"Es ging immer um Rakel"

Jo Nesbø lässt in "Leopard" Harry Hole in seinem achten Fall ermitteln

Der Osloer Kommissar Harry Hole hat sich nach seinem letzten großen Fall, den Schneemann-Morden, zurückgezogen. Komplett. Er fristet in den Drogenhöhlen von Hongkong ein Leben am Abgrund, gejagt von chinesischen Triaden wegen seiner Wettschulden. Da schickt ihm sein ehemaliger Chef beim Morddezernat eine junge Kollegin. Ihr gelingt es, Hole zu überzeugen, dass man ihn in Oslo braucht: Wieder tötet ein Massenmörder in Norwegen scheinbar wahllos Menschen. Es gibt offensichtlich nur einen im Königreich, der es im Kampf mit dem Scheusal aufnehmen kann. Und das ist Harry Hole.

Jo Nesbø ist mit seinem achten Krimi um den eigenbrötlerischen, alkoholkranken Ermittler erneut ein großer Wurf gelungen: "Leopard" ist hervorragend konstruiert, wenn auch teilweise etwas kompliziert. Spannend, selbst mit einigen Längen, die das Buch dann auf beachtliche 700 Seiten anwachsen lassen. Rasant, von atemberaubendem Tempo. Atmosphärisch und international, denn Hole muss sich nicht nur in die Schneewüste Norwegens wagen, sondern auch nach Afrika reisen, um auf den Spuren des Mörders zu bleiben. Und der Roman ist brutal, ist blutig, ist nichts für schwache Nerven. Beispielsweise, wenn Nesbø gleich am Anfang einen der perfiden Morde mit dem so genannten Leopoldapfel beschreibt. Da stockt einem beim Lesen der Atem.

Geschickt versteht es Nesbø, in die Handlung des Romans die Rangkämpfe zwischen Kriminalamt und Morddezernat einzuweben. Hole steht mittendrin, eckt wie üblich an mit seinem Mangel an Gesetzestreue und mit dem fehlenden Respekt vor der Obrigkeit. Auch die private Geschichte des Harry Hole wird weitergeschrieben. Nesbø erzählt von der nie versiegten Sehnsucht seines Protagonisten nach der Frau, die er liebt, die ihm Halt im Leben gab, und mit der er dennoch nicht zusammen leben kann: Hole bekennt fast am Schluss des Buches: "Ja, es ging immer um Rakel." Denn Rakel und ihr Sohn Oleg waren aus Holes Lebenskreis in Oslo geflüchtet, nachdem sie im Vorgängerroman "Schneemann" fast zu Tode gekommen waren, Harry Hole sie nicht vor dem Mörder zu schützen vermochte.

Und noch etwas geling dem Autoren: Immer wieder würzt er den Fortgang der Handlung mit einer wohltuenden kleinen Prise Humor.

Doch dann wird der Leser stutzig: Nach 546 Seiten kommt es zur großen Verhaftung. Das kann's noch nicht gewesen sein, logisch, dass bei insgesamt 700 Seiten Handlung noch etwas geschehen muss. Und Nesbø holt aus, erzählt die Geschichte weiter bis zum Showdown in afrikanischer Sonne, denn Hole hatte den Falschen erwischt.

Band acht also steht in den Regalen der Buchläden; bleibt nur zu hoffen, dass sich Harry Hole für den neunten Fall auch noch einmal überzeugen lässt, sein selbst gewähltes Asyl in Asien zu verlassen.

Wer bislang nicht wusste, wo er Nesbø in der Rangfolge der europäischen Krimiautoren einordnen soll, nach "Schneemann" und "Leopard" weiß er es: ganz weit oben.

Jo Nesbø: Leopard. Übersetzt von Günther Frauenlob und Maike Dörries. Ullstein. 698 Seiten. 21,95 Euro. ISBN 9783550087745.

 
erschienen am 12.03.2010 ( Von Rudolf Trinks )
 
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