Stephan Krauße und sein "Star", Baujahr 1968.
Foto: Jens Kraus
Fröhliches Zwitschern und kein Ende
Artgerecht gehaltener Simson Star erfreut Stephan Krauße aus Jahnsdorf mit dem Gesang seines Motors
Chemnitz. Es gibt Fahrzeuge, die sind so unscheinbar, dass ihre Existenz im kollektiven Bewusstsein kaum wahrgenommen wird. Oft fällt es nicht einmal auf, wenn sie wieder verschwinden - bis sie plötzlich als Oldtimer zu späten Ehren gelangen. Ein solches Fahrzeug ist der "Star". Inmitten der Suhler "Vogelschar" nahm er die Rolle des Halbstarken ein. Anders als Schwalbe und Spatz gehörte das höchstens 60 Kilometer je Stunde schnelle Kleinkraftrad bereits in die Klasse der Mokicks. Schneller waren nur noch "Sperber" und "Habicht".
Damit der SR 4-2, so die Fachbezeichnung, auf Touren kam, ließen sich die Suhler einiges einfallen. Der Rahmen konnte wegen des bereits damals verwendeten Plattformprinzips von "Schwalbe" beziehungsweise "Spatz" übernommen werden. Vorderradschwinge und vorderer Kotflügel, Lenker, Federbeine, Gepäckträger und Elektrik samt Lampengehäuse sind Neuentwicklungen. Damit auch eine Sozia am Fahrvergnügen teilhaben konnte, erhielt der Star eine Doppelsitzbank. Die Leistung des 49,6 Kubikzentimeter umfassenden Basis-Zweitakters stieg dank Gebläsekühlung von 2 kW/2,3 PS (Spatzmotor) auf 3 kW/ 3,4 PS bei 6500 U/min. Suhler Mopeds waren bekanntlich keine Langweiler. Die Simsonleute wussten, was die Jugend wollte und schöpfte die Vorgaben der DDR-Straßenverkehrszulassungsordnung großzügig aus. Auch im Soziusbetrieb hob der "Star" mit Höchstgeschwindigkeit ab. Entsprechend beliebt waren die Kleinkrafträder. Simson-Testfahrer erprobten den "Star" in den 1960er-Jahren sogar unter tropischen Bedingungen während zweier Extremtouren durch Afrika und Ostasien. Der Star behauptete sich aber auch im trivialen Alltag. Ob Fahrt zur Arbeit, zur Konsumverkaufsstelle oder in den Urlaub - das kleine Zweirad brachte seine Besatzung meist zuverlässig, in jedem Fall aber für wenig Geld an Ort und Stelle.
Für Stephan Krauße aus Jahnsdorf war dies einer der Gründe, sich heute noch einen "Star" zuzulegen. Ein anderer Grund ist familienbedingt: "Mein Uropa hatte einen ,Star', sogar mit Hänger. Das hat sich mir eingeprägt." Der 22-jährige Mechatroniker fand seinen Oldie, Baujahr 1968, über das Internet: "Er sah ziemlich rattig aus. Ich habe ihn im letzten Winter neu aufgebaut, Motor, Räder, Auspuff, Sitzbank und Lack erneuert. Bei schönem Wetter fahre ich damit nach Chemnitz zur Arbeit, bei den heutigen Benzinpreisen lohnt sich das."
Auch die Ökobilanz des Zweirads stimmt: Mit einem Kraftstoffverbrauch von zirka 2,7 Liter auf 100 Kilometer schlägt der Star jedes Dreiliterauto. Und das unter Normalbedingungen.