Michael Lehmann hat das Motorrad vor dem Vergessen bewahrt. Das August-Horch-Museum zeigt die einzigartige Maschine nach behutsamer Restaurierung nun als Dauerleihgabe.Foto: Jens Kraus
Eine echte Zwickauer Rarität
Im Grubenlampenwerk gefertigte PER gilt als einzige erhaltene Maschine der Marke
Zwickau. Man sollte meinen, das gut durchpflügte Feld der sächsischen Kraftfahrzeuggeschichte offenbart keine neuen Schätze mehr. Ein Irrtum, wie sich nun herausgestellt hat. Michael Lehmann aus Mülsen St. Niclas stieß schon Ende der siebziger Jahre auf ein älteres Motorrad namens PER. Sein Besitzer, ein Baumeister aus Stenn bei Zwickau, hatte die Maschine bis in die fünfziger Jahre für größere Touren benutzt. 1980 konnte Lehmann sie erwerben.
Das Rad befand sich in desolatem Zustand. Teile fehlten, Ersatz war trotz erster Nachforschungen nicht aufzutreiben. Michael Lehmann, heute 45 und Tüv-Ingenieur, konservierte seinen Fund und lagerte ihn fast ein Vierteljahrhundert ein. 2004 trat er an das August Horch Museum Zwickau heran und bot die Maschine als Dauerleihgabe an.
Die ungewöhnlichen Bauweise, vor allem aber die Tatsache, dass das Motorrad in Zwickau gebaut worden war, weckten das Interesse der Museumsexperten. Sie nahmen eine umfassende, aber behutsame Restaurierung vor und erforschten die Herkunft. Ihre Recherchen führen zurück in die zwanziger Jahre zu einem Ingenieur namens Kurt Passow. Der hatte in Berlin mit der Marke PAWA, dann in Braunschweig mit der Marke PER versucht, eine Motorradfertigung zu etablieren. Wirtschaftlich gescheitert, verkaufte er 1924 Firmennamen, Patente, Material und Fertigungseinrichtungen an den Grubenlampenhersteller Friemann & Wolf in Zwickau. Dieser produzierte unter dem Namen Passow & Co. GmbH einige PER-Maschinen. Vermutlich 1926 wurde die Produktion eingestellt. In den "goldenen Zwanzigern" versuchten sich hunderte, heute nahezu vergessene Hersteller an Kraftfahrzeugen. Nur wenige hatten Erfolg. Allein Sachsen verzeichnet in jenen Jahren mindestens 68 Produzenten.
Michael Lehmanns Maschine stammt aus dem Jahr 1925 und trägt die Fahrgestellnummer 708. Das 130 Kilogramm schwere Motorrad besitzt einen luftgekühlten Einzylinder-Zweitaktmotor mit Dreiganggetriebe und Riemenantrieb. Der mit Nasenkolben und Graetzin-Vergaser versehene Motor hat einen Hubraum von 349 ccm und eine Leistung von 6 PS bei 3000 U/min. Der zum Betanken abnehmbare Benzintank, ein Werkzeugfach sowie die Tauschbarkeit von Vorder- und Hinterrad zeugen von Benutzerfreundlichkeit. Trittbretter, zentrale Vorderradfeder und Karbidbeleuchtung versprechen einen gewissen Komfort. Am bemerkenswertesten aber ist die mit Motor- und Getriebeträger verschraubte Stahlblechkarosserie. Sie belegt das Bestreben, die Auto-Vorteile mit denen des kostengünstigeren Zweirads zu verbinden. Auch andere Hersteller gingen diesen Weg, man denke nur an das Golem-Sesselrad von DKW, die Megola oder an das kuriose Ner-a-Car.
Die wahrscheinlich einzig erhaltenen gebliebene PER gestattet einen berührenden Blick auf das - wie man heute weiß - auch von manchen Irrtümern geprägte Denken jener Tage. Gerade diese Irrtümer, das Scheitern, der wirtschaftliche Misserfolg, das Nicht-Perfektsein zeigen die menschliche Seite der Technikentwicklung und welche Mühen hinter erfolgreichen Konstruktionen stecken. (jnrs)