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Das Auto als Altar: Monstrosität mit vollkommen übertriebener Motorleistung.

Foto: Uli Deck /dpa

Die Rennwagen-Horden

Einspruch - Standpunkte zum Streiten. Unter diesem Motto veröffentlicht die "Freie Presse" heute ein Statement des Journalisten Thomas Gsella, der für eine neue Verkehrspolitik abseits von Auto-Lobbyismus plädiert.

Von Thomas Gsella
erschienen am 19.04.2017

Chemnitz/Zwickau. Im Juli 2015 war meine Schwester mit ihrer fünfzehnjährigen Tochter auf dem Weg in gemeinsame Ferien. Ihr Ziel hieß Usedom, sie wollten auf der Ostseeinsel baden und spazieren, ausschlafen und reiten - und kamen niemals dort an. Am Nachmittag und Abend dieses Tages starben sie, fürchterlich verletzt, infolge eines jener Auffahrunfälle, wie sie in Polen oder Italien, in Schweden oder Spanien und fast überall in Europa kaum je tödlich enden - immer wieder aber in Deutschland, dem einzigen Land des Kontinents, das die Geschwindigkeiten auf Autobahnen nicht gesetzlich begrenzt.

Von gemeinsamen Fahrten weiß ich, dass meine Schwester eine besonnene Autofahrerin war und keine aggressive - selten fuhr sie mehr als hundertzwanzig Kilometer in der Stunde, aus Furcht und auch, weil es ihre Autos nicht ohne Knirschen zuließen. Sie arbeitete in den unterbezahlten Berufen der Kranken- und Behindertenpflege und kam Zeit ihres Lebens nicht in die Lage, eines jener Autos zu erwerben, die über eine für Europa ungeeignete, weil vollkommen übertriebene Motorenleistung und Höchstgeschwindigkeit verfügen, ja zum Teil doppelt so schnell fahren können wie auf dem Kontinent erlaubt und ein Vielfaches jener Modelle kosten, die auf europäisch begrenzte Höchstgeschwindigkeiten ausgerichtet sind. Gälten diese auch in Deutschland, würde kaum ein Deutscher, kaum ein Europäer, kaum ein Mensch solche Autos kaufen. So aber ist es den Herstellern dieser monströsen Mobile gestattet, die deutschen Autobahnen als Test- und Präsentationsparcours zu missbrauchen.

Meine Schwester wollte einen Lastwagen überholen, wechselte auf die linke Spur, und ein Auto der deutschen Marke Audi, einige Zehntausend Euro teuer, fuhr mit einer Geschwindigkeit von etwa zweihundert Kilometern in der Stunde von hinten in das Auto meiner Schwester, das nach rechts flog in die Wiese und sich mehrmals überschlug. Sekunden später waren meine Schwester und ihre Tochter bewusstlos vor Schmerz und ihre Körper zerstört.

Es ist nicht klar, ob meine Schwester den heranrasenden Audi übersah oder ob der Fahrer des Audi ihre Geschwindigkeit überschätzte und deswegen in sie raste. Unabweisbar aber ist, dass beide mit höchster Wahrscheinlichkeit noch lebten, hätte die Geschwindigkeitsdifferenz nicht achtzig oder hundert Kilometer in der Stunde betragen, sondern zehn oder zwanzig; und auch der Fahrer des sogenannten Gegnerautos müsste, gäbe es auch ich Deutschland ein Tempolimit, nun nicht damit zurechtkommen, an zwei Toden beteiligt zu sein. Seine Familie saß im Auto und sah dieses Sterben, und so sind auch diese Menschen Opfer der deutschen Verkehrspolitik, die solche Raserei nicht verbietet, sondern fördert. Weltweit gibt es kaum mehr als eine Handvoll Staaten ohne Tempolimit: Afghanistan, Bhutan, Nordkorea, Haiti, Somalia und Deutschland, und in diesem Kreis erlauben nur die deutschen Straßenverhältnisse jene Geschwindigkeiten, die meine Verwandten aus dem Leben schleuderten. Autofahrer, die von Deutschland aus die Grenze überqueren, kennen diesen Moment des Auf- und Durchatmens: wie entspannt das Fahren plötzlich ist! Tendenziell gleichschnelle Autos rollen hintereinander her, Überholende fahren kaum schneller, augenblicklich registriert man die Verminderung der Lebensgefahr. Dass auf deutschen Autobahnen Krieg herrscht, leugnen nur die, deren Politik ihn täglich neu entfacht, und wäre die deutsche Autobahnpolizei omnipräsent, sie müsste täglich Zehntausende anzeigen wegen des Verstoßes gegen das Gebot des Abstandhaltens. Auf der linken Spur dahinrasende, hupende und lichthupende Horden ziviler Rennwagen ohne nennenswerten Abstand voneinander sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel, und in der Regel sind es junge dumme Männer mit der auch moralischen Intelligenz eines Kieselsteins, die aufs Leben, das ihnen blüht, pfeifen und aus Verzweiflung, die sie als Todesmut missdeuten, auch alle anderen mit eben jenem Tod bedrohen, dem sie johlend entgegenrasen. Dass diese Horden gern weltweit so rasten, mag sein - dass sie es in Deutschland dürfen, ist ein Skandal.

Ich habe meine Schwester geliebt und ihre 15-jährige Tochter, die geliebt wurde von ihren Geschwistern und geliebt von ihrer nun toten Mutter und ihrem Vater, der beide verlor, viele Dutzend Kinder und Frauen und Männer werden nun trauern müssen, jahrelang, jahrzehntelang, ihr Leben lang. Täglich sind in Deutschland neue Verkehrstote zu betrauern, über dreitausend im Jahr, viele sterben an überhöhter Geschwindigkeit, und allein Strafgesetze hindern mich, meine Empörung und meine Wut diejenigen spüren zu lassen, die für diese Tode, für diese Raserei Mitverantwortung tragen, indem sie alles taten und tun, die Bedingungen ihrer Möglichkeit zu erhalten.

Denn auch diese Verantwortung hat Namen und Anschrift, viele Hunderte, und an deren organisatorischer Spitze steht, als Beispiel für seinesgleichen, Matthias Wissmann, der als Verkehrsminister sich fünf Jahre lang der deutschen Autoindustrie als Lobbyist empfahl und sich dann von ihr, am Tag seines Abschieds aus der Politik im Juni 2007, von der Straße wegkaufen ließ: Seit Juli 2007 ist Wissmann Präsident des Einfluss nehmenden und maßgeblichen Berliner Verbandes der Automobilindustrie, wo er sich der Einführung eines Tempolimits nun als Lobbyist just so erfolgreich widersetzt wie vordem bereits als Minister. Mit dieser Tätigkeit verdient er gewiss zehn-, vielleicht hundertmal so viel Geld, wie meine kranken- und behindertenpflegende Schwester es tat, bevor sie und ihre fünfzehnjährige Tochter an einer Autobahn starben, auf der es faktisch kein Tempolimit gibt, weil die deutsche Autoindustrie und Matthias Wissmann samt seinesgleichen das nicht wollen. Die zivilrechtliche- und Schmerzensgeldklage der hinterbliebenen Familie wurde übrigens vor wenigen Wochen abgewiesen, da die in Deutschland geltende Richtgeschwindigkeit von 130 km/h keine ist, nach der sich deutsche Autofahrer richten müssen.



Foto: Agentur

Der Autor

Thomas Gsella wurde 1958 in Essen geboren. In den 90er- und Nullerjahren war er Redakteur und Chefredakteur der Satirezeitschrift "Titanic". Er schreibt Kolumnen, Lyrik und Bücher. Mit Oliver Maria Schmitt und Martin Sonneborn gehört er zu der "Titanic Boy Group". Gsella lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Aschaffenburg. Seit dem Tod seiner Schwester engagiert er sich für ein Tempolimit auf Autobahnen.

 
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Kommentare
14
Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
  • 23.04.2017
    19:47 Uhr

    Freigeist14: cn3bo...,es stimmt jedoch nicht ganz,daß keine etablierte Partei ein Tempolimit angehen will.Es wird nur nicht so groß aufgehangen,weil der Widerstand der Boulevardpresse und der Asphaltlobby Zeter und Mordio schreien würden.Sachlichkeit und Vernunft haben da keinen Platz.Ich wäre für ein Tempolimit von 140 km /h.

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  • 23.04.2017
    14:49 Uhr

    1953866: @cn3boj00,Zustimmung bei:"... Dänemark zurückkomme und über die Grenze fahre denke ich: jetzt geht der Wahnsinn wieder los..." Das geht mir auch so.
    Widerspruch be:i "Denn es gibt keine Vorschrift, die verlangt, beim Überholen schneller zu fahren." Doch:§5 (2) STVO "Überholen darf ferner nur, wer mit wesentlich höherer Geschwindigkeit als der zu Überholende fährt." In der Rechtsprechung ist von einer höheren Geschwindigkeit von 15 bis 20 km/h die Rede.

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  • 23.04.2017
    12:00 Uhr

    cn3boj00: @pixelghost: Sie bringen es ja beinahe auf den Punkt, nur denken Sie es nicht zu Ende. Auf unseren Autobahnen gilt Richtgeschwindigkeit 130, und damit bewegen sich die "besonnen" Fahrer ganz normal, und Sie müssen damit leben, dass die genauso die Mittelspur oder die linke Spur zum Überholen nutzen. Denn es gibt keine Vorschrift, die verlangt, beim Überholen schneller zu fahren. Das Problem sind nicht die "besonnen", sondern die die eben meinen sie müssen 160 fahren. Wer das will muss eben auch konzentrierter sein und sich mehr auf die "normalen" wie ich sie nennen möchte einstellen. Das Problem ist eben, dass man ohne weiteres mit 120 auf der linken Spur überholen darf, aber eben auch doppelt so schnell. Bei einem Tempolimit ist die Relativgeschwindigkeit eben nur 10 oder 20 km/h, und alles ist locker und entspannt! Fahren sie einfach mal raus aus Deutschland.
    In der Schweiz ist Raserei übrigens eine Straftat, da kann das Auto mal schnell konfisziert werden. Würden Sie das Risiko eingehen? Aber 2 Punkte, was solls?

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  • 23.04.2017
    11:47 Uhr

    cn3boj00: Auch wenn Herr Gsella ein etwas überspitztes Szenario von den wilden Raser-Horden auf den Autobahnen zeichnet, spricht mir der Beitrag aus dem Herzen. Immer wenn ich aus dem Urlaub in der Schweiz oder Dänemark zurückkomme und über die Grenze fahre denke ich: jetzt geht der Wahnsinn wieder los. Plötzlich ist man inmitten einer ganz anderen Art Mensch als noch kurz vorher ? und teilweise sind es doch die gleichen Leute, die eben noch entspannt mit 120 dahinrollten und plötzlich das Pedal niedertreten zum Anschlag, als würden sie etwas verpassen. Aber man sieht auch immer mehr Autos auf der deutschen Autobahn, die mit 120 oder 130 dahinrollen, schon weil es enorm den Geldbeutel schont. Denn Zeit zu sparen kann nicht wirklich als Argument für Tempo 180 gelten, das haben wohl doch schon viele erkannt. Auf kurzen Strecken sowieso nicht, und was hat man davon wenn man 15 Minuten früher am Urlaubsort eintrifft? So sind es vorwiegend ?Berufstätige bei der Arbeit?, der Transporter de Elektrikers, der von einer Baustelle ?im Westen? kommt, oder der BMW des Manager aus München, der zu einer halbstündigen Besprechung bei einem Zulieferer im tiefen Osten düst. Aber diese Leute, denen der Berufsalltag einbläut, Zeit sei Geld, können natürlich meist auch im zivilen Leben nicht mehr anders. Und so ist es nicht mal bloß der Porsche, der zu einer Spritztour herausgeholt wurde, sondern vorwiegend die teureren, größeren und schwereren Wagen der deutschen Autokonzerne, die immer wieder die linke Spur für sich gepachtet haben. Und dazu kommen dann noch reiche Ausländer, die hier mal die Sau rauslassen können, weil ihnen in ihrer Heimat die Beschlagnahmung der Edelkarosse droht, wenn sie sich nicht ans Gesetz halten.
    Als die Gesetze geschaffen wurden, die heute zum großen Teil noch unverändert gelten, gab es Autos, die fuhren 80, 100 oder 120, ein paar sehr wenige 150. Das mittlere Tempo war 100, und man wurde von Autos überholt, die mal 10 oder 20 km/h schneller waren. Heute sind die Autos viel schneller, sie fahren 160 oder 200 oder 260. Alles, was man sich hat einfallen lassen, ist eine ?Richtgeschwindigkeit? von 130. Doch es ist fatal, dass Autos eben auch ungestraft doppelt so schnell fahren dürfen. Bei einem Unterschied von 100 km/h haben Unfälle meist katastrophale Folgen. Doch die Autokonzerne dürfen ungestraft mit immer mehr Helferlein ein Sicherheit vorgaukeln, die, wenn überhaupt, am Ende eben nur den Fahrern in ihren dicken Nobelkarossen zugute kommt, doch nicht der Mutter mit ihren Kindern im Kleinwagen.
    Es ist an der Zeit, dass auch in Deutschland ein generelles Tempolimit eingeführt wird, und zwar nicht wie von den Grünen gefordert auf 30 in den Städten, sondern auf 130 auf den Autobahnen! Doch keine Partei will dieses Thema anpacken. Alle sind von den Lobbyisten der Autokonzerne geschmiert und plappern brav den Text nach, welch gravierende Auswirkungen ein Tempolimit auf die deutsche Autoindustrie habe, wohl wissend, dass das eine Zwecklüge ist, denn die Autos verkaufen sich dort, wo ein Limit gilt, genau so gut. Vielleicht würden wieder mehr vernünftige Autos gekauft, mit halb so viel PS, aber auch halb so viel Gewicht und halb so viel Verbrauch. Mehr Sicherheit, mehr Entspanntheit, weniger Schadstoffe, weniger Opfer ? alle logischen Argumente sprechen dafür. Aber wenn man den Bürger immer mehr bevormundet, ihn immer weniger teilhaben lassen will an Entscheidungen, um so mehr will man ihm mit dem Gefühl ?freie Fahrt für freie Bürger? eine Freiheit vorgaukeln, die längst nur noch ein Zwang der Konsumgesellschaft ist.

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  • 21.04.2017
    18:58 Uhr

    Freigeist14: Pixelghost,die "Trulla" könnte auch ein "Horst" sein,der meint,bei einer 3 spurigen Autobahn grundsätzlich in der Mitte fahren zu müssen.

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