Instinktsichere Mischung aus Respekt und Zusagen
Die Dresdner Rede von Helmut Kohl vor 20 Jahren brachte Schubkraft in den deutschen Vereinigungsprozess
Dresden. Es war eine Rede, die eine Stadt begeisterte, die ein Land bewegte und die die deutsche Einheit auf unerwartete Weise beschleunigte. "Die Rede war genial. Das zeigt sich vor allem, je größer der Abstand dazu wird," lautet die Einschätzung von Herbert Wagner, Sprecher der "Gruppe der 20" und erster Dresdner Oberbürgermeister der Nachwende-Zeit. "Es war eine der wichtigsten und besten Reden, die Helmut Kohl je gehalten hat", findet Rudolf Seiters, der damalige Chef des Bundeskanzleramtes. Es war aus seiner Sicht die instinktsichere Mischung aus Respekt und handfesten Zusagen, die die Wirkung der Ansprache vor der Ruine der Dresdner Frauenkirche erklärt. So ging der 19. Dezember 1989 als historischer Tag in die Analen der friedlichen Revolution ein.
Die innere Aufwallung dieses Dezemberabends spürte Wagner bereits bei der Begrüßung Kohls. "Da rieselte es mir den Rücken herunter", beschreibt er den Moment, als von den "lieben Landsleuten" die Rede war. Dass der Bundeskanzler überhaupt zu den Dresdnern sprechen würde, entschied sich praktisch erst im letzten Moment. Für Seiters, seinen damals engsten Mitarbeiter, fiel "der innerliche Entschluss" dazu zwischen der Landung auf dem Flughafen Klotzsche und der Fahrt in das Hotel Bellevue. "Als Kohl die Gangway des Flugzeuges herunterschritt und die vielen schwarz-rot-goldenen und die sächsischen Fahnen sah, hat er sich zu mir umgedreht und gesagt: "Rudi Seiters, die Sache ist gelaufen."
Wie ein Traum erscheinen Seiters heute die wenigen Monate, die zwischen seiner Berufung als Minister im April 1989 und dem denkwürdigen 19. Dezember lagen. Am 5. Juli 1989 hatte er noch seinen Antrittsbesuch beim damaligen DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker gemacht, doch dann überschlugen sich die Ereignisse: Zusammen mit Hans-Dietrich Genscher überbrachte er auf dem Prager Botschaftsbalkon den DDR-Flüchtlingen die Ausreiseerlaubnis. Kurze Zeit später fiel die Mauer. "Und dann die Rede in Dresden - der dritte höchst emotionale Moment innerhalb eines halben Jahres", spult der heutige Präsident des Deutschen Roten Kreuzes den Film seiner Erinnerungen noch einmal zurück.
Die Reise Kohls nach Dresden hatte Seiters mit dem damaligen DDR-Ministerpräsidenten Hans Modrow abgestimmt. Die DDR habe sich in ihrer wirtschaftlichen Existenz akut bedroht gefühlt und war dringend auf frisches Geld angewiesen. 750 Millionen D-Mark zahlte die Bundesrepublik damals in einen Reisedevisenfonds ein, im Gegenzug entfiel das moralisch anstößige "Begrüßungsgeld". Einen "sehr unsicheren Eindruck" habe Modrow in dem Gespräch gemacht, das er im Hotel Bellevue mit Kohl führte. Der erste Mann im noch eigenständigen Staat DDR habe vom Blatt abgelesen und seine Geldwünsche vorgetragen. Von 15 Milliarden Mark sei die Rede gewesen.
In das System DDR wurde kein Geld mehr gesteckt
Die Linie der Kohl-Regierung war schon vor dem Gespräch klar. Zu einer umfassenden Hilfe war die Bundesrepublik nur bereit, wenn eine "grundlegende Reform der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse verbindlich festgelegt wird, die SED auf ihr Machtmonopol verzichtet, unabhängige Parteien und freie Wahlen verbindlich zugelassen werden". Nach dem Gespräch mit Modrow sei klar gewesen, dass "in das System der DDR kein Geld mehr gesteckt wird", sagte Seiters. Ob Modrow das geahnt hat? Jedenfalls überließ der gastgebende Ministerpräsident dem Kanzler der Bundesrepublik Deutschland allein das Feld. "So etwas habe ich in 33 Jahren als Politiker nicht wieder erlebt", schüttelt Seiters noch heute ungläubig den Kopf.
Während der Kanzleramtschef im Hintergrund die Strippen zog, räumte der spätere Dresdner Oberbürgermeister Wagner in den turbulenten Nachwende-Tagen mit Beharrlichkeit und Sanftmut lokale Hindernisse für den Kohl-Besuch aus dem Weg. Mit Andre Lang, Stellvertreter des damaligen Oberbürgermeisters Wolfgang Berghofer, besprach er technische Einzelheiten. Als Organisator und Moderator der Montagsdemonstrationen schien Wagner für die SED-Genossen der geeignete Mann zu sein.
"Dabei haben wir uns in einer Grauzone der Unwissenheit bewegt", erzählt Wagner. Sicher sei nur gewesen, dass Kohl an der Ruine der Frauenkirche einen Kranz niederlegen wollte. Von einer Rede war noch nichts bekannt. Dennoch musste vorsorglich eine Tribüne errichtet werden. Als Standort sei zunächst der rund 200 Meter entfernt gelegene Anbau des Polizeipräsidiums an der Schießgasse geplant gewesen. Das Argument: Sollte es zu Ausschreitungen kommen, wäre der Kanzler sofort in Sicherheit gewesen. Doch Wagner legte sein Veto ein. Sein Argument konnte die SED nicht widerlegen: "Die Dresdner wollen Kohl sehen, und er will mitten im Volk stehen."
Kohl musste Rücksicht auf Michail Gorbatschow nehmen
Dass Kohl am 19. Dezember um 16 Uhr an der Frauenkirche-Ruine sprechen könnte, verbreitete sich dann durch die Mitteilung der "basisdemokratischen Gruppen" wie ein Lauffeuer in der Stadt. Bis zu 50.000 Dresdner kamen. Es sei der einfühlsame Ton gewesen, mit dem Kohl das Befinden der DDR-Bevölkerung punktgenau getroffen habe, beschreibt Wagner die Wirkung der Rede. "Wir haben uns wie gleichberechtigte Deutsche gefühlt". Und es war dieser eine Satz von Kohl, der ihm unter die Haut ging: "Mein Ziel bleibt, wenn die geschichtliche Stunde es zulässt, die Einheit unserer Nation."
Wagner, der gebürtige Neu-Strelitzer, wollte keine erneuerte DDR mit sozialistischem Antlitz. Und Rudolf Seiters, der Ostfriese aus Papenburg, wollte gemeinsam mit Kohl keine zu großen Hoffnungen wecken. "Der Kanzler hätte die Menschen ganz anders aufputschen können." Doch er musste Rücksicht auf Michail Gorbatschow nehmen, und noch viel mehr auf die West-Alliierten. Margret Thatcher, die britische Premierministerin, machte Druck auf den französischen Präsidenten François Mitterrand, ein Veto gegen eine Wiedervereinigung einzulegen. "Und der italienische Ministerpräsident Giulio Andreotti sagte, man liebe die Deutschen so sehr, dass man gern zwei davon hätte", ruft Seiters in Erinnerung. "Umso wichtiger war", fügt er an, "dass von der Dresdner Rede, eher eine besänftigende Wirkung ausging."