Gesine Schwan Gesine Schwan

Foto: Heide Fest/dapd/Archiv

Die (Un)freiheit der Wissenschaft

Gesine Schwan bemängelt, dass Deutschlands Hochschulen chronisch unterfinanziert sind

Chemnitz. In Deutschland ist die Freiheit von Forschung und Lehre verfassungsrechtlich garantiert. Doch obwohl sich das rohstoffarme Deutschland damit brüstet, Bildungsrepublik zu sein, leiden insbesondere die Hochschulen unter Geldmangel. Um überhaupt wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen die Universitäten zunehmend unternehmerisch handeln. Wie sich das auf die Freiheit von Forschung und Wissenschaft auswirkt, darüber sprach Antje Kloppenburg mit Gesine Schwan.

Freie Presse: Universitäten sind chronisch unterfinanziert. Viele sind wahre Weltmeister im Drittmitteleinwerben. Ist das der richtige Weg?

Gesine Schwan: Ja, ich glaube, das ist der Weg, den ziemlich viele zunehmend gehen wollen. Aus dem Faktum heraus, dass wir seit der Erweiterung der Kohorten, die zu Recht seit den 60er-Jahren in die deutschen Hochschulen gekommen sind, nie das Geld bekommen haben, das für ihre Ausbildung nötig ist. In den 60er-Jahren gingen 5 Prozent eines Jahrgangs an die Hochschulen, heute sind es 30 Prozent.

Freie Presse: Ist dies nie korrigiert worden?

Gesine Schwan: Im Gegenteil: Das Problem wurde politisch verschoben. Der Mangel der Finanzierung wurde den Universitäten angelastet, die als öffentliche, träge Institutionen angeblich nicht mit Geld umgehen können, hieß es. Also sollten sich die Hochschulen sparsamer und marktwirtschaftlicher verhalten, sich in der Führung Unternehmen angleichen und im Wettbewerb bewähren. Das Grundproblem der Unterfinanzierung besteht aber bis heute fort. Ohne seine Lösung werden wir nichts Wesentliches an der Misere der Hochschulbildung ändern.

Freie Presse: Und, sind Sie inzwischen zur Managerin geworden?

Gesine Schwan: Ich habe grundsätzlich nichts dagegen, dass Professoren auch lernen, Manager zu sein. Es stellt sich aber die Grundsatzfrage, ob sie wegen des Geldmangels ihren Beruf wechseln sollen, ob die Unterschiede zwischen den Subsystemen der Gesellschaft, zwischen Bildung und Wirtschaft eingeebnet werden sollen. Wir beobachten gegenwärtig eine Tendenz, diese Systemunterschiede völlig zu verwischen und zwar zuungunsten all der Güter, die wir früher als öffentliche Güter bezeichnet haben. Ich halte es selbst ökonomisch und gesamtgesellschaftlich für völlig kontraproduktiv, Menschen, die sich dadurch auszeichnen, dass sie gut analytisch denken können, zu ökonomischen Managern zu machen. Umgekehrt halte ich es für kontraproduktiv, das Ergebnis von Wissenschaft und Bildung daran zu messen, ob ein ökonomischer Erfolg im Markt besteht. Der Wert von Wissenschaft wird nur noch in zwei Zielen gesehen: Reputationsgewinn und schnelle ökonomische Verwertung.

Freie Presse: Auf Kosten der Wissenschaft …

Gesine Schwan: Natürlich wird der Geist der Freiheit propagiert, aber angesichts der unglaublichen Verknappung der Mittel zur wirklichen freien geistigen Tätigkeit entsteht eine Unterwerfung unter den Grundsatz "wes Brot ich ess, des Lied ich sing", also unter die Kriterien der Finanzierung. Das geht soweit, dass selbst krasseste Verstöße gegen den Geist der Freiheit nicht mehr geahndet werden, weil man 50 Millionen verliert. So ist die Situation jetzt. Ich halte allerdings an dem ursprünglichen Sinn von Wissenschaft fest, weil ich fest davon überzeugt bin, dass sich die gegenwärtige Pervertierung irgendwann sehr drastisch negativ auswirken wird.

Freie Presse: Inwiefern?

Gesine Schwan: Wir haben es zum Teil doch schon in der Finanzkrise gesehen. Die Wirtschaftswissenschaften an den Hochschulen haben aus verschiedenen Gründen, von denen aber viele mit der ökonomischen Rentabilität zu tun haben, nicht unterschiedliche methodische Ansätze der Wirtschaftsanalyse gepflegt, dachten alle sehr ähnlich und waren deshalb nicht auf die Krise vorbereitet. Zur Wissenschaftsfreiheit gehört ganz wesentlich, dass man eine Pluralität von Ansätzen miteinander konfrontiert, weil keiner von uns die Wahrheit gepachtet hat. Wenn diese Pluralität der Ansätze drastisch reduziert wird, geht das auf Kosten der Erkenntnis.

Freie Presse: Es wird also nur noch in Projekten gedacht, die rentabel sind?

Gesine Schwan: Das Heranschaffen von zusätzlicher Finanzierung generiert einen Habitus bei Wissenschaftlern, der sich stark danach richtet, wofür Finanzierungen angeboten werden. Am Ende ist nicht die auf den Nägeln brennende Frage die Triebfeder, sondern die monetäre.

Freie Presse: Also eine Umkehr der Vorgehensweise...

Gesine Schwan: Genau. Natürlich sollte sich Wissenschaft nicht nur danach richten, welche Fragen sich Wissenschaftler ausdenken, im Mix mit praktisch relevanten Fragen liegt die Lösung. Wissenschaft muss auch technologisch verwertbare Ergebnisse hervor bringen, aber eben nicht nur. An der gegenwärtigen Situation stört mich vor allem der kurzfristige Horizont, das Ausschließen von Alternativen, die auch erwägenswert sind, und das Ausblenden von Fragen, die im Moment nicht wichtig erscheinen, von denen wir aber nicht wissen, ob sie in 20 Jahren vielleicht wichtig sind.

Freie Presse: Sind Universitäten bereits zum Spielball ökonomischer Interessen geworden?

Gesine Schwan: Nicht in allen, aber in vielen Bereichen sind sie durch ökonomische Interessen funktionalisiert. Natürlich gibt es eine ganze Menge öffentlicher Finanzierung, wenn man sich aber mal ansieht, wonach sich diese richtet: 98 Prozent der europäischen Finanzierung ist für den technologisch, ingenieur- und naturwissenschaftlichen Bereich vorgesehen. Und dieser wird über weite Strecken mit der Industrie vorher abgesprochen, es ist dann völlig egal, ob es sich um eine staatliche Förderung handelt oder nicht. Das Problem ist, dass die Universitäten, die dermaßen unterfinanziert sind, nicht mehr ihren eigenen Sachverstand gegenhalten, weil sie sonst ihre Chancen gefährden, Drittmittel einzuwerben. Wir haben hier eine völlig Asymmetrie der gesellschaftlichen Macht.

Freie Presse: Was folgt für Sie daraus?

Gesine Schwan: Ganz klar: Wir müssen eine budgetäre Umverteilung haben. Bildung muss sehr viel energischer auch im Zusammenhang ihrer Implikation für die Gesellschaftsform, in der wir leben wollen, thematisiert werden. Bildung steht seit der Antike immer im Zusammenhang mit der Sicht, die wir vom Menschen, vom gelungenen Leben und von einer guten Gesellschaft haben. Stattdessen hat man sich analog zur Wirtschaft völlig auf den Wettbewerb als Maßstab und Motor von Leistung konzentriert. Warum das so ist, wurde nicht mehr hinterfragt.

Freie Presse: Wettbewerb ist offenbar der Heilsbringer ...

Gesine Schwan: Dass im Wettbewerb allerdings immer nur bestimmte Qualitäten gemessen werden können, wurde nicht thematisiert. Viele Parameter werden ausgeblendet, wodurch unterschiedlichen Potenzialen der Menschen keine Gerechtigkeit widerfährt.

Freie Presse: Wohin wird das führen?

Gesine Schwan: Zum verstärkten Einwerben von Drittmitteln, die nachweislich im natur- und ingenieurwissenschaftlichen Bereich am meisten fließen. Ich fürchte, wir laufen noch länger in die falsche Richtung. Die Lernprozesse gestalten sich langwierig.

Freie Presse: Themenwechsel: Inzwischen jagt eine Doktorarbeit mit dem Vorwurf, ein Plagiat zu sein, die nächste. Was bedeutet das für den Ruf der Wissenschaft?

Gesine Schwan: Das Thema ist nicht neu. Wenn einige Universitäten nun so tun, als wäre das Problem neu für sie, sind sie entweder unredlich oder leben fern ab von der Realität. Es gibt eine Reihe von Doktoranden, die ihre Doktorarbeit nicht schreiben, weil sie wissenschaftlich interessiert sind, sondern weil sie beruflich Erfolg haben wollen. Aber auch der Fall Guttenberg zeigt, dass es den Universitäten nicht mehr nur darum geht, nach der Wahrheit zu suchen, sondern allerlei andere Versuchungen eine Rolle spielen. Das Ur-Übel: Die Universitäten haben ihren Stolz verloren, weil sie kein Geld haben.

Freie Presse: Promovieren hat doch nichts mit den Uni-Finanzen zu tun, oder?

In der leistungsbezogenen Mittelvergabe, die jetzt herrscht, zahlt sich aber die Doktoranden-Zahl durchaus aus. Das Grundproblem auch hier: Nach welchem Maßstab finanzieren sich Universitäten? Man hat die Wirtschaftlichkeit von Hochschulen steigern wollen und entsprechende Leistungskriterien formuliert. Danach gibt es eine Grundfinanzierung, die an der Zahl der Studierenden gemessen wird, aber auch an der Art der Fächer, die studiert werden. Zusätzlich gibt es Leistungszulagen. Hier besteht das Problem darin, dass Qualität, eine qualitativ gute Doktorandenausbildung, in Quantität umgerechnet werden muss, also die Zahl der fertigen Doktoranden. Das ist bei dieser Art der Mittelvergabe unvermeidbar.

Freie Presse: Es zeigt sich aber doch auch, dass es sehr oft an der nötigen Sorgfalt der Doktorväter fehlt…

Gesine Schwan: Viele Doktorväter haben seit Jahrzehnten die Doktorarbeiten nicht mehr selbst sorgfältig durchgesehen, sondern dies von ihren Assistenten "vorprüfen" lassen, dann vielleicht noch quergelesen, das ist ein bekanntes Problem. Das wird sich erst wieder ändern, wenn die personale Dimension von Bildung wieder ins Bewusstsein tritt und honoriert wird. Bildung entsteht in der Beziehung zwischen Personen. Qualitativ hoch geschätzte Wissenschaft kann nur erreicht werden, wenn es genügend Personal gibt und dieses solche Bildung auch schätzt.

Freie Presse: Ist der Glaube an die Wissenschaft gänzlich zerstört?

Gesine Schwan: Ich habe mich viel mit dieser Frage beschäftigt und glaube, dass sich einzelne vertrauenswürdige Personen dafür einsetzen müssen. Das gilt aber nicht nur für den Wissenschaftssektor, sondern auch für die Politik. Wenn die Hochschulen aus der Politik Gegenwind haben, weil sie finanziell unter Druck sind, werden sie es nicht schaffen.

Freie Presse: Das hört sich pessimistisch an…

Gesine Schwan: Hier hilft nur, das Problem nüchtern zu betrachten und sich davor zu hüten, es als vorübergehende Oberflächenerscheinung abzutun. Ich würde Philosophie zum Pflichtfach in Schule und Universität machen, damit die Menschen endlich wieder fragen, denken und nachdenken lernen und nicht alles als selbstverständlich hinnehmen.

Freie Presse: Auch im Bologna-Prozess läuft einiges schief….

Gesine Schwan: Die ursprüngliche Absicht, die Mobilität der europäischen Studierenden durch vergleichbare Abschlüsse zu stärken, war sicher gut. Sicher war es auch sinnvoll, zu lange Studiengänge aufzuteilen und eine Zeit der Praxis einzuschieben. Leider ist das Ganze nicht so geworden, wie man es sich gedacht hat, was viele Gründe hat.

Freie Presse: Welche?

Gesine Schwan: Die Internationalisierung von Studium und Forschung war nur ein kleineres Motiv der Initiative. Der Schwerpunkt lag darauf, den europäischen Wirtschafts-, Arbeits- und Hochschulraum konkurrenzfähig zum asiatischen und amerikanischen zu machen. Zugleich sollten die Studiengänge enorm gestrafft werden. Der vorgeschobene ideologische Grund dafür war, junge Leute, so lange sie noch kreativ seien, in den Arbeitsprozess zu schicken. Man ging davon aus, dass die Kreativität mit 33 Jahren, diese willkürliche Aussage meine ich ironisch, abrupt nachlässt. In Wirklichkeit lässt aber nicht die Kreativität nach, sondern die persönliche Flexibilität und Verwendbarkeit, weil die Phase der Familiengründung beginnt.

Freie Presse: Diese Straffung führt doch unweigerlich zu einem verschulten Studium …

Gesine Schwan: Hier muss ich nochmal ironisch werden: In unserer Wissenschaftsgesellschaft hat man das Ziel proklamiert, nur rund 40 Prozent der Bachelor-Absolventen überhaupt den Master machen zu lassen, weil allein Wissenschaftler den brauchen. Ich halte das für Unsinn, Universitäten waren noch nie nur für die Ausbildung von Wissenschaftlern da. Die Reduzierung der Masterstudierenden liegt wiederum an den fehlenden Finanzen. Aus ihr folgt, dass die Studierenden extrem nach guten Noten schielen müssen. Der Versuch, eigene Wege zu gehen, nach der Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns zu fragen, wird fast unmöglich. Vieles würde sich positiv ändern, wenn der Master jedem offen stünde. Der Spaß am Studium ist in den letzten Jahren völlig abhandengekommen. Das schadet auch der Persönlichkeitsbildung und Urteilsfähigkeit.



 

Zur Person

Die aus einer sozial engagierten Familie stammende Gesine Schwan wurde 1943 in Berlin geboren. Ihre Familie gehörte im Nationalsozialismus protestantischen und sozialistischen Widerstandskreisen an. Gesine Schwan besuchte das Französische Gymnasium in West-Berlin, an dem sie 1962 das Abitur ablegte. Anschließend studierte sie Romanistik, Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaft in Berlin und Freiburg/Breisgau. 1970 schloss Gesine Schwan ihre Promotion über den polnischen Philosophen Leszek Kolakowski ab. Von Oktober 1999 bis September 2008 war Gesine Schwan Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Im Januar 2005 übernahm sie das Amt einer Koordinatorin der Bundesregierung für die grenznahe und zivilgesellschaftliche Zusammenarbeit mit Polen. Diese Aufgabe übte sie bis September 2009 aus. Gesine Schwan ist Gründungsmitglied der Humboldt-Viadrina School of Governance, deren Präsidentin sie derzeit ist. In den Jahren 2004 und 2009 kandidierte sie für das Amt der Bundespräsidentin. Sie ist nach dem Tod ihres ersten Mannes in zweiter Ehe verheiratet.

 
erschienen am 18.08.2011
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