Jörn Michael - hier mit einem Katalog des Kunstkellers Annaberg - beteiligt sich an der Aktion von "Leser helfen". Foto: Brigitte Streek
Ein weiterer Hase, der helfen will
Verein "Leser helfen", Kunststube Schmied und Künstler starten Versteigerungsaktion zugunsten lokaler Hilfsprojekte
Chemnitz/Wolkenstein. So stellt man sich einen echten Erzgebirger vor: Geschickt, emsig, bescheiden und immer einen Holzspan im Bart. Günther Schmied aus Wolkenstein ist so einer. Jeden Tag steht er in seiner kleinen Werkstatt an seiner Drechselbank. Unter dieser stapeln sich die Holzklötze. Überall im Raum - akribisch sortiert - liegen vorgefertigte Holzteile, aus denen später das Wolkensteiner Löffelohr zum Leben erweckt werden soll. Dass es diese "Rasse" überhaupt gibt, ist einem Zufall geschuldet - denn mit Hasen hatte der Holzbildhauer nie etwas am Hut. Unter seinen geschickten Händen entstanden früher eher Räuchermänner- und frauen, Lichterengel oder Bergmänner.
Eines Tages aber kam eine Kundin ins kleine, gemütliche Geschäft in der Marienberger Straße. Sie wollte einen großen Holzhasen kaufen. Den gab es aber nicht. Also bat sie den Holzbildhauer, doch einfach einen zu entwerfen. Tagelang tüftelte Günther Schmied. Immer wieder verwarf er seine Entwürfe und Muster, um der Kundin schließlich stolz fünf unterschiedliche Hasen zu präsentieren. Sie allerdings verzog nur das Gesicht, machte auf dem Absatz kehrt und wart nie wieder in seinem Laden gesehen. Das hatte der Künstler in seinen mehr als 30 Berufsjahren noch nicht erlebt. Kurzerhand stellte er die Hasen in seiner Filiale im Kurzentrum Warmbad auf - und verkaufte sie an nur einem Nachmittag. Das war die Geburtsstunde der Wolkensteiner Löffelohren.
Von diesen soll es nun in einer Sonderedition einige wenige exklusive Exemplare geben, die von Künstlern der Region gestaltet und über den "Freie Presse"-Hilfsverein "Leser helfen" zugunsten von lokalen Hilfsprojekten versteigert werden. Die Idee dazu hatte Günther Schmied - und er fand auch ganz schnell Unterstützer. Nachdem der erste Hase - gestaltet vom Chemnitzer Airbrush-Künstler Mario Schumann bereits für 271 Euro von einem Bieter aus Olbernhau ersteigert wurde - trägt das nächste Wolkensteiner Löffelohr die Handschrift des Künstlers Jörn Michael aus Annaberg-Buchholz.
Wer Jörn Michael kennt, der durfte schon gespannt sein, auf sein "Löffelohr" - das jede Menge Assoziationen bietet. Vom Löffelohr, war der gedankliche Sprung nicht weit zum Löffel und von dort zur Suppe - genauer gesagt zur Buchstabensuppe. Die findet sich jetzt auf den großen Löffelohren und fungiert zugleich als kunsthistorische Verortung des Hasen. Was fällt uns da ein? Genau: Dürer, Benys, Bugs (Bunny).
Lange gerungen hat Jörn Michael mit der farblichen Gestaltung seines Hasen. Erst wollte er ihn grau, schwarz oder hasenfarben klecksig, tropfend "bemalen". Dann allerdings erinnerte sich der Künstler an den guten Zweck, dem sein Kunstwerk dienen soll - und entschied sich für die freundliche, farbige Variante - mit einem echt hasigen Gesichtsausdruck. Zum Schluss hat Jörn Michael das "Löffelohr" auf einen Sockel gesetzt, auf dem "Glück" und "Gras" zu lesen ist.
Das Hilfsprojekt:
Im nächsten Jahr wird der Erweiterungsbau am Erzgebirgsklinikum in Annaberg-Buchholz eingeweiht, der auch Betten für die Kinderklinik unter seinem Dach beherbergen wird. Für das Freigelände ist eine große Holzeisenbahn zum Spielen für die kleinen Patienten geplant, die von Künstlern angefertigt und von mehreren Sponsoren finanziert wird. Der Verein "Leser helfen" möchte mit den Versteigerungserlös des Hasen für dieses Projekt zur Verfügung stellen.
Service:
Der Original-Hase von Jörn Michael ist bis zum 21. November auch in der Kunststube in Wolkenstein, Marienberger Str. 27, anzuschauen.
Das 35 Zentimeter große Löffelohr von Jörn Michael auf einem Sockel.Foto: Stephan Schmied
Die Versteigerung
Den aktuelle Angebot zum Künstlerhasen finden Sie unter www.ebay.de . Dort können Sie auch Ihr Gebot abgeben. Das Mindestgebot für den Hasen beträgt 250 Euro. Den Zuschlag erhält , wer bis zum 21. November, 18 Uhr, im Internet das höchste Gebot hinterlassen hat.
► Bildstrecke: Der Künstlerhase des Monats November
Der Künstler
Jörn Michael gilt als einer der eigenwilligsten und damit aber auch interessantesten Künstler im Erzgebirge. Auf der Internet-Seite des Künstlers wird er vom Kunsthistoriker Alexander Stoll aus Geyer folgendermaßen beschrieben: "Hier und da sieht er Ungeahntes, das er in ganz unterschiedlichen künstlerischen Medien zu Tage fördert und was für den Betrachter mitunter auch eine Herausforderung bedeutet. Aus fettgetränkten und sahneverschmierten Kuchenpappen zaubert er mit Tusche und Aquarellfarbe faszinierende Zeichnungen. Alte Dachbalken verwandelt er mit Kettensäge und Kreide zu skurrilen Skulpturen, einen Kaninchenbalg zur Kleinplastik. Verrostete Bleche, der Deponie und dem Sperrmüll entrissen, werden unter seiner Regie zu grotesken Köpfen und Figuren absonderlicher Art. Dabei muss er gar nicht viel Hand anlegen, auf den Blick und die Perspektive kommt es an, gerade so wie in der Fotografie. Und auch in den vergleichsweise klassischen Techniken Malerei, Zeichnung und Druckgrafik bringt er auf diese Weise manche Überraschung hervor. Er experimentiert mit Farben und Strukturen und lässt der Inspiration durch das Material viel Raum, ohne dabei die inhaltliche Komponente zu vernachlässigen."
Der Verein "Leser helfen"
Der Verein "Leser helfen" engagiert sich seit mehr als 15 Jahren in der Region Südwestsachsen. Unterstützt werden vor allem Menschen, die unverschuldet in Not geraten sind und so dringend auf Hilfe angewiesen sind. Zudem unterstützt der Verein soziale Projekte, für die es aus anderen Töpfen keine Förderung gibt. Vielen Lesern der"Freien Presse" dürfte noch in Erinnerung sein, wie schnell und unbürokratisch der Verein zum Beispiel nach den Hochwasserkatastrophen 2002 und 2010 Spendenaktionen zugunsten der Hochwasseropfer initiierte. Allein im vergangenen Jahr erhielt der Verein in der Region mehr als 100.000 Euro an Spendengeldern, die allesamt an Hilfsbedürftige in Südwestsachsen verteilt wurden.