Eine Region steht unter Wasser
Schäden noch lange nicht absehbar
Chemnitz/Leipzig. Tote, Verletzte, Vermisste. Überflutete Innenstädte und Ortszentren, eingestürzte Häuser und Brücken, weggeschwemmte Bungalows, unterspülte Straßen und Bahnstrecken, gebrochene Dämme, überlaufende Talsperren; dramatische Rettungsaktionen per Boot oder Hubschrauber - eine solche Katastrophe hat es in der Region seit Jahrzehnten nicht gegeben.
Tausende Menschen waren gezwungen, ihre Häuser zu verlassen, Zehntausende müssen ohne Strom und Telefon auskommen. Mehrere Orte sind noch immer von der Außenwelt abgeschnitten. Straßensperrungen sorgten für chaotische Verkehrsverhältnisse. Wie hoch die Flutschäden sind, ist im Augenblick überhaupt noch nicht abzusehen. Polizei, Feuerwehren, Technisches Hilfswerk, Bundesgrenzschutz, Bundeswehr, Katastrophenschutz und viele weitere Helfer, die zum Teil auch aus anderen Bundesländern kamen, waren im Dauereinsatz.
Nach starkem Dauerregen hatten sich zahleiche Flüsse und Bäche in reißende Ströme verwandelt. In sechs Landkreisen des Bezirkes Chemnitz wurde Katastrophenalarm ausgelöst. Einigermaßen glimpflich kam das Vogtland davon, doch im Erzgebirge, im Raum Chemnitz, Flöha, Hainichen, Mittweida und Frankenberg gab es dramatische Stunden.
Besonders schlimm erwischte es Flöha. Die Stadt stand am 23. August 2002 bis zu 2,50 Meter unter Wasser. Dramatische Szenen spielten sich ab, mit Booten oder per Hubschrauber wurden Einwohner gerettet. Auch in Niederwiesa flüchteten sich Menschen auf die Dächer ihrer Häuser und mussten von dort in Sicherheit gebracht werden. In Oederan, wo am 12. August 2002 der Damm eines Teiches gebrochen war, begannen inzwischen die Aufräumarbeiten. An der Talsperre Lichtenberg im Kreis Freiberg war erst am 13. August 2002 sicher, dass der Damm halten würde; vorsorglich waren zuvor Dutzende Menschen evakuiert worden. In Mulda verbrachte eine fünfköpfige Familie eine Nacht in Todesangst - aus ihrem Haus, das in die Mulde abzurutschen drohte, konnte sie erst am 13. August 2002 gerettet werden. Allein im Ort Bobritzsch rissen die Fluten fünf Brücken mit. Im Landkreis Mittweida gerieten neben Mulde, Zschopau, Chemnitz und Striegis auch bislang harmlose Rinnsale außer Kontrolle. Teile von Frankenberg und Hainichen standen unter Wasser, auch Penig, Rochlitz und Lunzenau waren betroffen. Dutzende Menschen mussten zum Teil aus höchster Not gerettet werden. In Höfchen an der Kriebstein-Talsperre schwemmten die Fluten Wohnwagen, Lauben, Boote und Bäume weg, ein Fahrgastschiff wurde losgerissen und trieb gegen die Staumauer.
Auch im Regierungsbezirk Leipzig hatte sich in den Vormittagsstunden die Hochwassersituation dramatisch zugespitzt. Große Teile des Muldentalkreises sowie der Landkreise Delitzsch, Döbeln und Torgau-Oschatz versanken in den Fluten. Zehntausende Menschen wurden aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen. In einigen Gebieten konnte die Evakuierung nur noch mit Schlauchbooten und Hubschraubern erfolgen.
Schon in der Nacht zum 13. August 2002 war für Döbeln Katastrophenalarm ausgelöst worden, weil der Pegel der Freiberger Mulde rasant anstieg. Wegen der extrem hohen Strömungsgeschwindigkeit waren Rettungsboote kaum einsetzbar. Binnen kurzer Zeit stand die gesamte Innenstadt unter Wasser. Zwei, manchmal drei Meter hoch ist der See, der das Zentrum bedeckt. Trotz der derzeit katastrophalen Lage und der noch nicht absehbaren Schäden ist man in Döbeln optimistisch, dass der Tag der Sachsen in reichlich drei Wochen wie geplant stattfinden kann.
Land unter hieß es am 13. August 2002 auch in Waldheim, Leisnig, Roßwein und Umgebung. In Grimma stand kurz nach Mittag die Innenstadt bis zu zwei Meter unter Wasser. Etliche Häuser waren bis in die 1. Etage überflutet. Schaufensterscheiben gingen massenweise zu Bruch. Unaufhörlich stieg das Wasser an. "Seit Beginn der Wetteraufzeichnungen gab es keine vergleichbare Katastrophe", so Margit Gey vom Landratsamt des Muldentalkreises. Etliche Dämme von Colditz bis Wurzen brachen, Häuser stürzten ein. Es gab teils dramatische Rettungsaktionen. In Eilenburg wurden bereits in den Morgenstunden die Bewohner der Innenstadt zum Verlassen ihrer Häuser aufgefordert - ca. 10.000 Menschen sollten in Sicherheit gebracht werden. Der höchste Wasserstand wurde hier erst für die Nacht erwartet. Ein ebenso bedrohliches wie beeindruckendes Schauspiel bot sich am 13. August 2002 an der Staumauer der überlaufenden Kriebstein-Talsperre. Tosend schossen die Fluten zu Tal. Im Hintergrund ist das Motorschiff "Hainichen" zu sehen. Bei stürmischem Wind war im Hafen ein stählernes Tau gerissen - daraufhin wurde das Schiff von den Fluten zur Staumauer getrieben und gegen die Mauerkrone gedrückt. Am Abend wurde es geborgen.
Von unseren Redaktionen und Korrespondenten