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Eine Frage von Verantwortung und Vertrauen
Eine wirksame und lückenlose HIV-Therapie kann den Partner vor Ansteckung schützen
St. Gallen/Bochum (dapd). Es war schon sehr mutig, was die Eidgenössische Kommission für Aidsfragen im Januar 2008 erstmals offiziell in die Welt setzte: HIV-Positive, die optimal therapiert werden und keine anderen Geschlechtskrankheiten haben, sind faktisch nicht ansteckend und können auf ein Kondom verzichten, wie das Expertengremium sinngemäß schrieb. Sex ohne Verhüterli trotz HIV-Infektion - diese Botschaft trat nicht nur in der Schweiz, sondern international eine hitzige Debatte los, die bis heute weiter schwelt.
Entfacht hat sie der Infektologe Pietro Vernazza vom Kantonsspital St. Gallen. "Wenn nach einem halben Jahr der Therapie im Blut keine Viren mehr zu finden sind, die Medikamente konsequent eingenommen werden und keine Geschlechtskrankheiten bei beiden Partnern vorliegen, dann ist die Ansteckungsgefahr vernachlässigbar gering", rekapituliert er die Empfehlung von 2008. "Bis heute haben wir unter diesen Bedingungen keine Übertragung von einem HIV-Positiven auf eine HIV-negative Person feststellen können", betont er.
Viele Fachleute, aber auch die Deutsche AIDS-Hilfe haben sich der Position inzwischen angeschlossen. "Eine wirksame und lückenlose Therapie wie von den Schweizer Experten gefordert, ist ähnlich sicher wie ein Kondom", bekräftigt Norbert Brockmeyer, Sprecher des Kompetenznetzes HIV/AIDS an der Dermatologischen Klinik der Universität Bochum. "Doch", fügt er hinzu, "in beiden Fällen bleibt ein gewisses Restrisiko, das nicht bezifferbar ist."
Die Einschätzung fußt auf einer Fülle von Studien wie einer Untersuchung an 393 heterosexuellen Paaren, von denen ein Partner HIV-positiv war. Nahm dieser wie vorgeschrieben seine Medikamente und waren die Viren im Blut unter der Nachweisgrenze, gab es keinen einzigen Fall einer Übertragung. Dagegen steckten die Unbehandelten im Laufe von vierzehn Jahren 8,6 Prozent der Partner mit dem Virus an.
Gleichwohl ist es eine goldene Regel der Statistik, dass sich die Wahrscheinlichkeit für seltene Ereignisse nur in sehr langen Studien mit immenser Teilnehmerzahl beziffern lässt. "Zurzeit können wir sagen, dass das Risiko einer Übertragung unter HIV-Therapie kleiner als 1 zu 1.000 sein muss. Vielleicht kommen wir zu noch niedrigeren Werten. Aber wir sind grundsätzlich in einer Situation, in der wir nie den Beweis eines Nullrisikos erbringen können", erklärt Vernazza.
Für Betroffene bedeutet das, dass sie auf Grundlage des vorhandenen Wissens entscheiden müssen, ob und welches Risiko sie in Kauf nehmen. "Die endgültige Entscheidung ist dem HIV-negativen Partner zu überlassen, denn er setzt sich ja einer Gefahr aus", betont Vernazza. Selbstbestimmt und ohne Zwang sollte der Gesunde entscheiden.
Für das Kondom spricht, dass es auch vor anderen Geschlechtskrankheiten in hohem Maße schützt und falls gewünscht eine Schwangerschaft verhütet. Doch es kann, falsch angewandt, reißen. Das Sperma kann herausfließen, wenn es nicht stramm genug sitzt.
Dagegen schützt eine optimale HIV-Therapie auch vor Ansteckung bei Oralverkehr und anderen Sexualpraktiken, bei denen die Schleimhäute miteinander in Kontakt kommen. Sogar ein Kinderwunsch kann auf natürlichem Weg erfüllt werden. "Das hat vielen Paaren eine große Last genommen. Denn eine künstliche Befruchtung bedeutet enormen physischen und psychischen Stress", berichtet Vernazza.
Doch eine HIV-Therapie als Hauptpfeiler der Prävention verlangt gegenseitiges Vertrauen und Kenntnis über den Gesundheitszustand des anderen. "Sie ist für monogame Partnerschaften gedacht und zuvorderst für heterosexuelle Paare mit Kinderwunsch", betont Brockmeyer. Beide Partner sollten sich gemeinsam vom HIV-Schwerpunktarzt beraten lassen und sich in Kenntnis aller Risiken für eine Form der Vorbeugung entscheiden.
Wer sich bei einem One-Night-Stand oder bei einem neuen Partner auf den Satz: "Ich bin HIV-negativ" oder: "Ich bin unter wirksamer Therapie" verlässt, geht dagegen ein Risiko ein, weil sich die Äußerungen nicht überprüfen lassen oder veraltet sein können. Zum eigenen Schutz rät Brockmeyer in diesem Fall zum Kondom.
Auch in festen Beziehungen, in denen einer Übertragung medikamentös vorgebeugt wird, muss der HIV-positive Partner alle drei Monate die Virenzahl, die sogenannte Viruslast, im Blut bestimmen lassen. Nur solange die Erreger nicht nachzuweisen sind, weil ihre Zahl geringer als 40 RNA-Kopien je Milliliter ist, kann die Ansteckungsgefahr als verschwindend klein angesehen werden. Wird indes die Therapie unterbrochen, schnellt die Zahl der Viren in den ersten Tagen bis Wochen deutlich in die Höhe. Das Risiko, den Partner anzustecken, steigt. Mindestens ein Fall einer Übertragung in diesem Zeitfenster ist mittlerweile bekannt geworden.
Andere Geschlechtskrankheiten, insbesondere Harnröhrenentzündungen, Herpes und Syphilis schädigen die Schleimhaut. Sie wird dadurch durchlässiger für HI-Viren und diese reichern sich darin an. Aus diesen Gründen nimmt die Gefahr einer Infektion trotz HIV-Therapie zu, wenn andere Geschlechtskrankheiten vorhanden sind. Nur ein Kondom kann unter diesen Bedingungen das Risiko wieder senken.
Insofern sind viele Aspekte zu beachten, wenn einer Ansteckung rein medikamentös vorgebeugt wird. "Diese Form der Prävention ist komplexer", räumt Vernazza ein. Die Paare müssen sich regelmäßig mit ihrem Gesundheitszustand auseinandersetzen und einander treu sein. Gelingt ihnen das, kann das Liebesleben ohne Kondom erfüllt und frei von bösen Überraschungen sein. Zweifelsohne ist letzteres auch mit Kondom möglich. Denn schließlich ist das Präservativ die bisher bewährteste Verhütungsmethode.
dapd