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Ich mach' mich nackig
Was hat die Jahre zwischen 2000 bis 2010 geprägt und erinnerungswürdig gemacht? Etwa, dass man sich ausstellt - Plötzlich ist man nackt - und wandelt sich womöglich zur Kunstfigur
Alles haben sie uns erzählt in den 1990-ern. Über ihren Sex, ihre Liebe und Hiebe. Über die Kinder von Männern, die sich andere nicht als Nachbarn wünschen würden. Über die Kosten der Brustvergrößerung und ihre Drogenexzesse. Der im wohl temperierten Wohnzimmer sitzende Kleinbürger war empört, während er gesalzene Erdnüsse kaute. Unzählige Talkshows und ihre bunten Gäste dominierten fade Sofa-Nachmittage derer, die nicht mehr abschalten wollten oder konnten. Mit dem Unterhaltungsformat verhielt es sich ähnlich wie mit plattgefahrenen Tieren auf der Straße: Man schaut hin. Auch wenn dabei ein leichter Grusel die Haut in Falten zieht. Das war ausbaufähig.
In den Nuller-Jahren reichte es nicht mehr aus, nur Menschen ihre Geschichten erzählen zu lassen. Alles sollte intensiver und von einem Standpunkt aus erlebbar werden, der weit näher dran war. Also rein in den sozialen Brennpunkt, statt nur davon zu berichten. Oder gleich selbst Brennglas und Sammelbecken zugleich sein. Das Unterhaltungsfernsehen musste dafür auf eine neue Ebene gewuchtet werden: Mittendrin statt nur dabei. Nicht zufällig spielte sich mit diesem Werbespruch ein Sportfernsehsender ins neue Jahrtausend. Er sollte für die gesamte Dekade gelten.
Im Mittelpunkt des großen kulturellen Rauschens stand das Individuum. Das ist im europäischen Denkansatz nichts Neues, wie ein Blick in die Philosophie-Geschichte zeigt. Einen regelrechten Kult der autonomen Person feierten schon die Aufklärer. In den Nuller-Jahren nahm die Dynamik dieses Gedankens, mehr als nur Teil einer homogenen Masse zu sein, noch einmal Fahrt auf. Anderssein wurde guter Standard. Wer wollte, konnte sich jetzt endlich völlig ausstellen. Anders als im Monstrositäten-Kabinett gut 100 Jahre zuvor, in dem Zuschauer Menschen mit Missbildungen bestaunten, führten sich jetzt die Objekte selbst und - bis zu den Grenzen der Selbstbestimmung des jeweiligen TV-Formats - sogar freiwillig vor. Selbstdarsteller zählten zu den Gewinnern.
Einer der neuen Schaukästen war der Big-Brother-Container. Im Jahr 2000 startete in Deutschland dieses Reality-Format. Plötzlich waren Leute von nebenan interessant genug, um sie sogar beim Schlafen oder Essen zu beobachten - am besten in Echtzeit. Das spannende Moment ist dabei die Erwartung des Punktes, an dem die Trivialität bricht. Schon in der nächsten Minute könnte Streit in der Gruppe die Situation kippen. Im Dschungelcamp wurde dieses Experiment noch weiter ausgefeilt. Trotzdem erinnern die Versuchsanordnungen an das Streben der Aufklärer im 18. Jahrhundert, als Mediziner mittels verschiedener Tests die Reaktion der Patienten provozierten und protokollierten. Die Probanden lagen nackt auf dem Seziertisch und die Gutachter beugten sich gierig darüber. Die Überwachung in allen Lebenslagen ist eine alte Fantasie. Michel Foucault hat darüber schon nachgedacht, Fernseh-Bosse auch.
Ganz uneigennützig war der Striptease in den Nuller-Jahren für das begehrte Objekt jedoch nicht. Um Erkenntnisgewinn ging es bei diesem popkulturellen Phänomen weniger, vielmehr um eine gekonnte Inszenierung und die Vermarktung des Ichs. Entblättern und entblößen ja, aber bitte nur zur Kunstfigur. Hinter Designer-Brille oder Pokerface ließ sich niemand gerne schauen. Lady Gaga beherrscht diesen Kunstgriff über die Dekade hinaus in Perfektion. Der hungrige Zuschauer lauerte auf Schwächen, um diese zu sezieren und sich daran zu reiben. Genügend Fläche dafür boten It-Girls, die sich fast ohne spezielles Geschick in diese Position bugsierten. Sie agierten als wandelnde Litfaßsäulen für Modebarone und warben dabei vor allem für sich selbst. Hotelerbin Paris Hilton versuchte sich als Model, Schauspielerin oder Sängerin. Doch in allem war sie nur halb so erfolgreich wie darin, einfach nur den Medien aufzufallen. Doch nur schrill oder exotisch zu sein wie in den 1990-ern reichte in den Nuller-Jahren nicht mehr aus. Die Suche nach dem gewissen Etwas und Perfektion peitschte eine ganze Generation vor sich her - irgendwo in den Wirren zwischen dem nächsten Praktikum und Facebook. Heidi Klum suggerierte in ihrer Model-Show ab 2006, dass ganz normale Mädchen aus der Nachbarschaft es mit ein bisschen Glück über Nacht in die Welt der Schönen und Reichen schaffen können - ein Aschenputtel-Märchen, das viel vom Frauenbild der Zeit verrät. Schon allein dadurch, dass junge Frauen plötzlich Mädchen waren, vielleicht gar Fräuleinwunder.
Eine Frau ist nach dem Idealbild der Nuller-Jahre jung, schön, schlank, erfolgreich, gepflegt und - das war neu - nicht nur unter den Achseln rasiert. Serien wie Sex and the City und Charlotte Roches literarischer Aufreger Feuchtgebiete von 2008 erklärten den weiblichen Schambereich zur kahlen Zone öffentlichen Interesses. Ans Licht gezerrt und begutachtet wurde dem weiblichen Intimbereich einerseits gehuldigt und andererseits eine vermeintliche Hässlichkeit attestiert. Doch Rasur-Schablonen versprachen Abhilfe. Die Nuller-Jahre waren in dieser Hinsicht radikal: Sie akzeptierten ausschließlich Makel, die sie zuvor zum Kult erklärt hatten. Nerd-Brillen zum Beispiel, oder zerknitterte Frisuren und Hemden als Out-of-bed-Look.
Die Fixierung auf einen weitgehend makellosen Körper ging mit dem Ausstellen des eigenen stilisierten Nacktseins in sozialen Netzwerken, Big-Brother-Containern oder auf dem Bild für die Single-Börse einher. Wellness und überteuerte Bodengymnastik im Fitness-Studie versprachen den Körper zu stählen. Der Zeitgeist fixierte sich auf den Körper, erklärte ihn zur Religion - von Ayurveda über Spinning bis zum Zahn-Bleeching. Die Kosmetikindustrie entdeckte den Mann und zwang ihn im Laufe der zehn Jahre immer länger ins Badezimmer, wo er seine Augenringe mit Spezialcreme betupfte. Nicht nur Erfolg macht sexy, sondern gutes Aussehen auch erfolgreich. In den Nuller-Jahren war das ein Leitmotiv.
Die liberale Gesellschaft kontrollierte sich zunehmend selbst und handelte dadurch restriktiver. Die wahrgenommene Freizügigkeit blieb in weiten Teilen nur Illusion. Hinter der Oberfläche agierten gerade die vermeintlich Nackten kontrolliert und entfernten sich immer weiter von wahren Nacktwanderern wie Hermann Hesse oder anderen Freigeistern. Ein entblößendes Profil im Internet fungierte als Werbung in eigener Sache. In einer Zeit, in der der Job unsicher blieb, die Rechtschreibung im Umbruch und nicht nur Medien in der Krise steckten, bot der eigene Auftritt eine letzte beherrschbare Sicherheit.