Das Neue - bejubelt und gefürchtet: die erste Eisenbahnfahrt mit der Dampflokomotive Adler 1835. 
Das Neue - bejubelt und gefürchtet: die erste Eisenbahnfahrt mit der Dampflokomotive Adler 1835.

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Sündenbock Facebook

Die Buhmänner von gestern waren Google und Microsoft. Seit es Facebook gibt, hat es diese als Lieblingsziel der Netzkritiker abgelöst

Chemnitz. Julian Kippendorf ist 35, mag die Band Blumfeld und den Film "Harold und Maude". Seit Monaten schreibt er bei Facebook, lebhafter als Fabian Burstein, der Kippendorf erfunden hat. Julian Kippendorf ist eine Romanfigur. Bei Facebook hat er 2122 "Freunde", erheblich mehr als Fabian Burstein. Die Kunstfigur kommt im Internet witziger, pointierter, unterhaltsamer herüber als ihr Autor.

Klar bis hierher? Wenn nicht, benutzen Sie Computer und Telefon anders, als es vermutlich Ihre Kinder tun. Sie pflegen kein öffentliches Profil in sozialen Netzwerken und versuchen nicht, durch dosierte Informationen, scharfzüngige Kommentare oder vorteilhafte Fotografien so wahrgenommen zu werden, wie Sie sich selber sehen: als sympathische Type, schräger Vogel oder toller Hecht. Vielleicht fühlen Sie sich angesichts des Treibens in den Netzen teilnahmslos. Wenn nicht, mag Ihre Vorsicht Ihre Neugier überwiegen. Sie fragen sich, wozu der ganze Netzkram gut sein soll? Ob Facebook nicht gefährlich ist? Man hört ja dauernd Schlechtes.

Kritik am sozialen Web ergießt sich täglich aus alten und - kurioserweise - neuen Medien. Manchmal sind es reinigende Gewitter, öfters ist es trübe Brühe. Das Neue steht unter Verdacht. Auch die Eisenbahn, das Flugzeug und das Telefon wurden mit Heulen und Zähneklappern begrüßt. Dampfschiffe aus Stahl? Das wusste damals jeder Zeitungsschreiber, dass Stahl im Wasser untergeht.

Die Buhmänner von gestern waren Google und Microsoft. Seit es Facebook gibt, hat es diese als Lieblingsziel der Netzkritiker abgelöst. Ein aggressiv vermarktetes kommerzielles Projekt, das sich aus der enthusiastischen Zustimmung seiner Nutzer speist - so etwas darf nur der Apple-Boss Steve Jobs. Facebook halten Kritiker für unkreativer und gieriger als Apple, böser und durchtriebener als Google, gefährlicher und totalitärer als eine Volkszählung im ganzen Land. Und der Kreditkartendatenklau bei Sony und Sega? Der ganz legale Datenhandel? Die illegalen Steuersünder-CDs aus der Schweiz, die vom Rechtsstaat gekauft werden? Themen einer interessierten Minderheit.

Auch ein Status als Sündenbock will verdient sein, und Facebook hat ihn sich verdient. Immer wieder hat das Unternehmen die Rechte seiner Nutzer ausgedünnt, hinterrücks und zum eigenen Vorteil. Aber Facebook verdient das ganze Unbehagen nicht alleine. Was die Plattform auf die Spitze treibt, ist im Internet und in der Verarbeitung großer digitaler Datenmengen angelegt. Die Politik, die Geschäftswelt, unsere technische Infrastruktur, unsere Beziehungen, das Antlitz unserer Städte sind längst davon beeinflusst. Schnittstellen von Mensch und Maschine, riesige Datenspeicher allerorts. Unsere Telefone, Rabatt- und Treuekarten, Steuernummern, Mautstellen und biometrischen Ausweise legen eine Spur, auch wenn wir selbst nie online gehen.

Es wäre also das Vernünftigste, sich diesen Realitäten zu widmen, anstatt sie mit Flüchen und Vorurteilen bannen zu wollen. Die Autorin und Webaktivistin Kathrin Passig erklärt den Widerstand gegen Neues mit seinen sozialen Konsequenzen: Das Neue falle lästig, weil es eingespielte Prozesse durcheinanderbringt. Die jeweils 25- bis 30-Jährigen, anfangs technisch auf der Höhe, verteidigen später ihren Status- oder Wissensvorsprung gegen neue Schübe der Technologie. Das führt zu Feigheit und Verweigerung. In den Worten der Schauspielerin Juliette Binoche: Größeren Mut, als etwas zu lernen, braucht es zuweilen, Erlerntes wieder aufzugeben. Wer die Nutzung von Facebook bei Heranwachsenden beobachtet, bemerkt die spielerische, unverkrampfte, pragmatische Herangehensweise, die vielen Älteren abgeht. Arthur Schnitzlers berühmtes, hundert Jahre altes Diktum: "Wir spielen immer, wer es weiß, ist klug" scheint im Erfahrungsschatz dieser Generation verankert.

Dem verbreiteten Pessimismus zum Trotz könnten Nachkommen heranwachsen, die sich ihrer eigenen Person und ihrer Unverwechselbarkeit viel sicherer sind als ihre Eltern. Die Attribute ihrer Persönlichkeit setzen sie bewusst ein, um Lebensziele zu erreichen. In sozialen Netzen wie bei Facebook wird das Selbstbild inszeniert, komponiert, gefiltert, getestet - reguliert durch die (begrenzten) technischen Möglichkeiten des Mediums und die jeweilige Absicht des Benutzers.

Die Absichten vieler Nutzer sind bei Facebook leicht zu identifizieren: Mehr als um Kommunikation geht es zumeist um eine gefällige Darstellung der eigenen Person im sozialen Raum. Man zeigt sich eher, als dass man redet. Dem Ehrgeiz sind kaum Grenzen gesetzt. Julian Kippendorf, die Kunstfigur, formulierte das so: "Ruhm, Bekanntheit, öffentliches Interesse, Schmeichel- und Streicheleinheiten, Reaktionen .... wären ein großartiges Trostpflaster für meine distanzlose, konsequenzenreiche, entblößende, selbstmitleidige Lebensbeichte." Wer diesen Trost nicht spenden will, der bleibt halt einfach weg.

 
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Sündenbock Facebook
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erschienen am 22.06.2011 ( Von Ronny Schilder )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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