Sie werden als Tradition wiederbelebt: Die Fensterbrettel in Auerbach. Das ist auch der Verdienst von Christine Schlüssel, Tochter des Vollksschullehrers Hellmuth Vogel. Mit viel Liebe gestaltet sie ihr Fensterbrettel. Sie werden als Tradition wiederbelebt: Die Fensterbrettel in Auerbach. Das ist auch der Verdienst von Christine Schlüssel, Tochter des Vollksschullehrers Hellmuth Vogel. Mit viel Liebe gestaltet sie ihr Fensterbrettel.

Foto: Wolfgang Schmidt

Die Welt des Dorfes im Fenster

Ein besonderer Weihnachtsbrauch wird in Auerbach gepflegt. Nicht umsonst trug einst der Erzgebirgsort den Namen "Fensterbretteldorf".

Nun, in der Advents- und Weihnachtszeit, strahlt über dem Gebirge der helle Schein, und die alten Lieder singen davon: "In alle Fanster Lichterpracht, wie glänzen hall de Lichtla, dos schimmert un flimmert, dos glitzert un blinkt." Kaum eines der erzgebirgischen Weihnachtslieder lässt die Lobpreisung des Lichts aus. Von den Bergen aus sehen die Städte und Dörfer im Land aus wie ein irdisches Sternenmeer, übersät wie der abendliche Himmel.

Im Erzgebirge sind die Häuser und Plätze geschmückt mit Schwibbögen und Lichterfiguren, Engel und Bergmann voran, im Freien und in den Stuben drehen sich die Pyramiden. Und es ist immer das Fenster, das dem Licht nach draußen wie nach drinnen seine Bahnen öffnet. Fenster, heißt es, sind die Augen der Häuser.

In Auerbach, Erzgebirge, ist Besonderes zu sehen, eine heimische und früher auch weit verbreitete Sitte ist wieder aufgelebt. Das "Fansterbrattl" schmückt Häuser und in einer Großform ist eine historische Nachbildung auch im Freien, gegenüber dem Rathaus, aufgestellt.

Es ist eine alte Geschichte. Früher war es nicht nur ein Brauch weihnachtlichen Schmucks, sondern im Erzgebirge auch ein praktischer Trick: Doppelfenster gehörten zur kalten Jahreszeit ans Haus und die Zwischenräume auf dem Fensterbrett wurden meist mit schützendem Waldmoos ausgelegt. Das Moos holten wir damals bereits um die Zeit des Reformationstages, es war immer ein Kindheits-Ereignis, denn schon kam so etwas wie Vorfreude auf die Weihnachtszeit mit aus dem Wald herein. Von den Männeln und Häuseln, die in den Familien für die Advents- und Weihnachtszeit vom Boden geholt und ausgepackt wurden, kamen die besten und schönsten auf das Moospolster zwischen das Doppelfenster, "für de Leit". Das war in den Dörfern des Erzgebirges bis weit in die Nachkriegszeit Brauch, wir gingen als Kinder von Haus zu Haus und guckten den Leuten in die Fenster.

In Auerbach aber war das "Fansterbrattl" in kunstvolle Form und zu ganz besonderen Ehren gekommen, zeitweise wurde der Ort weithin als Fensterbretteldorf bezeichnet, fast in jedem Haus war dieser Weihnachtsschmuck zu sehen. Es soll in den dreißiger-Jahren im Dorf an die tausend Fensterbretteln gegeben haben. Heute sind es längst nicht mehr so viele, aber von Jahr zu Jahr werden es mehr.

Wie Auerbach zu dieser Tradition gekommen ist, kann man am besten von Christiane Schlüssel im Zipfelhaus erfahren. Die Tochter des Künstlerehepaars Hildegard und Hellmuth Vogel hat das Erbe ihrer Eltern fortgeführt, sowohl den Brauch des Fensterbrettels, als auch die von ihrer Mutter begründete Blütenbildnerei in der Zipfelhauswerkstatt. Und sie weiß zu erzählen, wie ihr Vater als junger Volksschullehrer nach Auerbach kam und in einem Haus das geschmückte Doppelfenster sah. Das Arrangement begeisterte den Lehrer, der sich dem modernen Denken der Reformschule und der Wandervogelbewegung verpflichtet fühlte, zudem erzgebirgische Volkskunst und Volkskunde sehr schätzte. Als Lehrer für Deutsch, Kunsterziehung, Werken und Heimatkunde ging seine Arbeit mit den Kindern weit über die damals übliche Eingrenzung der Fächer hinaus. Lernen und Empfinden, Anschauung, Heimat- und Naturverbundenheit waren Erziehungsziele, die nicht auf den bloßen Schulunterricht beschränkt blieben. Seine Faszination des Fensterbrettels den Schülerinnen und Schülern zu vermitteln, war für ihn nicht nur Heimatkundestoff, sondern eine sehr praktische Angelegenheit. Er setzte sich in den Kopf, mit den Schülern den im Schwinden begriffenen Adventsbrauch zu erneuern. Vogel entwarf zahlreiche Gestaltungen, vor allem aber regte er die Mädchen und Jungen an, selbst ihre "Fansterbrattln" zu zeichnen und zu bauen. Zeichen- und Werkunterricht verschmolzen mit Heimatkunde, denn vorwiegend wurden die schönsten Dorfhäuser nachgestaltet, möglichst in Details wie Fachwerk, Schindeln, Türformen, Bäumchen und - wenn möglich - Schnitzereien. Dazu entstanden passende Bänkchen, damit das Fensterbrettl genügend hoch stand und von außen zu sehen war.

Die Werkstube der Schule wurde zum Bastelzentrum, es wurde gesägt, geschnitten, gehämmert und gemalt. Oft wurden den selbst gefertigten Häuseln Miniaturfiguren, Fuhrwerke und Bäumchen aus Seiffen - damals noch immer "Pfennigware" - zugesellt, die Hellmuth Vogel beschaffte. Er selbst bevorzugte die Figuren des später legendär gewordenen Figurenmachers Karl Müller, mit dem er sich anfreundete. Verwandte Seelen, beide wussten, was gut war. Hellmuth Vogel entwarf Figuren für den Seiffener Männelmacher, mit denen er auch seine Pyramiden ausstattete. Und er hörte nie auf zu tüfteln und zu gestalten. Sogar einen Mechanismus für die Bewegung von Figuren und Fahrzeugen erfand der Lehrer.

So war das Auerbacher "Fansterbrattl" wieder zu Ehren gekommen. In den dreißiger-Jahren fanden Besucher von weither den Weg in das Strumpfwirkerdorf, um die Pracht zu bestaunen. Es war die Zeit, da Erich Lang in Olbernhau, ebenfalls Lehrer, das Lied "Durch de Gassen weiß beschneit..." schrieb und erzählerisch vom Bergmann berichtet, der durch das Dorf geht: "Bleib an manning Fanster stieh, ach wie sieht's do schie", singt er. Das Lied ist so besinnlich wie der Anblick.

Nach dem Krieg und nach dem frühen Tod Hellmuth Vogels 1950 ging die Fensterbrettel-Tradition abermals zurück, obwohl noch viele ehemalige Schüler des Vugl-Schullehrers, wie er im Ort genannt wurde, ihre einstigen Weihnachtssachen hatten. Der elektrische Schwibbogen kam in Mode, die Fenster wandelten sich.

Aber Christiane Schlüssel ließ die Auerbacher Tradition nicht los. Sie gewann mehr und mehr Auerbacher, entweder ihre alten Exemplare wieder in die Fenster zu stellen oder aber neue zu machen. Wie anderswo Schnitz- und Heimatvereine große öffentliche Pyramiden oder Schwibbögen schufen, so bauten Auerbacher Heimatfreunde das große Fensterbrett und stellten es in die Dorflandschaft. Es ist eine vergrößerte Nachempfindung eines Hellmuth-Vogel-Entwurfs und vielleicht wird es auch eine Art Denkmal für den Volksschullehrer. Die Eigenart dieser Figuren- und Landschaftsszenen im Großen wie im Kleinen ist Bewahrung der Echtheit volkskünstlerischen Empfindens, für das Hellmuth Vogel eintrat und sich damit einen Namen weit über Auerbach hinaus machte. Vor allem mit seinem Gesinnungsfreund Friedrich Emil Krauß, dem Unternehmer aus Schwarzenberg, wirkte er durch seine Entwürfe wie durch seinen Einfluss auf gute Gestalt.

Zu Leben und Wirken von Hellmuth Vogel ist im Verlag der Kunst ein Buch erschienen. Das Auerbacher Fensterbrettel, es sieht ganz so aus, als wäre es das größte Verdienst des Volksschullehrers. Er hat eine Generation von volkskünstlerisch gesinnten Frauen und Männern erzogen, die damals und, wenn sie noch leben, auch heute gestaltete Heimatliebe im wahrsten Sinn zeigen. Vieles von ihren alten Zeichnungen und Entwürfen ist zu sehen.

Vogel sammelte die besten Aufsätze, Kinderverse und -sprüche. Jetzt, zur Weihnachtszeit, zeigt das Schlossbergmuseum Chemnitz eine Auswahl aus seinen Sammlungen, die seine Tochter zu großen Teilen dem Museum übergab. In einem der so bewahrten Aufsätze schreibt 1938 die Schülerin Lotte Günther, wie sie ihr Fensterbrettel aufbaute: "Oh weh, jetzt entdecke ich gar, dass der Bauer den Arm gebrochen hat. Da sagt mein Vater, na hol nur schnell den Leimtopf und stelle ihn auf den Ofen. Es wird noch mehr Invaliden geben. Nun stellte ich das Brettel ins Fenster, das mein Vater gebaut hatte. Es passte wie angegossen. Dann befestigte ich das grüne Papier, das die Wiese darstellen sollte und stellte vier Lichter darauf. Endlich kommen die bunten Figuren an die Reihe. Das Haus hatten wir voriges Jahr in der Ecke stehen, das kommt heute in die Mitte, damit unser Fensterbrettel jedes Jahr anders aussieht, sagt mein Vater. Und die Weide kommt mal ganz links in die Ecke, das Baumhaus neben die Weide mit der Hundehütte, dann einige Dorfhäuser und anschließend kommt der Wald mit der Fuchshöhle und dem Fuchs am Eingang, der nach dem Hasen trachtet. Mitten im Wald kommt der Förster mit der langen Tabakspfeife."

Was gut und wichtig ist, besteht oder kommt wieder. Geht man durch Auerbach, lebt die Ahnung vom Fensterbretteldorf wieder auf. Wenn sich die Auerbacher tüchtig ins Zuug legen, kann der Ort zu einer weiteren Attraktion des Erzgebirges werden.

Termin

Die Hellmuth-Vogel-Ausstellung "Winter in Farbe" ist bis 26. Februar zu sehen. Geöffnet ist das Schlossbergmuseum Chemnitz Dienstag bis Sonntag sowie an Feiertagen von 11 bis 18 Uhr. Am 24. und 31. Dezember ist geschlossen.

Buchtipp "Zwischen Davos und Auerbach. Leben und Wirken des Volksschullehrers Hellmuth Vogel". Verlag der Kunst. ISBN 978-3-86530-146-8. 24,90 Euro.

 
erschienen am 22.12.2011 ( Von Reinhold Lindner )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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