Eine deutsche Liebesgeschichte

Klaus Bellin erzählt von Mary und Kurt Tucholsky

Ach ja. Tucholsky, liest man ihn noch? Schloss Gripsholm, Rheinsberg. Immerhin, man erfährt, dass etliche Leute in jedem Jahr nach Rheinsberg reisen, nicht wegen Theodor Fontane, und nach Schloss Gripsholm. Aber auch Berlin und Paris, die Pyrenäen und der Spessart gehören zur Geografie dieser Biografie.

Nichts ist denkbar ohne diese Hintergründe. Sie sind nicht nebensächlich, denn sie verknüpfen sich ja auch mit Stationen seiner Arbeit, seines Schreibens. Und wir wissen es, ohne die Weltbühne, ohne Siegfried Jacobson und Carl von Ossietzky wäre er nicht geworden, was er wurde, ein Journalist, der ein glänzender Schriftsteller war. Aber dieser Panther, Tiger & Co, der Mann mit den fünf PS, den fünf Pseudonymen, er wird erst wirklich sichtbar, wenn man die Geschichten dieses Lebens erzählt, und sie heißen allesamt seit jenem 11. November 1917 und bis zu jenem dunklen Tag, dem 21. Dezember 1936: Mary.

Einfühlsames Kaleidoskop aus Briefen und Kommentaren

Diese Geschichte wird nun hier erzählt, aus Briefen und wenigen Stimmen der vergangenen Zeit, mit Seitenblicken auf Zeit, Welt und Werk, mit den dazu gehörigen Unterbrechungen oder Komplikationen: Else Weil und Lisa Matthias, Gertrude Meyer, Hedwig Müller. Ein Casanova also?

Beileibe nicht, es gehört zu den Vorzügen dieses schönen Buches, das es alles erzählt und doch immer wieder auf das Zentrum dieses Lebens kommt: "Man denkt oft, die Liebe sei stärker als die Zeit. Aber immer ist die Zeit stärker als die Liebe." Diese Sätze aus "Schloss Gripsholm", sie stehen als Motto in Bellins Buch, und diese Lebenserfahrung findet sich in den Geschehnissen, die uns mitgeteilt werden.

Also die Geschichte von Kurt und Mary Tucholsky, die, wie gesagt, scheinbar zufällig beginnt, auf der Fliegerschule im Baltikum, wo der junge juristische Doktor, der Sohn aus bürgerlichem jüdischen Haus Mary Gerold trifft und eine Einladung schreibt: "Mit einem schönen Gruß in ein Paar lustiger Augen". Wir wussten, wie das alles weiterging, und wir wussten es doch nicht. Bellins Spurensuche, seine sorgsame Recherche, dieses einfühlsame Kaleidoskop aus Briefen und Kommentaren macht uns in vielen Beispielen deutlich, wo das Zentrum dieses Lebens lag.

Schwieriger Charakter in

einer schwierigen Zeit

Klaus Bellin erzählt von Tucholskys schwieriger Existenz oder besser: davon, wie schwierig er war, wie verletzlich, und vielleicht war dies alles nicht nur eine Frage des Charakters, sondern eben Ergebnis jener Existenz in schwierigen Zeiten. Der Biograf erzählt chronologisch jene Jahre mit Mary, auch wenn sie zeitweise abwesend war, scheinbar abwesend, denn Fritz J. Raddatz hat recht in seiner Einleitung zu der Briefsammlung "Unser ungelebtes Leben": "Kurt Tucholsky hat in seinem Leben ein Buch geschrieben. Dieses. Es ist sein Lebensbuch."

Bellin hat dies in seiner Doppelbiografie verwirklicht. Manches, was in der Briefauswahl nicht zu finden war, hat er gefunden, manches, was nicht ausgesprochen wurde, hat er ausgesprochen. Dieses Lebensbuch endet zweimal, einmal mit Tucholskys Tod 1935 in Hindås in Schweden, und ein zweites Mal mit dem Tod von Mary am 16. Oktober 1987, da ist sie 89 Jahre alt. Dazwischen liegt ein halbes Jahrhundert der Treue zu dem Mann und zu dem Werk. Mary Gerold-Tucholsky ist es zu danken, dass dieses Werk nicht zerflatterte, dass es eine Heimstatt bekam in jenem legendären Archiv in Rottach-Egern und im Rowohlt Verlag.

Tucholsky wird ein Auflagenmillionär. Klaus Bellin erzählt, wie sich das alles entwickelt hat, wie Mary - mit Unterstützung von Fritz J. Raddatz muss man sagen -, diesen Autor wieder lebendig werden ließ, für neue Leser, neue Generationen. Vielleicht ist es heute still geworden um Tucholsky, aber: Bücher suchen sich ihre Leser. Bellins Biografie ist dabei ein schöner Wegweiser.

Klaus Bellin: Es war wie Glas zwischen uns. Die Geschichte von Mary und Kurt Tucholsky. Verlag für Berlin-Brandenburg. 165 Seiten. 19,90 Euro. ISBN 9783866500396.

 
erschienen am 12.03.2010 ( Von Klaus Walther )
 
Kommentare
0
(Anmeldung erforderlich)

 
 
 
Artikel weiter empfehlen
per E-Mail per Bookmark
 
Facebook Teilen   Twittern