Die heilsame Visite von Doktor Helmut Kohl
Erinnerungen an den Bundeskanzler-Besuch in Dresden: Gefühle zwischen Gänsehaut und feuchten Augen
Dresden. "Ich hatte dienstfrei an diesem Tag und bin wegen Helmut Kohl in die Innenstadt gegangen", erinnert sich Volker Karp, Kammervirtuose in der Dresdner Philharmonie, noch sehr lebendig an den 19. Dezember 1989. Das Erinnern fällt dem Violinisten leicht, weil er damals schon eine Videokamera besaß. Die hatte er gerade gute acht Wochen, ein Mitbringsel von einer Japan-Tournee. Sie spielte an jenem 19. Dezember gewissermaßen die erste Geige.
Das Dresdner Spitzenorchester war am 4.Oktober losgefahren und kam - nicht mehr ganz vollzählig - am 21. des Monats zurück. "Mit sehr gemischten Gefühlen", so Karp. Aus den wenigen Nachrichten über die DDR jener Tage, die sie in Fernost erhaschen konnten, wussten sie nur etwas über die Demonstrationen am 7. Oktober, dem Tag der Repu-blik, und von Honeckers Rücktritt wenig später. Ein Kollege sei gleich in Japan geblieben, weil er Angst vor einer Einberufung zur Armee nach seiner Rückkehr hatte...
Mit einer enormen Erwartungshaltung sei Karp zur Ruine der Frauenkirche gegangen. Mit seinen großen Gefühlen war er nicht allein. Typen wie ein paar "angereiste" Berliner, die der Dialekt verriet, waren eher die Seltenheit, sie fielen aber durch ihr Plakat "Nimm's nicht so schwer, wir bleiben DDR" auf.
Über den Rundfunksender Dresden lief zu jener Zeit die Direktübertragung vom Kohl-Besuch für den Rest der DDR. Auf dem Tondokument von damals ist steif und distanziert von "Doktor Helmut Kohl" die Rede. Die zahlreichen schwarz-rot-goldenen Fahnen wurden ebenso wenig erwähnt wie die vielen Spruchbänder, die die deutsche Einheit forderten.
Dann endlich trat Bundeskanzler Helmut Kohl auf den Plan. "Vielmehr erschien er", meint Volker Karp, beeindruckt von dessen Präsenz. "Er war in diesem Moment wie eine messianische Figur." Als er ins Rund mit "Liebe Landsleute!" grüßte, sei ihm und dem Gros der gut 50.000 Zuhörer klar gewesen, wohin der Zug rollte. "Deutschland, Deutschland"-Rufe verstummten fortan nicht mehr. Kohl versprach nichts, wundert sich Karp noch heute, "aber er machte Hoffnung auf die Solidarität der BRD." Denn: Wirtschaft und Versorgung im Osten lagen am Boden, Zehntausende zogen gen Westen, noch mehr spielten mit diesem Gedanken. So waren Kohls Worte "wir lassen unsere Landsleute nicht im Stich" und "wir werden gemeinsam den Weg in die deutsche Zukunft schaffen" Balsam auf die wunden Seelen.
Als Kohl ein Bild von der deutschen Einheit entwarf, sei es Karp wie eine Utopie, ein Märchen vorgekommen. Aber diese Worte müssen elektrisierend gewirkt haben. Wie der Bundeskanzler mit der Formel "Gott segne unser deutsches Vaterland" zum Schluss kam, brachen alle Dämme der Begeisterung. "Eigentlich ein unerhörter Satz", so Karp: "Er sprach von Gott und von Vaterland." Gewissermaßen Fremdworte in der DDR. Ihre Wirkung war nun umso gewaltiger.
Wenn er, die Familie und Bekannte sich heute sein Video von damals anschauten, löse es immer noch die gleichen Gefühle "zwischen Gänsehaut und feuchten Augen" aus. Für Karp war es die wohl beste Rede Helmut Kohls überhaupt. Der Rundfunkreporter kam damals zu einem anderen Ergebnis. "Ob es die ganz große Rede war, ... das möchte ich bezweifeln." Sprach's und beendete die Live-Schaltung.
Der Tag in Dresden von Helmut Kohl und seiner Regierungsdelegation ging unterdessen weiter. Auf einer internationalen Pressekonferenz im Kulturpalast saßen DDR-Regierungschef Hans Modrow und BRD-Kanzler Helmut Kohl. Streitpunkt blieb an jenem Tag zwischen den beiden Politikern die Frage der deutschen Einheit. Kohl hatte diese Vision in einem Zehn-Punkte-Plan entworfen, Modrow lehnte vehement ab. "Die DDR hat die Chance, eine eigene und selbstständige Entwicklung fortzusetzen", postulierte er. Deshalb sollte eine Vertragsgemeinschaft beider deutschen Staaten, die einen Staatenbund von BRD und DDR zum Ziel hatte, spätestens im Frühjahr 1990 geschlossen werden, die einen Staatenbund von BRD und DDR zum Ziel hatte. Auf diesem Standpunkte beharrte Modrow bis Januar 1990, Anfang Februar sprach auch er erstmals in der Volkskammer von deutscher Einheit. Der Kollaps der DDR war anders nicht mehr aufzuhalten.
Während des zweitägigen Gegenbesuchs von Modrow am 13. und 14. Februar 1990 in Bonn erklärte Helmut Kohl, dass zu dem Zeitpunkt die historische Chance gekommen war, die Einheit Deutschlands zu vollenden. Reichlich sieben Monate später wurde sie vollzogen.