Hans Modrow: Wie hätte ich sonst entscheiden sollen?

SED-Politbüromitglied galt in der Endzeit der DDR als Reformer

Der vorletzte Ministerpräsident der DDR, Hans Modrow, war am Dienstagabend in der Chemnitzer Universität zu Gast. In der Ringvorlesung "1989/90-2009/10 Friedliche Revolution und deutsche Einheit in Sachsen" sprach er über die Zeit vor und nach der Wende. Der einstige SED-Hoffnungsträger blickt mit Bitternis auf die verantwortungsvollsten Wochen seines politischen Lebens zurück.

Chemnitz. Er verkörperte einst die Hoffnung auf eine reformierbare DDR. Nach Chemnitz kam er am Dienstagabend als Zeitzeuge der Geschichte, die gnadenlos über ihn hinweggefegt ist. Im Hörsaal: Hans Modrow, letzter SED-Ministerpräsident der DDR, bleibt den Denkmustern des Kalten Krieges verhaftet. Egal, ob es um die Frage nach der Legitimität des SED-Regimes geht oder die Rolle des Ministeriums für Staatssicherheit oder die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der untergegangenen DDR. Der heute 81-Jährige spricht mit einiger Bitternis von einer seit 1989 völlig veränderten Welt. Damals war die noch geteilt. Das prägt sein Denken bis heute.

Man nimmt es ihm aber auch ab, wenn er von der Verantwortung spricht, die er als Ministerpräsident für das Land gespürt habe. All sein Tun sei darauf ausgerichtet gewesen, die DDR in turbulenten Zeiten zusammenzuhalten, den Menschen eine Ordnung zu geben. Das Ende der DDR sei kein revolutionärer Prozess gewesen, sagt er. "Die DDR ist schließlich in sich zusammengefallen. Sie hatte nicht die Kraft aufbringen können, als Staat und als gesellschaftliches System bestehen zu können." Die Gründe dafür lässt er unausgesprochen. Zornig wird er, wenn er von den vielen nach der Wende "einfach abgewickelten, nicht mehr gebrauchten Menschen" in der DDR spricht. Die individuellen Lebensleistungen dürften generell nicht so herabgewürdigt werden.

Modrow war 1989 mehr Getriebener als treibende Kraft - so sieht er sich heute. Kritiker sehen das anders: Sie bringen ihn eher mit politischen Winkelzügen in Verbindung, mit denen er die Situation damals unnötig erschwert habe. Als Getriebener stellt sich Modrow auch im Zusammenhang mit den Ereignissen vom
4. Oktober 1989 dar, die sein Image als Reformer nachhaltig infrage stellten. Als damaliger 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Dresden war er verantwortlich für die gewaltsame Räumung des Dresdner Hauptbahnhofs, als die Züge mit den Prager Botschaftsflüchtlingen gen Westen rollten. Die Entscheidungen für den Transport seien in Berlin gefallen. Er habe in Dresden für die Sicherheit der Menschen sorgen müssen. "Mehr als zehntausend Menschen wollten in drei völlig überfüllte Züge mit Frauen und Kindern. Da mussten wir handeln. Wie hätte ich mich sonst entscheiden sollen?", fragt er in das Auditorium.

Er habe von dem historischen Zugtransport vorher keine Ahnung gehabt. "Als ich davon unterrichtet wurde, habe ich Otto angerufen, um Einzelheiten zu erfahren." Otto Arndt, damals Minister für Verkehrswesen, habe ihm gesagt, die Züge würden im Block durch Dresden fahren. Er habe damals gar nicht gewusst, was dieser Begriff bedeute. "Otto erklärte mir, dass die Züge aus Sicherheitsgründen in einigem Abstand fahren würden. So ahnungslos war ich", beteuert er.

Die Einheitsfeiern der vergangenen Wochen hält er übrigens für übertrieben. "Es wird ein Zeitgeist erzeugt, der in Deutschland den Eindruck erweckt, die Öffnung der Grenze war das größte Ereignis des
20. Jahrhunderts", erklärt er der "Freien Presse". Für ihn hingegen war das Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 das Erlebnis des Jahrhunderts. "Ich ärgere mich schon jetzt, wenn ich daran denke, wie das 65-jährige Gedenken an dieses Ereignis im nächsten Jahr vermutlich untergebuttert wird."

Apropos Geschichte: Am Samstag jährt sich der Auftritt Helmut Kohls an der Ruine der Frauenkirche in Dresden zum 20. Mal. Damals, am 19. Dezember 1989, eroberte er die Herzen der Menschen. Die Rede markierte den Meinungsumschwung in der DDR-Bevölkerung: Statt innerer Reformen wurde immer deutlicher die Wiedervereinigung gefordert. Modrow kann sich an diesen Tag noch gut erinnern. Von Kohls Rede fühlte er sich damals nicht überfahren: "Im Übrigen kamen die vielen bundesdeutschen Fahnen und Transparente, die angeblich eine breite Zustimmung der DDR-Bürger zur Wiedervereinigung signalisierten, nicht alle aus der DDR. Viele wurden auch aus dem Westen nach Dresden geschafft. Für mich ergibt sich kein klares Bild von dieser Veranstaltung."

Auch Modrows Sicht der Dinge gehört eben zur gesamtdeutschen Erinnerungskultur. Auch wenn sie dem Zeitgeist widerspricht und auch so manche historischen Fakten leugnet oder zumindest anders interpretiert.

Von Stephan Lorenz

 
erschienen am 16.12.2009
 
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