"Atlantis" steht auf diesen zwei von rund 500.000 Büchern, Dokumente einer untergegangenen Welt. Sie stapeln sich - verpackt in Bananenkisten - in einer alten Schulturnhalle in Merseburg. Es sind Bücher aus der DDR, gesammelt in den vergangenen zwanzig Jahren von Peter Sodann. Der Schauspieler hat sie zum Teil von der Müllkippe gerettet. Eine Ost-Bibliothek soll daraus werden. Rund um deren Anfänge sind die Fotos entstanden, welche diese Literaturbeilage bebildern.
Foto: Ulrich Hammerschmidt/Matthias Zwarg
Kreuzritter und Milchmädchen
Was Autoren schreiben und lesen: Eine Umfrage bei Schriftstellern unserer Region kurz vor dem Bücherfest in der sächsischen Messestadt
Autoren schreiben, das ist ihr Metier. Lesen sie auch? Man will es hoffen. Welche Bücher lesen sie? Zum Bücherfest in Leipzig wird man ihnen begegnen in persona und in Form von Büchern. In der Region Chemnitz leben etwa dreißig Schriftsteller, jüngere und ältere, bekannte und noch unbekannte. Wir erzählen von einigen. Und sie erzählen von ihren Büchern und Plänen.
Auf den Spuren Freibergs
Kein halbes Jahr ist es her, da legte Sabine Ebert ihren Roman "Blut und Silber" in die Hände der Leser. Und die verschlangen regelrecht die turbulenten Ereignisse aus der Zeit ab 1296, als König Adolf von Nassau die reiche Silberstadt Freiberg mit einer gewaltigen Streitmacht belagerte. Der Wälzer von mehr als 700 Seiten brauchte nicht lange, um auf der Spiegel-Bestsellerliste zu landen. Doch ausruhen war nicht, denn die Fans der erfolgreichen Freiberger Autorin warten ja schon, dass die Geschichte um Marthe und die Christiansdorfer weitergeht, deren dritter Teil gerade als Fortsetzungsroman in der "Freien Presse" zu lesen ist. Für den Oktober ist Band vier der Hebammensaga angekündigt, rund 400 Seiten davon hat Sabine Ebert bereits vorliegen.
Nach der Lesetour für den "Blut und Silber"-Band hat sie sich nun wieder ganz zurückgezogen zum Schreiben - randvoll mit historischen Quellen zu den Kreuzzügen, wie sie selbst sagt, denn einige ihrer Romanfiguren schickt sie mit auf deren Mission. In Bibliotheken hat Sabine Ebert dazu recherchiert, wie man weiß, nimmt sie diese Vorarbeiten immer sehr genau. Sogar eine Reise ins Heilige Land hat sie unternommen und sich auf die Spuren der Kreuzritter begeben. Nun drückt der Abgabetermin für die "Hebamme" Nummer 4, also, gesteht Sabine Ebert, hat sie momentan keine Zeit, was anderes zu lesen.
Im Dunst einer Havanna
Rainer Klis lebt in Hohenstein-Ernstthal. Im Hinterzimmer seiner Buchhandlung unternimmt er Tag für Tag den schwierigen Versuch, die Verkaufsgegenstände seines Unternehmens selbst herzustellen. Manchmal fällt er auch in den Indianer-Reservaten vom Pferd, denn er schreibt, der Ortstradition entsprechend, auch über Indianer. Vielleicht ist er der erste, der sie auch wirklich kennt. Auf die Frage nach seiner momentanen Arbeit, antwortet er mit Ironie: "An meiner Einstellung zur Arbeit, wie vom Verleger erwartet. Er hat einen Bestseller von 500 Seiten bestellt, der in fünfzig Sprachen übersetzt und mit Angelina Jolie und Robert De Niro verfilmt werden kann..." Und was hat er zuletzt veröffentlicht? "Mann ohne Pferd. Geschichten von unterwegs", die Romane "Nacht der Kavaliere" und "Steinzeit". Und welches Buch hat 2009 den größten Eindruck gemacht: Karlheinz Deschners "Kriminalgeschichte des Christentums. Band 1. Die Frühzeit", ein Rowohlt-Taschenbuch. - Nun lassen wir ihn weiter schreiben und lesen, dabei brennt er sich eine Havanna an.
Von Tomaten und Hexen
Nicht weit entfernt, in Rüsdorf, lebt Regina Röhner. Momentan hat sie gute Schreibzeit, denn ansonsten bückt sie sich über die Kräuterbeete im weitläufigen Garten. Die Diplom-Mathematikerin ist eine exzellente Köchin, die schon im Fernsehen mit Erfolg gekocht hat. Und sie schreibt auch mit Erfolg: "Der sächsische Prinzenraub" oder "Feine Naturküche". Sie hat ein "Tomatenbüchlein" abgeschlossen, das zur Buchmesse im Buchverlag für die Frau erscheint, und sie empfiehlt den Lesern nicht nur ihre eigenen Bücher, sondern einen Band, den das Historische Museum der Pfalz in Speyer herausgegeben hat: "Hexen, Mythos und Wirklichkeit". Sie hat ja selber auch schon dieses Thema bearbeitet in "Hexen müssen brennen".
Der Universalgelehrte Schubert
Von Rüsdorf reisen wir nach Niederfrohna. Da sitzt Andreas Eichler inmitten seiner Bücherwelten. Er ist ja nicht nur Autor, Herausgeber der Internet-Zeitschrift "Litterata", Chef des Mironde-Verlages und Vorsitzender des Sächsischen Schriftstellervereins e. V., der promovierte Philosoph hat eine Lieblingsbeschäftigung: Johann Gottfried Herder lesen. Und den empfiehlt er anderen Lesern, aber auch: "Dürrenmatts Stück ,Romulus der Große' war eine Entdeckung für meine Frau und mich, und eine Entdeckung ist Gotthilf Heinrich Schubert, über den ich mit Wolfgang Hallmann gerade ein Buch schreibe. Wer Schubert ist? Ein fast vergessener Universalgelehrter der deutschen Romantik, der 1780 im Pfarrhaus der St. Christophorus-Kirche in Hohenstein-Ernstthal geboren wurde. Aber ich will noch auf die Kammweg-Reihe des Mironde-Verlages verweisen. Insbesondere auf den herrlich-humorvollen Band des erzgebirgischen Mundartdichters Fritz Körner ,De gesungne Speisekart'."
Treffen mit Majakowski
Im vogtländischen Reichenbach lebt Utz Rachowski, wenn er denn nicht in der Welt herumreist. Kürzlich kam eine Karte aus den USA, dann war er mal kurz in Rom, aber Reichenbach, in dem er zu DDR-Zeiten verfolgt und vertrieben wurde, ist sein Lebensmittelpunkt geblieben. Und jene Lebensproblematik ist auch in seinen jüngsten Büchern sichtbar. Momentan arbeitet er an dem Gedichtbuch "Ich ging früh los, um Majakowski zu treffen", und wer ihn als Autor treffen will: Das Hörbuch "Mein Sommer, mein Winter und das andere" ist in der Edition Errat in Leipzig erschienen. Doch Rachowski ist auch ein großer Leser. Er empfiehlt "die Neuauflage des Buches ,Vernehmungsprotokolle' meines vor zehn Jahren verstorbenen Freundes Jürgen Fuchs und die Essays von Hertha Müller, der Nobelpreisträgerin von 2009, die ich seit langem kenne".
Neuer Kriminalfall auf Rügen
Ihr jüngstes Werk ist gerade erschienen: "Ausgetickt" heißt der Krimi von Maren Schwarz, der in dem Band "Mords-Sachsen 4" zu finden ist. Doch längst hat die Rodewischer Autorin ihren nächsten Text in Arbeit - wieder einen Rügenkrimi. Dieses Jahr noch will sie den neuen Fall von Kriminalkommissar Henning Lüders beenden, in dem es um eine junge Fotografin geht, die glaubt, am Tod ihrer Tochter schuld zu sein. Und wenn sie nicht selbst schreibt, liest Maren Schwarz natürlich auch leidenschaftlich gern, gegenwärtig "Das verlorene Symbol" von Dan Brown. Das sei unheimlich gut recherchiert. Und spannend, schwärmt sie. Überhaupt sei das für diese Art Lektüre die Hauptsache. Deshalb würde sie das Buch auch anderen zum Schmökern ans Herz legen.
Lachen in Mundart
Uwe Schneider war zwei Jahrzehnte im Hauptberuf Bürgermeister der Stadt Zwönitz. Nun ist er im Ruhestand, wie man das so nennt. Eine dicke Chronik seiner Stadt zum 850-jährigen Jubiläum in diesem Jahr liegt auf seinem Schreibtisch. Und im Sommer fährt er mit dem Wohnwagen und dreißig Büchern nach Kroatien. Jeden Tag ein Bad und ein Buch, da muss man gesund bleiben. Neben der Festschrift sitzt er an einem Mundartbuch "Lachen macht gesund". Er hat ja gerade den sechsten Band seiner autobiografischen Mundarterzählung "Wie iech dr Bürgermaaster war" veröffentlicht. Und der größte Leseeindruck 2009? Solschenizyns "Zwischen zwei Mühlsteinen - mein Leben im Exil" und Herta Müllers "Atemschaukel".
Wälzer zu empfehlen
Gelegentlich trifft man Hans Brinkmann auf dem Chemnitzer Hauptbahnhof, da trinkt er am Stehbüfett einen Kaffee. Des Öfteren freilich sitzt er im Tietz in der Stadtbibliothek, etliche Gazetten lesend. Und er ist auch einer der wenigen Autoren, die Veranstaltungen ihrer Kollegen besuchen. Woran er arbeitet? An dem Romanmanuskript "Die Butter vom Brot". Und was ist zuletzt erschienen? "knicken", ein Gedichtband, sowie "Milchmädchen rechne dich", Geschichten, 2009. Zum Lesen empfiehlt er dicke Bücher, die Anderthalbtausend-Seiten-Wälzer von Dietmar Dathe "Für immer in Honig" und Pynchons Roman "Gegen den Tag".
Erich Kästners Lyrik
Im Vogtland sitzt der emeritierte Professor Rüdiger Bernhardt, er hat etliche Bücher geschrieben, die auch Nicht-Studierte lesen können. Bis voriges Jahr war er Vorsitzender der Hauptmann-Stiftung auf Hiddensee. "Ich korrigiere gerade die Fahnen eines Buches, das dem lyrischen Schaffen Erich Kästners gewidmet ist. Es ist der sechste Band einer Reihe ,Lyrik spezial', aber es ist eben keine Reihe für Spezialisten, sondern für Schüler, Lehrer und Freunde des Gedichts." Auf die Frage, welche eigenen Bücher er den Lesern empfiehlt: "Also die genannten Bände des Bange Verlages, aber auch meine Biografien über August Strindberg, Peter Hille, meine Hiddensee-Hauptmann-Bücher." Und die Bücher anderer? "Sehr lesenswert der ,Literarische Führer Deutschland' von Fred Oberhauser und Axel Kahn und unbedingt Volker Brauns jüngstes Buch ,Machwerk', das ja nun gerade kein Machwerk im landläufigen Sinne ist."
Eine Kleinstadt-Ballade
Matthias Zwarg aus Zschopau ist ein Schreiber, ein Leser und vor allem ein Büchermacher. Er verantwortet die Publikationen des Chemnitzer Verlages, und da hat er gerade vor der Messe viel zu tun. Mit einem Lächeln sagt er: "Ich arbeite hauptsächlich an mir selbst - leider ohne großen Erfolg." Aber er fügt hinzu: "Doch, da gibt es eine ,Ballade von den kleinen Städten', die ja langsam aussterben - die würde ich gern zu Ende bringen."
Und er lacht auch und freut sich, wenn er erzählt, dass demnächst in der Chemnitzer Sonnenberg-Presse ein kleiner Gedichtband "Die Zeit vergeht ganz unbestimmt" erscheint, "es ist aus vielen Gründen ein besonderes Buch". Zum Lesen empfehlen, da nennt er Philippe Claudel, alle seine Bücher, aber jetzt besonders "Die grauen Seelen". Und dann guckt er wieder in den Computer auf die Manuskripte, aus denen er Bücher machen will.