Joachim WaltherFoto: Wolfgang Schmidt
Die Sehnsucht nach Selbstverständlichkeit
Wendegeschichten (4): 20 Jahre nach dem Mauerfall erinnern 20 Autoren an die Friedliche Revolution von 1989 - Diesmal Joachim Walther
Dieser Text ist bei einem Glas Wein in der Toskana entstanden. Der aus Chemnitz stammende Autor Joachim Walter schreibt: "In den Ferienwohnungen ringsum Leute aus Utrecht und Manchester, dazu Bayern und Schwaben - und ganz selbstverständlich Brandenburger und Sachsen. Die Sehnsucht nach dieser Selbstverständlichkeit war zweifellos eine der Energiequellen der Revolution."
Chemnitz/San Gimignano. Allein der Ort, an dem diese Kolumne entsteht, illustriert die erfreulichen Folgen der Friedlichen Revolution von 1989: Ich sitze am Pool des toskanischen Weingutes "Bellavista", umgeben von Weinstöcken und silbrig flirrenden Ölbäumen, mit einem atemberaubend weiten Blick auf die sanften Zypressenhügel und die Türme von San Gimignano. In den Ferienwohnungen ringsum Leute aus Utrecht und Manchester, dazu Bayern und Schwaben - und ganz selbstverständlich Brandenburger und Sachsen. Vor 1989 undenkbar.
Die Sehnsucht nach dieser Selbstverständlichkeit war zweifellos eine der Energiequellen der Revolution. Die Öffnung zur Welt, der Ausbruch aus der jahrzehntelangen ideologischen und räumlichen Enge kam, obwohl oft geträumt, mit dem ersten Loch in der Mauer überraschend plötzlich. Ungestüm rauschte die Weltzeit in die östliche Enklave der gestockten Zeit und spülte mit sich fort, was sich nicht bewegen wollte.
Die greisen Machthaber hatten es geahnt. Deshalb Stacheldraht und Schießbefehl, deshalb die Denkverbote, die ideologischen Gebetsmühlen, die paranoide Überwachung, das politische Strafrecht. Alles vergebens. Die Weltzeit ließ sich durch derart martialische wie lächerliche Bemühungen nicht aufhalten, sie strömte ein und ließ den leergepumpten Block des Kommunismus implodieren.
Für mich, für viele der grandioseste Augenblick, ungläubig und euphorisch zugleich erlebt. Wahnsinn: Das Wort dieser Tage, in denen nicht nur der Zeitgeist wehte, sondern der Weltgeist die Bühne betrat. Hinzu kamen die wundervollen Monate der Anarchie, als die Macht der Funktionäre dahin schmolz und die Regularien des Rechtsstaats noch nicht installiert waren.
Welche Genugtuung, das Absterben des sklerotischen Staates zu erleben! Welche Erlösung, öffentlich frei zu reden, unzensiert zu schreiben, unkontrolliert Grenzen zu überschreiten, die bislang unterdrückten Talente der Leute erwachen zu sehen, die Freude in deren Gesichtern, die wiedergefundene Würde und andererseits die trostlosen Mienen der einst Mächtigen!
Aber wie alles hatte auch die Ankunft der Weltzeit seine zweite Seite. Das Weltzeit-Metronom tickte schneller, so dass jeder, der die dröge Ostzeit per Geburt als seinen Biorhythmus internalisiert hatte, in Turbulenzen geriet. Ich spreche von mir: ein Roman in sechs Monaten, ein Beitrag für die Zeitung in zwei Stunden - unmöglich.
Zudem wusste man sich im Osten der vielen Zumutungen wohl zu wehren, da man die offizielle Sprachregelung und die Reizschwelle der Macht kannte, im Westen angekommen jedoch, den neuen Tücken zunächst naiv anheimfiel, ich sage nur: Anlageverführer, Gewinnversprecher, Glückverkäufer jeglicher Couleur.
Doch klage ich nicht und klage nicht an, denn all das und noch mehr scheint mir inmitten der Weinberge von San Gimignano nahezu belanglos. Und so erhebe ich mein Glas: Salute 1989!
Von Joachim Walther
Zur Person
Joachim Walther wurde 1943 in Chemnitz geboren. Nach dem Abitur in Karl-Marx-Stadt studierte er Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität in Berlin. Er war Lektor und Herausgeber beim Buchverlag "Der Morgen", Redakteur der Literaturzeitschrift "Temperamente", ab 1983 freier Schriftsteller.
1989 kehrte er aus Mecklenburg nach Berlin zurück und war 1990 letzter stellvertretender Vorsitzender des DDR-Schriftstellerverbandes. Walther ist Verfasser von Romanen, Erzählungen, Kinderbüchern und Hörspielen. Nach der Wende war eines seiner Hauptanliegen die Dokumentation des Einflusses der SED-Politik auf die Literatur in der DDR und die Praktiken, mit deren Hilfe das Ministerium für Staatssicherheit den DDR-Literaturbetrieb überwachte. Joachim Walthers Buch "Sicherungsbereich Literatur" ist ein Standardwerk zu diesem Thema. 2001 initiierte er zusammen mit Ines Geipel das Projekt eines "Archivs Unterdrückter Literatur in der DDR". (uh)
Bisher erschienene Beiträge