, Comics und neue künstlerische Formen transportiert werden?

Lutz Rathenow: Es geht um einen anderen Umgang mit Zeit. Immer mehr will gleichzeitig erledigt werden. Man will dabei sein. Das ideale Medienereignis ist immer das nächste. Realität und Wiedergabe der Realität verschmelzen, das historische Ereignis und der Film über das historische Ereignis werden eins. Wie auf dem Foto von der amerikanischen Führung, die sich die Tötung Bin Ladens anschaut - so kommt selbst die Betrachtung der Sensation schon auf die Titelseite und der Beobachter wird spannender als das Beobachtete. Wenn heute dicke Bücher weiterhin gern gelesen werden, auch wenn sie keine neuen Darstellungsformen enthalten, sondern relativ konventionell geschrieben sind, dann ist das gewissermaßen auch eine Verweigerung gegenüber dieser hektischen Zeit. Es schafft Ruhezonen. In dem Sinne sind die Staatssicherheitsakten ein klassisches Staatsauftragswerk, 120 erhaltene Aktenkilometer - ein sprödes literarisches Werk.

Freie Presse: Das aber mehr für Unruhe steht als für eine Ruhezone, oder?

Lutz Rathenow: Hinter diesem Werk steht der Wahn der DDR im Kampf um die Planbarkeit der Zeit, den Stillstand. Die ewige politische Macht. Lauter Details formen ein Ganzes. Vielleicht ist das noch gespeist vom alten Geist der Literatur: Durch Schrift kann alles beherrscht werden. Die Schriftverwirklichungsrepublik DDR - gespeist von den Klassikern Marx, Engels, Lenin. Und man hatte Angst vor jedem ungenehmigten Stück Papier, als könne es wie im Märchen plötzlich zum Gegenstaat werden…

Freie Presse: Sind die Stasi-Akten also ein Beleg dafür, wie böse die Macht des Geschriebenen sein kann?

Lutz Rathenow: Die Akten selbst sind eigentlich harmlos, wenn sie nicht zu Aktivitäten geführt hätten, die außerhalb der Akten lagen, die zu Trauer und Schmerzen führten, zu Handlungen, die neue Akten erzeugten …

Freie Presse: Wären die Akten in irgendeiner Form eine Veröffentlichung wert - als eine Art Kunstwerk?

Lutz Rathenow: Die Zahl der Staatssicherheitsakten, die bisher verstreut veröffentlicht worden, ist ja immens. Dies ist auch für die politische Aufarbeitung der Folgen und die Rehabilitierung von Opfern wichtig. Und für die Klärung politischer Mitverantwortung. Und Stasi-Mitarbeiter lassen sich anhand dieser Akten ihre Rentenansprüche bestätigen... Hinter all den praktischen Fragen lauern andere: Was ist denen im Kopf vorgegangen, als sie in dieser Art und Weise Realitäten dokumentierten? Diese Notizbücher einer Machtausübung verraten mehr, als sie eigentlich verraten wollen. Es gibt da etwas fast Metaphysisches. Das ist eine Mischung aus preußischem Verschriftungsgeist, realsozialistischem Legitimierungswillen, viel Papier, viel Intimität, viel Lächerliches, Trostloses - und dennoch alles sehr gefährlich.

Freie Presse: Wie lange hat das noch eine Bedeutung - für unmittelbar Betroffene oder auch für sich betroffen fühlende Künstler, Autoren?

Lutz Rathenow: Die praktische Bedeutung der Akten in ihrer Einwirkung auf Lebenszusammenhänge, um eine politische Lüge, eine Lebenslüge zu entlarven, um jemanden zu verstehen, der verdächtigt wird, ihn differenziert einzuschätzen - das wird so lange sein, wie die Leute leben, die in den Akten vorkommen. Die juristische Aufarbeitungsphase ist ja schon jetzt fast vorbei. Aber die Akten müssen natürlich entziffert werden, die Akten sind nicht die Wahrheit, sind nicht das Leben, und da, wo es dramatisch wird, verdunkeln sie manchmal auch. In den Akten steht nicht alles, was in der DDR passiert ist. Sie sind politisch funktional eingerichtet. Sie dramatisieren das eine, und sie vertuschen das andere. Und manches wissen sie auch nicht. Die DDR wird in ihnen zum Versuchslabor. Man könnte alles nochmals ruhig untersuchen - Beispiel: Wie entsteht wo Anpassung? Die Akten haben eine sprachlich-ästhetische Dimension. Sie versuchen, alles benennbar zu machen, zu abstrahieren, die Gefühle zu beherrschen. Allein das Wort Zersetzungsmaßnahme darf schon als Ausfluss einer anti-humanistischen Destruktivität gesehen werden.

Freie Presse: Ein ganzer Teil der Akten rührt aus kulturell-künstlerischen Aktivitäten, weil sich viele Künstler in die Politik eingemischt haben. Ist das heute anders? Sollen sich Künstler noch einmischen?

Lutz Rathenow: Hier sind gewaltige Umbrüche im Gange, die ich mit großem Interesse, Spannung und Neugier verfolge. Auch an mir selbst. Natürlich hat sich einiges grundlegend geändert. Ich arbeite im Staatsdienst, und es gefällt mir, über Gesetzesformulierungen nachzudenken. Aber das ist Politik pur. Diese Gesellschaft bietet viele Wege an, Kreativität, Eigensinn auszuleben, partiell auszuleben. In der Werbeindustrie zu arbeiten, über originelle Werbespots nachzudenken, kann kreativer sein als mittelmäßige Romane zu imitieren. Viel Eigensinn, der sich in Diktaturen in literarische oder künstlerische Räume zurückzieht, kann sich jetzt andernorts austoben oder er wird beim Organisieren möglicher Betätigungen verbraucht. Dennoch ist es heute ja nicht so, dass Worte nichts mehr bewegen. Nach Büchern werden Debatten geführt, nach Filmen natürlich noch mehr. Und "Der Turm" hat nicht nur in Dresden Diskussionen ausgelöst. Und er wird verfilmt.

Freie Presse: Also wird, kann, muss es in Zukunft noch politische Literatur und Kunst geben?

Lutz Rathenow: Man muss sich fragen: Welchen Einfluss hat Politik wirklich auf die ökonomischen Zusammenhänge? Die Politik wird mehr zum Moderator, sie ist nicht mehr der Diktator. Kunst, Kultur, Literatur werden weiterhin auf Politik reagieren, werden versuchen einzuwirken. Die Spannungen, die Trennwände sind aber weniger scharf. Ich will jetzt Politik nicht beschreiben, sondern mitgestalten. Das hängt dann wiederum auch sehr mit Worten zusammen.

Freie Presse: Die Überwachung durch die Stasi hat ein Ende. Was bedeutet diese Entspannung für Sie?

Lutz Rathenow: Überwachung heute ist etwas anderes als in einer Diktatur, aber sie ist keinesfalls risikolos. Heute habe ich weniger vorm Staat Angst, sondern vor dem, der Krankendaten an Versicherungen verkauft oder anders zu meinem Nachteil verwendet.

Freie Presse: Lassen sich derartige Spitzeleien mit dem vergleichen, was in der DDR geschah?

Lutz Rathenow: Die DDR war weniger Überwachungsgesellschaft als vielmehr eine Zersetzungsmaßnahmenplanungsgesellschaft. Das ist strukturell ein riesiger Unterschied zur Gegenwart. Auch das Entblößen von Staatsgeheimnissen durch Wikileaks verändert die Situation. Die Elemente einer lustvollen, technisierten Ausspähungsgesellschaft, junge Computerfreaks, denen es Spaß macht, immer mehr Daten zu knacken - das erzeugt andere Nebenwirkungen, ganz andere Zugzwänge. Da kommen wir mit DDR-Erfahrungen allein nicht weiter, um so etwas komplex zu erfassen. Bildende Kunst, Aktionskunst, andere Formen, Theater, die Verbindung von Film und Theater, Künstler, die sich selbst vor der Kamera entblößen - es gibt eine Art Observationskunst in der Fotografie und im Film. Daneben gibt es genügend Diktatoren, die noch ganz klassisch verbergen, verhaften und notfalls töten. Und nicht nur in Nordafrika und dem arabischen Raum. Diese Wirklichkeiten sollte man einmal nicht verwechseln, nur weil in beiden das Handy benutzt werden kann - wenn in der Tyrannen-Wirklichkeit nicht gerade der Strom abgestellt worden ist.

 

Lutz Rathenow. Lutz Rathenow.

Foto: dapd

Zur Person:

Der 1952 in Jena geborene Schriftsteller begann nach dem Wehrdienst in der NVA an der Universität Jena ein Studium als Lehrer für Deutsch und Geschichte. Dort gründete und leitete er den oppositionellen Arbeitskreis Literatur und Lyrik. Dieser wurde 1975 verboten. Nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 wurde Rathenow verhaftet und Anfang 1977, drei Monate vor dem Examen, exmatrikuliert. Danach arbeitete er als Beifahrer und Transportarbeiter, zog nach (Ost-)Berlin, wo er seitdem als freier Schriftsteller lebte. Obwohl er später erneut verhaftet wurde und Repressalien ausgesetzt war, blieb er in der DDR. Er war aktiv in der Friedens- und Bürgerrechtsbewegung, unter anderem mit Bärbel Bohley und Gerd Poppe in der "Initiative Frieden und Menschenrechte". Im März 2011 wurde er als Sächsischer Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen nach Dresden berufen. Lutz Rathenow ist verheiratet und hat zwei Söhne. (fp)

 
erschienen am 26.05.2011
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
Kommentare
1
(Anmeldung erforderlich)
  • 28.05.2011
    11:35 Uhr

    karlbitzold: "Hinter all den praktischen Fragen lauern andere: Was ist denen im Kopf vorgegangen, als sie in dieser Art und Weise Realitäten dokumentierten?"

    Man kann auch eine andere Frage stellen: Was mag in den Köpfen derjenigen vorgehen, die aus der Zahl der Akten auf die eigene Bedeutung schlußfolgern? Dazu vielleicht ein Zitat.

    "Keine Akte zu haben könnte auf lange Sicht zum größeren gesellschaftlichen Problem werden. Trostloser kann ein Bürger nicht vorgeführt bekommen, wie weit er unter den Möglichkeiten innerhalb des Staates blieb." (Sammelband "Aktenkundig", Hrsg. Hans. J. Schädlich, dort "Das Puzzle von der geheimen Macht", Autor Lutz Rathenow, Seite 64 links oben, ISBN 978-3499196133).

    Was mag exemplarisch der trostlose Bergmann im Braunkohlentagebau bei Jänschwalde von dieser Einschätzung seiner Person halten?

    Was mag in den Köpfen der Bürger vorgehen, die kein Vergessen fordern, eine Verjährung eigener ehemaliger Straftaten aber als ganz selbstverständlich ansehen?

    "Und als ich den vermeintlichen Brief junger Thüringer Christen 1983 fälschte, um durch seine Veröffentlichung Verhaftete in Jena freizunötigen, ..." (Die Welt, 9. 4. 2006, Lutz Rathenow).

    Karl Bitzold

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