"Die deutsche Einheit war keine Einbahnstraße der Geschichte"
20 Jahre nach dem Mauerfall geht der TV-Historiker Guido Knopp auf Vortragsreise
Berlin/Chemnitz. Bundespräsident Richard von Weizsäcker steht an der Berliner Mauer und schaut kurz nach dem 9. November 1989 durch einen der Durchbrüche. Da blickt auf der anderen Seite ein Offizier der Grenztruppen der NVA durch ein Mauerloch, von denen es schon etliche gab. "Der Grenzer salutiert: ,Melde gehorsamst, Herr Bundespräsident, hier keine besonderen Vorkommnisse.'" So jedenfalls erinnert sich Guido Knopp, der Chefhistoriker des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF), der damals der damals Augenzeuge der Begegnung war. Er war dabei, eine Dokumentationsreihe zu drehen, deren Ausgang er nicht kannte. "Sie trug den Titel ,Die deutsche Einheit' - aber es wusste zu diesem Zeitpunkt wirklich niemand sicher, ob es zu dieser kommen würde", stellt Knopp klar. Denn eines würden heute viele Bürger heute vergessen: Die deutsche Einheit war alles andere als ein Automatismus, alles andere als eine "Einbahnstraße der Geschichte".
"Ich haben nie wieder so viele Männer weinen gesehen"
Am Morgen des 10. November, einen Tag nach dem die Mauer gefallen war, flog Knopp nach Berlin. Es sollte das vielleicht fulminanteste Wochenende seines Lebens werden. "Ich habe nie wieder so viele erwachsene Männer vor Freude weinen sehen; auf der Glienicker Brücke fielen sich wildfremde Menschen in die Arme", beschreibt Knopp. "Es war ein elementares Erlebnis für mich."
Knopp, selbst Hobbycellist, erlebte, wie der weltberühmte Cellist und Dirigent Mstislaw Rostropowitsch aus Paris eingeflogen wurde, um am Checkpoint Charly die Solosuiten von Bach zu spielen. Er verfolgte das "Konzert für Berlin" von Udo Lindenberg und Joe Cocker.
Spricht man mit Knopp, nennt er ein Ereignis der friedlichen Revolution nach dem anderen, so als sei es erst gestern gewesen. Seine Erfahrungen mischen sich bei ihm mit fundiertem Historikerwissen. Dabei hat er nicht nur die Akten der "2 plus 4 Verträge" studiert, sondern zahlreiche offizielle Protokolle aber auch Niederschriften von beteiligten Politikern, britische und französische Geheimakten. Im Unterschied zu den Amerikanern hatten die Franzosen und noch mehr die Briten starke Vorbehalte gegen die deutsche Einheit. Sie fürchteten, dass ein starkes Deutschland das Gleichgewicht in Europa durch- einanderbringen könnte. "Während François Mitterrand die Einheit nach außen zwar unterstützte, hintertrieb und verzögerte er den Prozess hinter den Kulissen. Das geht aus den Niederschriften seines Vertrauten Jacques Attali hervor", so Knopp. Warum lenkte Mitterrand plötzlich doch ein? "Helmut Kohl sicherte ihm bei einem Spaziergang am Atlantik zu, dass Deutschland den Euro einführen werde." Im Klartext: Während die Ostdeutschen auf die D-Mark hofften und ihr Begrüßungsgeld abholten, verhandelten der deutsche und der französische Staatschef um den Euro. "Mitterrand wollte eine Garantie, dass das vereinte Deutschland wirtschafts- und währungspolitisch in der Europäischen Union verankert wird", erläutert Knopp. Die "Eiserne Lady" Margaret Thatcher habe dann erst im Frühjahr 1990 "zähneknirschend zugestimmt".
Dass die Amerikaner von vornherein der Einheit eher zugetan waren, liegt für den Historiker auf der Hand. Knopp: "Sie dachten in größeren Zeiträumen. Ihnen war wichtig, dass Deutschland in der Nato verankert wird und damit die Auseinandersetzung mit dem Warschauer Pakt erledigt ist".
Im Mai 1990 hatte der sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow es den Deutschen freigestellt, welches Bündnis sie wählen. Von Hardlinern im Kreml wurde er dafür gescholten. Er habe die DDR - die Kriegsbeute - für einen Apfel und ein Ei weggegeben. Insgesamt flossen 15 Milliarden Mark von bundesdeutscher Seite an die Sowjets. Doch alles hätte schief gehen können. "Wir wissen heute, dass es einen ernsthaften Putschplan gegen Gorbatschow gegeben hat, den damaligen Kreml-Chef und Garanten für die Einheit auf sowjetischer Seite. Erst im letzten Augenblick scheiterte das Vorhaben daran, dass der für Gorbatschow als Nachfolger auserkorene General sich verweigerte", beschreibt Knopp. Es seien dieselben Putschisten gewesen, die ihren Plan ein Jahr später, im August 1991, doch noch durchzuziehen versuchten. Der Putsch ist dann am Widerstand von Boris Jelzin gescheitert. "Wäre er im ersten Anlauf 1990 durchgeführt worden, hätten wir die Deutsche Einheit wohl vergessen können", sagt Knopp. Er verdeutlich damit, dass "die Tür zur Einheit nur eine kurze Zeit nur einen kleinen Spalt offen stand".
Multimedialer Vortrag am 18. November in Chemnitz
Die Menschen haben die Chance genutzt. Deshalb kann der Historiker Knopp im Jahr zwanzig der Einheit nach Chemnitz kommen. Er kennt die Stadt noch nicht. Ihm fällt nur spontan ein, dass es die Heimatstadt von Kati Witt ist und von Michael Ballack. Am 18. November wird er in der Stadthalle seinen multimedialen Vortrag halten, mit noch unveröffentlichtem Film- und Bildmaterial. Auch Zeitzeugen aus der Region werden auf der Bühne zu Wort kommen. Der Vortrag steht unter dem Titel "Die Deutsche Einheit - Wie es wirklich war".
Service:
Die Veranstaltung findet am 18. November in der Stadthalle Chemnitz statt. Tickets gibt es in allen "Freie Presse"-Shops und unter der kostenlosen Hotline 08008080123. Mit der Pressekarten erhalten Sie 5 Euro Rabatt auf jede Karte.
Karten-Verlosung:
Für die Veranstaltung mit Guido Knopp verlost die "Freie Presse" 10 x 2 Freikarten unter all jenen Lesern, die uns ihre ganz persönlichen Erinnerungen an den Mauerfall und an die Tage unmittelbar danach schicken. Aus diesen Einsendungen möchte die "Freie Presse" am 9. November - 20 Jahre nach dem Mauerfall - zitieren und Geschichte somit lebendig halten. Bitte schicken Sie ihre kurzen Texte und Bilder (!) an: Freie Presse, Kennwort Mauerfall, PF 261, 09002 Chemnitz oder an mauerfall@freiepresse.de