Hamam Traditionell folgt auf das Schwitzen ein mehrmaliges Einseifen von Kopf und Körper und die Abreibung mit einem Kokosfaser- und Ziegenhaar-Handschuh namens Kese.

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Mit allen Sinnen entspannen und genießen

Bäder mit Geschichte: Hamams dienten einst rituellen Waschungen - Heute nutzen Stressgeplagte die orientalischen Wohlfühltempel

Chemnitz. Der Schnurrbärtige langt mächtig hin. Mit kräftigen Oberarmen zieht und zerrt er an den Gliedern, biegt sie dorthin, wo er sie haben will. Derweil schätzt sein Opfer auf der Pritsche ab, wie zugfest eine Unterarmsehne oder ein Wadenmuskel wohl sein mag. Dabei ließen sich jetzt die exotischen Reize des orientalischen Badehauses genießen: Durch bunt verglaste Fenster fällt mildes Licht in die hohe Eingangs-Halle, in ihrer Mitte plätschert ein Springbrunnen, den Boden schmückt Marmor und die Wandkacheln sind mit Ornamenten verziert.
An den Seiten der Halle ruhen sich einige Männer auf gepolsterten Liegen aus, bedeckt von bunten Tüchern. Sie schlürfen Tee, manche unterhalten sich leise. Obwohl bis aufs Hüfttuch nackt, ist der Masseur ins Schwitzen geraten und dehnt jetzt auch noch die Beinmuskeln seines Kunden mit einer Leidenschaft, die zumindest in diesem Fall gottlob keine Leiden schafft. Wäre das anders, würde der aus den 1920-er Jahren stammende Hamam der Pariser Moschee vermutlich kaum Dauerkundschaft haben.

Bedeutung

Hamams (arabisch/türkisch Wärmespender) sind keine muslimische Erfindung. Sie bauen architektonisch und technisch auf byzantinischen Bädern auf, die ihrerseits den antiken Thermen der Römer nachempfunden waren. Die Muslime hatten die oft luxuriösen, privaten wie öffentlichen Badehäuser vorgefunden, als sie ihren Machtbereich vom 7. bis 9. Jahrhundert in die östliche und südliche Mittelmeer-Region ausdehnten.

Zierde der Städte und Dörfer

Nach und nach vereinnahmte der Islam die Bäder für seine Zwecke. Denn sie hätten nicht nur der Vorliebe vieler Orientalen zu Schwitz-Ritualen entsprochen, "sondern waren auch zu den rituellen Reinigungsprozeduren, der großen und kleinen Waschung, gut geeignet", sagt der Münchner Medizin-Professor und Hamam-Kenner Hans-Dieter Hentschel. Bäder in Privathaushalten waren bis in die Neuzeit unüblich und Badehäuser daher hoch willkommen. Sie wurden zur Zierde vieler Städte und Dörfer.
Anfangs jedoch gab es Widerstände und "heftige Kontroversen", sagt der Münsteraner Professor Heinz Grotzfeld, ein Arabist und Kenner orientalischer Bäder. Am Baden selber habe der Islam zwar keinen Anstoß genommen, aber an der bis dahin üblichen Nacktheit der Badenden. Die muslimischen Eroberer hätten sich nach und nach "mit der Realität einigermaßen arrangiert"
Allerdings verschwanden mit der Zeit das Tauchbecken aus dem Kaltwasserraum der antiken Bäder, denn Muslime sind gehalten, sich beim rituellen Waschen möglichst nur unter fließendem Wasser zu reinigen. Übrig vom Becken blieb nur eine Art Springbrunnen mit kühlem Nass. Auch die römischen Warmwasser-Becken überdauerten nicht. Statt dessen finden sich in den Heißräumen der Hamams von unten beheizte Podeste aus Steinplatten, auf denen Badbesucher hocken oder liegen und dabei tüchtig schwitzen können.

Rituale

Wer das Badehaus der Pariser Moschee betritt, wird zunächst vom hammami, traditionell der Pächter des Bades, begrüßt. Er kassiert das Eintrittsgeld und händigt seinen Gästen auch die nötigen Utensilien aus: schwarze Seife, den Lendenschutz, futa genannt, Handtücher sowie auf Wunsch Jetons für die kräftige Abreibung und die Massage.
Im Heißraum können sich die Badenden auf den gekachelten Podesten massieren lassen, während Dampf sie umwabert und den Schweiß strömen lässt. Traditionell folgt auf das Schwitzen ein mehrmaliges Einseifen von Kopf und Körper und die Abreibung mit einem Kokosfaser- und Ziegenhaar-Handschuh namens Kese. Der Abreiber rubbelt so lange und beherzt, bis sich die abgestorbene Oberhaut löst und zu kleinen Würsten rollt. Danach ruht man sich aus.

Rituelle Unreinheit beseitigen

Durch den Besuch eines Hamams können Muslime auch heute noch den islamischen Geboten zur rituellen Reinheit Genüge tun, wie es der Koran fordert. Dort heißt es: "Siehe, Allah liebt die sich Bekehrenden und liebt die sich Reinigenden." Wer im Zustand der großen rituellen Unreinheit ist, etwa nach dem Geschlechtsverkehr oder Frauen während ihrer Tage, kann nach islamischer Auffassung nur wieder rein werden, wenn der ganze Leib einschließlich der Haare bis zu den Wurzeln mit Wasser benetzt wird.
Der Sultan und seine Spitzenbeamten unterhielten früher repräsentative Badehäuser und ließen für hohe Würdenträger so genannte Audienzbäder ausrichten, bei dem sich Politisches entspannt besprechen ließ. Lebhafter aber geht es seit jeher in öffentlichen Badehäusern zu. Da vollzogener Sex bis heute ein Grund für die große rituelle Waschung (ghusl) ist, "muss allein dies den Bädern früher schon zu einer Stammkundschaft verholfen haben", sagt der Arabist Grotzfeld.
Die kleine rituelle Unreinheit, etwa durch Urinieren, Blähungen, Stuhlgang oder Schlafen, beheben Muslime mit einer weniger aufwändigen Waschung (wudu). Für sie stehen auch heute noch in den Höfen der Moscheen Waschplätze mit fließendem Wasser bereit. Vor jedem der fünf täglichen Gebete ist diese kleine Waschung Pflicht. Die große Waschung findet eher morgens statt, heute oft als Dusche. Beide islamischen Reinigungsrituale sollen keinen Schmutz beseitigen, sondern rituelle Unreinheit, "etwa so wie durch das Benutzen des Weihwasserbeckens am Eingang katholischer Kirchen", sagt Grotzfeld. Allerdings hätten Muslime schon in der Frühzeit des Islam Hamams auch "um des reinen Vergnügens willen" besucht.

Einst Zeuge des Ehebruchs

Geblieben ist das Gebot, dass muslimische Männer und Frauen einen Hamam nicht gemeinsam nutzen dürfen. Sie baden entweder in getrennten Badehäusern oder zu unterschiedlichen Zeiten. Und anders als bisweilen in modernen Wellness-Bädern werden sie stets nur von Personal des selben Geschlechts bedient.
In der Frühzeit des Hamams war Frauen dessen Besuch nur zur rituellen Waschung gestattet. "Viele Frauen scheinen sich allerdings geniert zu haben, allzu häufig im Bad zu erscheinen, weil man eine durch Geschlechtsverkehr verursachte große Unreinheit vermutete", sagt Grotzfeld. Das ist auch kein Wunder, wie eine Episode aus den "Märchen aus 1001. Nacht" zeigt: Darin hält ein argwöhnischer Ehemann seinen Verdacht des Ehebruchs für bestätigt, als er erfährt, dass seine Frau das Bad aufgesucht hat. Und noch heute wird die Aussage "Er ist ins Bad gegangen" im Syrisch-Arabischen anzüglich über jemanden gebraucht, der gerade mit einer Frau geschlafen hat.

Service

In Chemnitz können Sie sich im Hamam Sindibad, Schönherrstraße 8, entspannen. Geöffnet ist die Einrichtung Montag bis Sonntag von 10 bis 22 Uhr (Mittwoch nur Frauen). Um Voranmeldung wird gebeten unter Telefon 0371/49 38 114.

 
erschienen am 02.02.2010 (Von Walter Schmitt)
 
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