Lothar Raschker Lothar Raschker

Foto: Privat

Standheizung für die Nacht im Barkas

Am 4. Dezember 1989 wurden die Stasi-Dienststellen besetzt

Chemnitz. Die Zeitgeschichte liefert selten eigene Kommentare zu historischen Verläufen. Bei der Stasi-Auflösung in Chemnitz dokumentiert sich diese Ausnahme in der Person von Lothar Raschker. Raschker wollte am 4. Dezember 1989 mit seinen Freunden vor dem Stasi-Dienstgebäude in der Jagdschänkenstraße verhindern, dass Stasi-Akten verschwinden. Heute verwaltet er sie. Mit dem Sachgebietsleiter der Stasi-Unterlagenbehörde sprach Hartmut Petersohn.

Freie Presse: Wer hatte in Karl-Marx-Stadt die Idee, am 4. Dezember die Stasi Zentralen zu besetzen?

Lothar Raschker: Es war eher eine Belagerung. Künstler und oppositionelle Gruppen hatten in Berlin aufgerufen: Bürgerbewegte geht raus, sichert die Stasi Dienststellen, damit nichts weggebracht werden kann. Ausgelöst wurde der Appell durch einen Waffenfund nahe Rostock. Die Imes GmbH, ein Stasi-Unternehmen, wollte diese Waffen verkaufen. Das brachte viele Menschen in der DDR auf. Wir waren alarmiert.

Freie Presse: Und was geschah?

Raschker: Am Abend des 4. Dezember rief der Kreisbeauftragte des Neuen Forums bei uns an - er stehe vor dem Stasi-Gebäude in der Jagdschänkenstraße. Wir sollten dorthin kommen und beherzte, kräftige Männer mitbringen. Es wurde ein Barkas-Lieferwagen organisiert, mit Standheizung, gegen die Kälte in der Nacht.

Freie Presse: Sie sind davon ausgegangen, dass es zu Auseinandersetzungen kommen könnte?

Raschker: Ja. Aber die Angst kam erst später. Wir waren ja anfangs nur fünf Personen und wussten nicht, was uns erwartet. Hinter dem Tor standen junge Wachsoldaten des MfS, die ebenfalls sehr unsicher waren. Wir haben uns die ganze Nacht gegenüber gestanden, kein Auto fuhr rein - keins raus, alle Fenster waren abgedunkelt.

Freie Presse: Eine gespenstische Situation.

Raschker: Ja. Gegen Morgen kamen MfS-Mitarbeiter zum Dienst, die waren sehr angespannt und aggressiv. Die Volkspolizei wollte uns ablösen. Wir machen das allein hier, haben wir ihnen gesagt und sie weggeschickt. Einer von uns fuhr mit seinem Auto als Kurier zum Kaßberg - zu unseren Freunden, die dort das Stasi-Gebäude belagerten - hin und her. Das ist in den Stasi Akten festgehalten. Die haben ihre eigene Besetzung dokumentiert.

Freie Presse: Eine Hand voll Menschen verlangt von einer bis an die Zähne bewaffneten Organisation, dass die sich auflöst - eine völlig irre Situation.

Raschker: Richtig, historisch ist das einmalig.

 
erschienen am 03.12.2009
 
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