Blick in die Galerie der Oberbürgermeister. 
Blick in die Galerie der Oberbürgermeister.

Foto: Andreas Truxa

Stadtoberhäupter auf Porträts verewigt

Die Galerie

In einer Zeit, in der die Technik der Fotografie noch in den Kinderschuhen steckte, war die Malerei die nahezu einzige Möglichkeit für Personen, der Nachwelt visuell im Gedächtnis zu bleiben. Die besondere Ehre, aufgrund ihrer Leistungen für die Entwicklung der Stadt Chemnitz in Öl gemalt zu werden, wurde in der Vergangenheit sechs Bürger-meistern und Oberbürgermeistern zuteil. Ihre goldumrahmten Porträts hängen an der Rückwand der ab 1910 vom Görlitzer Künstler Paul Perks filigran ausgestalteten Wandelhalle, die als zentraler Gang des Gebäudes außerdem auch den Zugang zum Stadtverordnetensaal, zum Ratssaal sowie zum Grünen Salon ermöglicht.

Sämtliche Gemälde wurden zu Lebzeiten der jeweiligen Amtsinhaber geschaffen, sie sind also zum Teil deutlich älter als das Neue Rathaus. Mit Kriegsbeginn 1939 verschwanden sie aus dem Gebäude und wurden in den Kunstsammlungen eingelagert. Von dort kehrten die Bilder erst im September 1991 ins Neue Rathaus zurück. Zuvor mussten sie restauriert werden. "Kaputt waren lediglich die Rahmen, hier hatten wir neue anfertigen lassen. Bei den Werken selbst haben wir in erster Linie die normale Altersverschmutzung entfernt und die schlaff gewordene Leinwand neu gespannt", erklärt Kunstsammlungen-Restaurator Detlef Göschel. Alle Bürgermeister-Bilder seien in einem ähnlichen Zustand gewesen.

Wie vor dem Zweiten Weltkrieg hängen die Porträts auch heute in der Wandelhalle in chronologischer Reihenfolge. Vom Treppenaufgang betrachtet ganz links befindet sich das bereits 1846 von Friedrich Gotthold Schreiber geschaffene Bildnis von Christian Friedrich Wehner, der zwischen 1832 und 1846 der Chemnitzer Stadtverwaltung vorstand. Unter der Ägide des gebürtigen Plaueners erfuhr nicht nur der Maschinenbau einen deutlichen Aufschwung. In Wehners Amtszeit wurden auch die Fläche der Stadt um die sogenannte Angervorstadt, heute zwischen Brückenstraße und Schillerplatz gelegen, erweitert, die Bürgerschule sowie die Königliche Gewerbeschule gegründet sowie 1838 das Stadttheater gebaut.

Rechts neben Wehner hängt das ebenfalls von Schreiber gemalte Porträt von Johann Friedrich Müller, der 26 Jahre lang, von 1848 bis 1874, ununterbrochen das Bürgermeisteramt innehatte. In seiner Zeit, man muss von einer Ära sprechen, wuchs Chemnitz von 30.000 auf 78.000 Einwohner an, mit der Eröffnung der Eisenbahnstrecke nach Riesa 1852 wurde die Stadt in das überregionale Eisenbahnnetz eingebunden und entwickelte sich zum Verkehrsknoten. Nach außen festigte Chemnitz unter Müller, an den heute eine Straße sowie ein Brunnen auf der Schlossteichinsel erinnert, seinen Ruf als "Sächsisches Manchester". Nach innen entfaltete sich eine rege Bautätigkeit, die ihre Zentren an Zwickauer Straße und Brühl besaß, Kapellenberg und Kaßberg wurden erschlossen.

Müller folgte 1874 Wilhelm André nach, der mit 22 Jahren fast ebenso lange das Amtszepter führte. Unter dem gebürtigen Niedersachsen, der auch zur Entwicklung des deutschen Patentwesens einen enormen Beitrag leistete, wurde Chemnitz zur Großstadt, die Einwohnerzahl verdoppelte sich.

Die Bedeutung Andrés besonders im Hinblick auf den Bau einer modernen Infrastruktur ist dabei kaum zu unterschätzen. So wurden während seiner Amtszeit Elektrizitätswerk und Wasserwerk Altchemnitz errichtet und mit dem Bau der Talsperre Einsiedel begonnen. Außerdem wurden Markthalle und Schlachthof gebaut, die elektrische Straßenbahn nahm ihren Dienst auf. Das Bild Wilhelm Andrés in der Bürgermeister-Galerie entstammt dem Pinsel des Dresdner Porträt- und Historienmalers Leon Pohle.

Dieser schuf auch das vierte Porträt, welches Heinrich Beck, Oberbürgermeister von 1896 bis 1908, zeigt. Beck, nach dem heute eine Straße auf dem Kaßberg benannt ist, war maßgeblich an der Entscheidung zum Bau des Neuen Rathauses beteiligt, die er gemeinsam mit seinem Stadtbaurat Richard Möbius auch gegen Widerstände durchsetzte. Auf den Geraer, der 1908 zum Kultusminister berufen wurde, gehen aber auch andere stadtbildprägende Gebäude zurück, so das Städtische Museum und das Opernhaus. Große Verdienste hatte er auch bei der Förderung des Schul- und Fortbildungswesens.

In der Bürgermeister-Galerie ganz rechts außen befindet sich schließlich das von Georg Ludwig Meyn angefertigte Porträt von Heinrich Sturm. Von 1908 bis 1917 Amtsinhaber, stieg die Bevölkerungszahl der Stadt auf über 300.000 Ein-wohner, auch durch zahlreiche Eingemeindungen. Unter Sturm - an ihn erinnert heute ein Weg im Stadtpark - wurde im Jahr 1911 das von seinem Vorgänger initiierte Neue Rathaus eröffnet.

Darüber hinaus existiert ein sechstes Ölbild - jenes von Sturms Amtsnachfolger Johannes Hübschmann, der von 1917 bis 1930 Chemnitzer Oberbürgermeister war. 1926 wurde es von dem Peniger Künstler Karl Lange gemalt. Bislang lagerte es durchgängig im Archiv der Kunstsammlungen, wo die Restaurierung mittlerweile abgeschlossen ist. Seit der vergangenen Woche komplettiert es die Bürgermeister-Galerie im Rathaus - als letztes Beispiel einer Mal-Tradition, die mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten endete und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht wieder aufgegriffen wurde.

 

Das Buch

Im Chemnitzer Verlag ist ein Buch mit dem Titel "Chemnitz - Die Rathäuser" erschienen. Es umreißt Geschichte, Architektur und Kunst und kostet 9.95 Euro.

 
erschienen am 22.08.2011 ( Von Jürgen werner )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
Kommentare
0
(Anmeldung erforderlich)
Das könnte Sie auch interessieren
 

 
 
 
Artikel weiter empfehlen
per E-Mail per Bookmark
 
Facebook Teilen   Twittern