Der BMW-Dixi rollt noch heute durch Markneukirchen.
Foto: Matthias Leistner
Ein Dixi und seine Zweckentfremdung
Damit er nicht in den Krieg rollen musste, wurde ein Dixi im Vogtland zum Hühnerstall
Chemnitz. Als die Nazis gegen Ende des Zweiten Weltkrieges mobile Untersätze der "Volksgenossen und -genossinnen" zum Kriegsdienst einzogen, machte ein Lederhändler aus Oelsnitz im Vogtland seinen BMW-Dixi zu einem Hühnerstall. Dann war der Krieg vorbei, aber das Wägelchen siechte weiter als Geflügelasyl vor sich hin. Schuhmachermeister Hans Wild aus Markneukirchen schwärmte von dem Dixi seines Lederlieferanten, wenn Günter Weller zu ihm in die Werkstatt "hutz'n" kam. Weller hatte von jeher eine Schwäche für alte Autos.
Begeistert ermutigte er seinen Freund, den BMW-Hühnerstall zu kaufen, indem er Hilfe bei der In-standsetzung versprach.
Am Totensonntag des Jahres 1957 tuckerte ein seltsames Gespann von Oelsnitz nach Markneukirchen. Von den Hinterlassenschaften etlicher Hühnergenerationen notdürftig befreit, rollte das Vehikel der Heimat seines neuen Besitzers entgegen, gezogen von dessen 250er-DKW mit Beiwagen. Weller saß am Steuer im Fahrtwind, denn die Windschutzscheibe hatte der Wagen eingebüßt.
Weller hielt Wort und investierte ungezählte Arbeitsstunden in die Re-Mobilisierung des Oldies seines Freundes. Als der Dixi fahrtüchtig war, taten sich die Behörden mit der Zulassung schwer, denn Seilzugbremsen entsprachen nicht mehr dem Sicherheitsstandard. Doch die Mitgliedschaft des Fahrzeughalters in der Feuerwehr galt als gesellschaftliche Tätigkeit und wurde mit der Genehmigung der veralteten Bremsen honoriert.
Die Schustersfrau allerdings genierte sich zunehmend mit der alten Kutsche. So ließ der Schuster 1963 sein Mobil für einen fairen Preis bei Weller auf dem Hof stehen und ging auf Schusters Rappen nach Hause. Weller rüstete hydraulische Bremsleitungen nach und erneuerte die Lackierung im Originalfarbton. Nach und nach konnten diverse Ersatzteile beschafft, Wellendichtringe durch besseres Material ersetzt werden.
2007 ließ Weller neue Kolben anfertigen, denn der 15-PS-Motor hatte zuletzt einen Liter Öl auf 100 Kilometer verprasst. Seit bald 50 Jahren fährt der 74-jährige Markneukirchner nun schon Dixi. Er war damit sogar mehrfach an der Ostsee. Wie viele Kilometer hinter den schmalen Speichenrädern liegen, ist Geheimnis des Methusalems, denn nach Hunderttausend zählt er wieder von Null an.
Die Frage nach der Höchstgeschwindigkeit beantwortet der Dixi-Fahrer verschmitzt: "Kommt drauf an, woher und wie stark der Wind weht." Günter Weller hat den BMW-Dixi wieder zu einem Hingucker gemacht, dessen jahrelange Zweckentfremdung als Hühnerstall man kaum glauben mag.