Ich mach's mir selber!
Der Selbsthilfe-Pragmatismus bei den vielen kleinen Dingen des Lebens
Das Schild war in seiner Naivität zwar in gewisser Weise bezeichnend, zeugte aber genau genommen auch noch von einem recht geordneten Staatsverständnis: "Helmut, nimm uns an die Hand, führ uns ins gelobte Land" hatte ein DDR-Demonstrant auf eine Papptafel geschrieben, um diese zu irgend einer Wende-Demonstration gen Firmament zu recken. Demokratie, das bedeutete noch in den 90er-Jahren, jemanden zu wählen, der dann stellvertretend für die Dinge eintrat, die man gern durchgesetzt gesehen hätte.
In den Nuller Jahren beschlich einen dagegen mehr und mehr das Gefühl: Wenn man sich für etwas einsetzen wollte, dann musste man das schon selber tun. Politik mutierte vom Wettbewerb der Ideen zum Wettbewerb der Versprechen, und je mehr die Akteure dabei einzelne Ansichten der Konkurrenz übernahmen, desto mehr ähnelt das Szenario einer Art Legoland: Bunt zusammengewürfelt und jederzeit austauschbar.
Man kann das natürlich beklagen - oder von der positiven Seite sehen. Lockern sich damit nicht auch einst fest gefügte Fronten? Sind wir nicht auf diese Weise einfach weiter hinausgetrieben auf die Weiten der oft gepriesenen "See der Möglichkeiten", auf die wir so sehnsuchtsvoll geblickt haben, als wir bestenfalls an ihrem Ufer stehen durften? Engagement ist dadurch schwerer geworden - man kann nicht mehr einfach irgend einem Verein beitreten und sich per Mitgliedsbeitrag das Gefühl kaufen, aktiv zu sein. Man steht als Einzelner aber auch nicht mehr allein gegen eine harte Front, sondern kann sich für kleine Etappenziele eine Interessengemeinschaft nach Gusto bastlen.
Wichtigstes Werkzeug ist, wie so oft, das Internet. Der Alleingelassene kann sich dort mit etwas Geschick die Verbindungen neu knüpfen, welche der Zahn des Zeitgeistes ihm zerbissen hat. Mehr noch: Man findet auch kurzfristig Gleichgesinnte für alle Lebenslagen. Warum wohl ist der ölig grinsende Gebrauchtwagen-Händler Rolf Rosstäuscher mit seinem weinroten Seidenblouson, den weißen Tennissocken in schwarzen Slippern und der falschen Golduhr am Handgelenktaschen-Hangelenk ein fossiles Relikt der 90er? Weil er uns nix mehr andrehen kann: Wer wissen will, wie der Gebrauchtwagenmarkt aussieht, muss sich nicht mehr nur mit den dürren wie markigen Empfehlungen einiger weniger Verwandter gewappnet in Rosstäuschers Überredungs-Inferno begeben, sondern hilft sich in Internet-Foren. Dort erfährt man in Windeseile von Gleichgesinnten, wo bei welchem Modell der Wurm drin ist. Dass das Vertrauen in derlei anonyme Selbsthilfe so immens geworden ist, hat einen guten Grund: Sie wird einfach aus Mitteilungsfreude heraus erteilt. Zwar mag es dabei nicht immer sachlich und ausgefeilt fachmännisch zugehen - nur: Interessengelenkt und damit unsachlich ist jeder professionelle Experte ja allemal.
Mit dieser Entwicklung haben in den Nuller Jahren vor allem die Medien ihr Betätigungsfeld verschieben müssen - ging doch ihre Deutungshoheit über zahlreiche Zeit-Phänomene vom Musikgeschmack bis zur politischen Entwicklung verloren. Der aktuelle Wut-Bürger, der sich Stuttgart 21 nicht gefallen lässt, ist letztlich ein typisches Endprodukt der Nuller: Wenn die Demokratie nicht mehr so läuft wie er sich das vorstellt, dann macht er sie sich einfach selbst. Früher hätte es dazu, getreu der Leninschen Lehre, einer "revolutionären Situation" bedurft. Heute funktioniert das bereits auf Mikroebene, ohne das dafür ganze Denksysteme ideologisch aufgeheizt aneinandergeraten müssen: Wenn es gegen den Neubau der Ortdurchfahrt geht, solidarisieren sich auch kurzfristig Beteiligte ganz unterschiedlicher Grundausrichtung - und stürzen damit die etablierten Parteien in die Krise. Die wissen mitunter gar nicht mehr, ob sie nun grün, gelb, rot oder schwarz sein sollen - beziehungsweise, was davon wann und wie lange wieviel davon.
Dem Nuller-Bürger ist das nicht so wichtig - bei Ebay gibt es immer die passende Kategorie. Das Online-Auktionshaus war Ende der 90er noch ein eher skurriles Internet-Phänomen, aus dem sich schräge Meldungen für die gemischten Zeitungsspalten quetschen ließen, wenn dort irgendwer einen Firmenjet, seine Seele, ein Toastbrot mit Marien-Erscheinung oder Belgien anbot. In den Nullern wurde Ebay jedoch zum ernsten Mark für jedermann, der das Versprechen, man könne dort alles finden, wirklich einlöst. Weil das Portal schlicht und ergreifend das "Habenwill"- und "Loswerdenmuss"-Potenzial der Selbermach-Generation genial zusammenführt.
Dass all diese Dinge aber mitunter mehr nach Freiheit klingen, als sie es wirklich sind, wird schnell klar, wenn man an die Grenzen des Selbermachens stößt. Wer einmal versucht hat, sich mit Hilfe der zahlreichen Meinungen zu einem bei Amazon vertriebene Buch ein Bild über dessen Qualität zu machen, stellt schnell fest, dass das System einen Haken hat: Es differenziert ungern. Aus überschwänglichen Lobeshymnen auf der einen und üblen Verrissen auf der anderen Seite kann man oft nur die wenig epochale Erkenntnis schöpfen, dass es offenbar zu jeder Sache zwei Meinungen gibt. Ein klares Bild wird dabei trotz des vielfältigen Inputs selten gezeichnet, weil das für den Einzelnen selten nötig ist: Man muss für sich selbst ja nur wissen, ob man etwas mag oder nicht. Ohne Begründung. Ein Grund, warum in vielen sozialen Netzwerken unter "Wer ich bin" oft nur ein so hilfloses wie zutreffendes "Finde es doch selbst raus" eingetragen wird.
Rausfinden auf der einen Seite setzt voraus, das auf der anderen Informationen preisgegeben werden. Sind diese abrufbar, werden sie aber gnadenlos mit immer feineren Suchalgorithmen durchforstet. Eines dieser Phänomene heißt "Dr. Google": Warum denn zum Arzt gehen, wenn man sich auch selbst helfen kann. Man gibt die Symptome im Internet ein, und schon spuckt die Suchmaschine nicht nur die Krankheit aus, sondern auch den Link zu einem Forum oder einer Selbsthilfegruppe, wo sich Mitbetroffene untereinander unter die Arme greifen.
Für kleinere Übel ist das ein Segen: Das Kind hat einen Kaugummi verschluckt? Gut, sich virtuellen Eltern-Gespräch Beruhigung zu holen! Allerdings gibt es auch Zeitgenossen, die ihren Krebs so behandeln wollen. Kein Wunder, dass Hape Kerkelings Selbsterfahrungsbuch "Ich bin dann mal weg" sich in den Nuller Jahren verkauft hat wie Honig mit Himbeer-Geschmack...