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Knallerei mit Nebenwirkungen
Silvesterfeuerwerk war einst gedacht, um böse Geister zu vertreiben
Chemnitz. Statt mit frischem Schwung ins neue Jahr zu gehen, finden sich nach Silvester viele Menschen in den Notaufnahmen der Krankenhäuser wieder. Denn bei falschem Umgang mit Feuerwerk kann es zu schweren Verletzungen kommen - besonders häufig sind Hör- und Augenschäden, vor allem aber Verbrennungen.
"Bei den Brandverletzten haben wir es zumeist mit Kindern und Jugendlichen zu tun, die ihren Mut beweisen wollen, indem sie den Böller besonders lang in der Hand behalten", weiß Dr. Frank Bisgwa, Leitender Oberarzt am Brandverletztenzentrum des Berufsgenossenschaftlichen Unfallkrankenhauses Hamburg. Dieses Zentrum ist eines der größten seiner Art in Deutschland.
"Ähnlich wie beim Grillen sollte auch in der Silvesternacht kein unnötiges Risiko eingegangen werden", rät Bisgwa. "Nach dem Zünden von Raketen und dergleichen ist es angeraten, sofort einen Sicherheitsabstand von einigen Metern einzunehmen. Böller sollten sofort nach dem Zünden weggeworfen werden."
Doch was ist zu tun, wenn es zu einem Unglücksfall gekommen ist? Bisgwa: "Neben der Verständigung eines Notarztes müssen Verbrennungen zunächst vor allem gekühlt werden, und zwar mit klarem Wasser. Sofern möglich, die Wunden dann steril verbinden. Auf gar keinen Fall dürfen Stoffreste und ähnliches aus der Wunde entfernt werden, das ist Sache des Arztes."
Um Verletzungen vorzubeugen, sollte man folgende Vorsichtsmaßnahmen beherzigen: Bis zu ihrem Einsatz sollten alle Knaller, Raketen etc. an einem sicheren, für Kinder nicht zugänglichen Ort kühl und trocken gelagert werden. Riskant ist es, Knaller in der Kleidung, etwa in der Hosentasche, zu tragen. Die Gebrauchsanleitungen und Hinweise zur Handhabung dienen der eigenen Sicherheit. Raketen beispielsweise sollten aus standsicheren Flaschen, die sich idealerweise in einem Flaschenkasten befinden, senkrecht nach oben gestartet werden. Knallkörper wie etwa Kanonenschläge müssen auf dem Boden gezündet werden, nach dem Anzünden sollten alle Umstehenden einen Mindestabstand halten.
Nicht explodierte Knallkörper, so genannte Blindgänger, lässt man einige Minuten liegen und übergießt sie dann mit Wasser, damit sie nicht später noch Schaden anrichten können. Anschließend müssen sie sachgerecht entsorgt werden, sodass Kinder sie nicht finden können.
In der Silvesternacht werden in Deutschland wieder unzählige Flaschen geöffnet. Dabei sollte man stets darauf achten, dass der Sektkorken nicht ins Auge geht, warnt der Berufsverband der Augenärzte.
Die Flaschenöffnung sollte niemals auf Personen gerichtet sein. Und um sicherzugehen, dass kein Querschläger ins Auge geht, sichert man den Korken mit einem Tuch. "Ein Sektkorken, der das Auge trifft, kann böse Folgen haben", erklärt Prof. Bernd Bertram, Vorsitzender des Berufsverbands. Der Korken passt genau in die Augenhöhle und kommt mit einer so großen Energie angeflogen, dass er schwere Schäden anrichten kann, zum Beispiel Blutungen im Augeninneren. Eine unfallbedingte Trübung der Augenlinse (Katarakt) lässt sich zwar operativ behandeln, auch bei einer Ablösung der Netzhaut können Augenärzte meist das Augenlicht retten. Doch Art und Ausmaß der Schäden sind unvorhersehbar, wenn ein solches Geschoss die Augen trifft.
Vorsicht ist übrigens auch angebracht, wenn eine Sektflasche nicht völlig geleert und wieder verschlossen wurde, ergänzt der Augenarzt. Wenn sie am nächsten Tag wieder geöffnet wird, ist das Risiko keineswegs geringer als bei einer vollen Flasche. Die verbliebene Kohlensäure reicht häufig aus, um einen starken Druck aufzubauen, der den Korken mit hohem Tempo aus der Flasche schießen lässt.
Die Augenschäden durch einen Sektkorken sind vielleicht noch reparabel, doch Feuerwerkskörper können zum Verlust des Augenlichts führen. So ungewohnt es für manchen erscheint, können Schutzbrillen wertvolle Dienste leisten. Keinesfalls dürfen Feuerwerkskörper in Menschengruppen geworfen werden, warnen die Augenärzte.
Silvesterknaller überfluten das Ohr mit einer Schallwelle von 130 bis 190 Dezibel, vergleichbar mit einem Düsenjet. Im Innenohr sitzen fast 20.000 Sinneszellen, so genannte Haarzellen mit einer Vielzahl von Sinneshärchen, die normalerweise durch Geräusche in feine Schwingungen versetzt werden und damit ein Signal an das Gehirn über-
tragen. Der extreme Druck aber verbiegt die Härchen oder knickt sie ab. "Ein Knalltrauma ist, als ob ein Sturm über ein Getreidefeld hinwegfegt", sagt Dr. Michael Deeg, Sprecher vom Berufsverband der HNO-Ärzte. Die Folge ist eine sofort einsetzende Hörminderung, meist auch ein Klingeln oder Rauschen im Ohr. Mediziner sprechen vom Knall- oder Lärmtrauma. Extreme oder längere Einwirkungen solcher Lautstärken können aber dauerhafte Schwerhörigkeit hervorrufen.
Das akute Knalltrauma wird mit Medikamenten behandelt. Als mindestens gleichwertig hat sich laut Deeg auch die Therapie mit hyperbarem Sauerstoff in einer speziellen Überdruckkammer erwiesen.
Etwa 3000 Deutsche pro Jahr trifft ein Hörsturz. Innerhalb von Sekunden oder Minuten hören sie auf einem Ohr nur noch schlecht oder gar nicht mehr. Viele von ihnen verspüren einen Druck oder ein pelziges Gefühl im Ohr. 80 Prozent klagen über Ohrgeräusche. "Was genau beim Hörsturz im Ohr passiert, ist noch immer unklar", sagt Deeg. Als Ursache werden Stoffwechselstörungen im Innenohr angenommen, die die Haarzellen schädigen. Als Auslöser spielt Stress, zu dem auch Knalltraumen gehören können, ganz sicher eine wichtige Rolle, sagt Deeg. Möglicherweise ist auch eine dauernde Lärmbelastung von Bedeutung. Bei einem Verdacht auf Hörsturz sollte möglichst rasch ein HNO-Arzt aufgesucht werden, je eher eine Behandlung eingeleitet wird, umso besser sind die Chancen auf Heilung. Deeg: "Wird möglichst rasch Kortison verabreicht und kommt der Patient zur Ruhe, tritt in mehr als 80 Prozent eine Heilung oder zumindest eine deutliche Besserung der Symptome ein." Wer sich Lärm aussetzen muss, sollte deshalb die Ohren schützen. Dabei sind einfache Ohrstöpsel potente Lärmdämmer, erklärt der HNO-Arzt.
Silvester ist ein weit verbreiteter Anlass, hochprozentigen Getränken zuzusprechen. Doch oft wird dies am nächsten Morgen mit dem berüchtigten "Kater" teuer bezahlt. Was kann man dagegen tun?
Für den "Kater" ist es wichtig, welche Getränke man konsumiert: Je höher ihr Anteil an Fuselalkoholen, umso mehr droht der dicke Kopf. Denn sie werden im Körper zu Giften umgebaut, die zu einem Sauerstoff-Engpass im Gehirn führen. Hochprozentige, aber reine Spirituosen wie etwa Wodka enthalten weniger Fuselalkohol als Kräuterschnäpse oder Obstliköre. Beim Bier sorgt laut einer Untersuchung der Fachhochschule Münster ausgerechnet das Weizenbier für den schlimmsten Kater. Es wäre jedoch voreilig, diese Getränke generell als "billigen Fusel" zu bezeichnen. Denn Fuselalkohole haben eine wichtige Funktion als Geschmacksträger.
Wer höherprozentigen Drinks zuspricht, sollte pro Einheit ein Glas Wasser trinken, denn dadurch begegnet er dem entwässernden Effekt des Alkohols. Experten der Kopfschmerzklinik in Chicago empfehlen außerdem, vor der Party ein großes Honigbrot zu essen. Denn das versorgt den Körper mit Fruchtzucker, der im Stoffwechsel mit dem Alkohol konkurriert. Dadurch verzögert sich der Schwips, und auch das "Kater"-Risiko nimmt ab, ebenso wie nach dem Essen von saurem Hering.
Wer trotzdem sturzbetrunken ist, für den gibt es nach Untersuchungen von Prof. Edzard Ernst von der Universität Exeter kaum überzeugend wirkende Mittel, einzig Borretsch-Öl oder Hefeextrakt. Doch wer nimmt das am Morgen danach schon freiwillig zu sich? "Dass es kein brauchbares Therapeutikum gegen den Kater gibt, ist vielleicht auch gut", meint Ernst. "Schließlich macht er fühlbar, wie ungesund Alkohol sein kann." (sw/fp/jzl)