Der spontane Sturm auf die Stasi-Zentrale in Berlin. Nach neu aufgefundenen Dokumenten war die Besetzung geplant.
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Die weiche Landung im zivilen Leben
Modrow-Regierung und MfS-Führung planten Vorteile für beruflichen Start der Stasi-Mitarbeiter
Berlin. In der Nacht vom 4. zum 5. Dezember 1989 besetzten oder belagerten Mitglieder der Bürgerbewegung in der DDR die Kreisdienststellen des Ministeriums für Staatssicherheit. Sie wollten verhindern, dass Akten vernichtet werden - was dennoch geschah. Nicht zur Seite geschafft werden konnten jedoch die Unterlagen über die Auflösung des Spitzeldienstes.
Vor den dicken Mauer des Gerichtsgebäudes in Berlin-Moabit geht eine Frau auf den Juristen Jürgen Wetzenstein-Ollenschläger zu und ohrfeigt ihn. Der Mann mit dem akkuraten Scheitel verliert nur kurz die Fassung, dann verschwindet er hinter den schweren hohen Türen des Gerichts - wo er Stasi-Chef Erich Mielke verteidigte.
Wetzenstein-Ollenschläger hatte die Ostberlinerin, die ihn ohrfeigte, vor dem Mauerfall zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Ihr Vergehen: Teilnahme an einer Demonstration. Die Mauer fiel, der geohrfeigte Jurist verteidigte Mielke und verschwand - mit 10 Millionen DM aus der Kasse des Ministeriums für Staatssicherheit.
Nicht alle konspirativen Genossen des Stasi-Richters machten einen solchen Schnitt. Aber die Stasi-Generalität versuchte zumindest, ihren hauptamtlichen Spitzeln den Weg in die Zukunft zu ebnen. Schon am 2. November 1989 tagten die MfS-Granden und überlegten, wo die rund 100.000 Mitarbeiter des Dienstes bei möglichen Veränderungen in der DDR unterzubringen seien. Sie beschlossen, hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter, "die in der Öffentlichkeit nicht bekannt sind" sollten auf ein Leben in der "Illegalität" und unter Bedingungen strengster "Konspiration" bei "Gewährleistung eines Verbindungssystems" vorbereitet werden. Denn, so eine weitere Notiz aus dem inneren Stasi-Zirkel, die meisten von ihnen seien ohnehin "in ihren erlernten Berufen nicht mehr einsetzbar".
Erstausstattung für Taxi-Betrieb
Zehn Tage nach der geheimen Tagung erfuhr die MfS-Führung, dass Ministerratschef "Genosse Hans Modrow, in seiner Regierungserklärung" die Schaffung eines 'Amtes für Nationale Sicherheit'" der DDR-Volkskammer vorschlagen wird. Zwei Tage vor Modrows Ansprache wurde den hauptamtlichen Spitzeln bis ins Detail "die größtmöglichste Unterstützung" bei der Arbeitsvermittlung im neuen zivilen Leben, der Studienplatzbesorgung, Umzugshilfen, Überbrückungsgeld oder die Herabsetzung des gesetzlich festgelegten Rentenalters zugesichert. Dienstzeugnisse wurden gefälscht und viele der Geheimen bekamen eine neue Identität - als Mitarbeiter irgendeines Ministeriums. Das oberste Stasi-Gremium legte fest, es gelte "ab sofort nicht mehr die Anrede "Genosse sondern Herr/Frau/Frl. auch für MdI und VP".
Im Januar ging es dann um den Stasi-Fuhrpark. Stasi-Mitarbeitern sollten MfS-Dienstwagen übergeben werden, als Erstausstattung zur Gründung eines Taxi-Betriebs. Auch der "Erwerb von Baulichkeiten", Eigenheimen, in denen MfS-Bedienstete bisher als Mieter wohnten, wird ihnen ermöglicht. In der Stasi-Befehlsform ist das über den "jeweils zuständigen Rat des Kreises zu veranlassen".
Eile schien geboten. Das geht aus einem jetzt erst aufgefundenen Schriftsatz aus dem Büro von Stasi-General Rudi Mittig hervor. Darin wird bereits am 14. Dezember 1989 "Streng geheim" festgehalten, "eine Quelle aus dem Operationsgebiet" - der Bundesrepublik - habe "zuverlässig erarbeitet", dass "die Wiedervereinigung Deutschlands bis Juni 1990 vollzogen ist".
Der fluchtbereiten Spitzelschar werden "Berechnungsbeispiele" auf den Weg ins zivile Leben in die Hand gegeben. Danach hätte ein verheirateter MfS-Oberleutnant mit 16 Stasi-Dienstjahren, verheiratet, ein Kind, mit bisher "1980 Mark Brutto" entlohnt, sich künftig mit 1000 Mark Brutto zufriedengeben müssen. Vom einstigen Mielke-Dienst sollte er aber zusätzlich einmalig 7500 Mark erhalten. 36 Monate lang sollten im dazu 626,20 Mark aufs Konto überwiesen werden.
Hektisch wurde nach illegalen Finanz-Transfermöglichkeiten gesucht. In einer handschriftlichen Notiz vom 12.12.1989 vor einer Besprechung mit Modrow heißt es: "Geldabheben - elegantere Lösungen, überweisen lassen." Weiter wird festgehalten: "Modrow benennt 1 Verantwortlichen für die Verhökerung der Objekte."
Nicht nur für das "Verhökern" der Immobilien bekommt der DDR-Ministerratschef von der einstigen MfS-Führung hohes Lob. Die Regierung Modrow habe auch wunschgemäß den Vorschlag der Leitung der zum Amt für Nationale Sicherheit (AfNS) gewendeten MfS-Führung bestätigt und in einen "Beschluß zur sozialen Sicherstellung als Beschluß des Ministerrates der DDR" umgewandelt. Modrow unterzeichnete den gelobten Regierungserlass am 14. Dezember 1989. Das "ist ein guter Beschluß", urteilten die ehemaligen Stasi-Generäle. Enthusiastisch befehlen sie: "Allen Mitarbeitern bekannt geben, auch den schon beurlaubten." Das Signal an die noch aktiven Stasi-Mitarbeiter oder die bereits entlassenen: "Unserer Sache verbunden bleiben."
In einer Dankesrede verspricht der neue MfS/ANS-Chef Wolfgang Schwanitz seinem Genossen Modrow, ihn und seine Regierung "durch eine exakte Lageseinschätzung und eine sorgfältige Analyse der Reaktionen der Bevölkerung" zu unterstützen, "um die gefährlichen Entwicklungen in unserer Gesellschaft zunächst zu stoppen". "Insbesondere der SDP", der gerade gegründeten Ost-SPD, gilt nun die konzentrierte Aufmerksamkeit des gewendeten Spitzeldienstes.
Dabei kommen auf die Stasi-SED-Abteilung Tricksen und Täuschen neue Aufgaben zu - sie soll dem unruhigen DDR-Volk Offenheit und demokratischen Wandel vorspielen. Originalton Schwanitz: "Zum Beispiel in Heringsdorf, na bitte schön, um also ein bißchen Dampf abzulassen, haben die Genossen mit dem Rat der Stadt vereinbart, dass die Schulklassen das Schwimmbad (der Stasi-Mitarbeiter, d.Red.) für den Schwimmunterricht nutzen können." Auch der Karl-Marx-Städter Stasi-Chef Siegfried Gehler hat kreative Momente. In der Dienstberatung am 21. November 1989 berichtet er, für das Stasi-Heim Oberwiesenthal habe er entschieden, dass "diese Woche einmal Disco durchgeführt werden kann".
Als Hauptauffangbecken für die MfS-Beschäftigten war der DDR-Zoll gedacht. "Kurzfristig 6000 bis 7000 Tschekisten" plante ANS-General Schwanitz in der Behörde unterzubringen. "Für viele Genossen eine sehr gute Lösung, auch was ihre soziale Sicherheit anbetrifft."
Die sollte auch ihrem einstigen Chef Erich Mielke garantiert werden. Dem teilte Schwanitz am 24. November die Entlassung mit, 11 Tage nach dessen hochpeinlichem ersten und letzten Auftritt vor der DDR-Volkskammer - legendärer Haspler: Ich liebe doch alle Menschen. Immerhin war ihm das Ministergehalt für November neben "Übergangsgebührnissen und Treuegeld für das vollendete 44. Dienstjahr" als Menschenjäger noch überwiesen worden.
Mielke sollten außerdem neben dem MfS-Diensttelefon "2 persönliche Begleiter, 2 Kraftfahrer und 2 Pkw Lada" privat zur Verfügung stehen. "Genosse Mielke bleibt persönlicher Waffenträger und behält seine Dienstpistole Sauer und Sohn, Nr. 14382, mit sieben Schuss", wird festgelegt. Dem Ex-Stasi-Chef wird "freigestellt, eine oder zwei Haushälterinnen zu beschäftigen." Mielke musste sich für seine menschenverachtenden Taten nicht mehr verantworten - am 21. Mai 2000 starb er 93-jährig.
Der kurzzeitige Verteidiger des MfS-Chefs, Wetzenstein-Ollenschläger, lebt zwar offenbar noch, blieb aber bisher straffrei. Jahrelang stand er auf der Fahndungsliste des Bundeskriminalamtes (BKA) ganz weit oben. Er sei zwar nicht mehr zur "Öffentlichkeitsfahndung ausgeschrieben" heißt es aus der BKA-Zentrale in Wiesbaden, "das bedeute aber nicht, dass die Fahndung nicht mehr aktuell sei".
Risse in der Legende
Es sind nicht alle Geheimnisse um den gefürchteten geheimen DDR-Machtapparat gelöst. Bei der Durchsicht der Akten wurde erst jetzt eine Notiz gefunden, die ein neues Licht auf den Sturm der Berliner MfS-Zentrale wirft. Nach einer Beratung vom "11.1. um 18.30 mit Modrow" sind die Stasi-Chefs alarmiert. Vor der geplanten "Demo am 15.1." wird in der Dienstberatung am 12. Januar festgelegt: "Montag ist das Haus leer", also am Tag nach der Besetzung der Zentrale. Aus dem handschriftlichen Protokoll geht hervor: Nur Wachpersonal soll noch bleiben. Die seit 1990 gepflegte Legende von der überraschenden Besetzung der Stasi-Zentrale in der Normannenstraße bekommt Risse.