Tüv-Experte Frank Volk.Foto: Tüv
Was tun, wenn der Diesel an "Verstopfung" leidet?
Tüv-Experte Frank Volk über Filterkuchen und das richtige Verhalten beim Aufleuchten der Warnlampe
München. Mit der steigenden Population an Diesel-Fahrzeugen, die überwiegend im Stadt- und Kurzstreckenverkehr bewegt werden, häufen sich die Klagen über verstopfte Filter und Leistungsverlust. Aktuell gibt es jedoch ein Urteil des Bundesgerichtshofes (Az: VIII ZR 160/08), in dem das Nichtfunktionieren des Partikelfilters in Dieselfahrzeugen nicht als Mangel gewertet wird. Wie kommt es aber zur Verstopfung, was können Autofahrer dagegen tun und wieso ist es ein Auto-Märchen, den Filter mit Vollgasfahrten auf der Autobahn frei zu brennen, darüber haben wir mit dem Tüv-Experten Frank Volk gesprochen.
Freie Presse: Herr Volk, warum verstopft der Filter?
Frank Volk: Im Fahrbetrieb setzen sich zunächst die Poren des Partikelfilters zu, dann wächst eine Rußschicht auf der Oberfläche des Filters, der so genannte Filterkuchen entsteht. Dieser wird bei der Regeneration verbrannt. Dabei handelt es sich um einen Vorgang, der bei geregelten Systemen über die Motorsteuerung eingeleitet wird und der vom Fahrer unbemerkt abläuft. Für die Regeneration wird aber eine Temperatur von 500 bis 600 Grad im Abgassystem benötigt. Im Stadtverkehr kommen Dieselfahrzeuge aber lediglich auf 200 Grad. Folge: Die Regeneration findet nicht statt, der Filter verstopft. Durch den entstehenden Abgasgegendruck kommt es zum Leistungsverlust.
Freie Presse: Wann spricht man von der überwiegenden Nutzung eines Autos im Stadtverkehr?
Volk: Wir vom Tüv gehen von 200 gefahrenen Kilometern im städtischen Bereich aus. Bei Versuchen am Prüfstand hat sich gezeigt, dass ab diesem Zeitpunkt die Filter häufig beladen sind und eine Regeneration eingeleitet wird.
Freie Presse: Gibt es für den Fahrer Anzeichen, dass der Filter voll ist?
Volk: Hier muss man zwischen geregelten und ungeregelten Systemen unterscheiden. Bei den ungeregelten, meist nachgerüsteten Filtern, gibt es keinerlei Warnsignale. Spürbar wird eine volle Beladung im Allgemeinen durch Leistungsverlust. Bei geregelten Systemen wird - je nach Hersteller - durch eine Signallampe angezeigt, dass nun eine Regeneration zu erfolgen hat.
Freie Presse: Was ist zu tun, wenn es zu Leistungsverlust kommt?
Volk: Es muss eine Regeneration eingeleitet werden. Dies hat je nach Herstellervorschrift in der Werkstatt zu erfolgen oder durch ein vorgeschriebenes Fahrprofil. In jedem Fall sollten sich Fahrer von Diesel-Pkw idealerweise schon nach dem Kauf des Fahrzeugs in der Betriebsanleitung das Kapitel Partikelfilter genau anschauen.
Freie Presse: Der Volksmund empfiehlt gegen verstopfte Filter das Freifahren auf der Autobahn. Was sagt der Experte?
Volk: Bei Fahrzeugen, die überwiegend im Stadtverkehr bewegt werden, hilft grundsätzlich das Freifahren auf Autobahnen oder Landstraßen. Gerade in der Regenerationsphase muss man dabei aber mit erhöhtem Kraftstoffverbrauch rechnen. Für das Freifahren sollte man unbedingt die Hinweise der Hersteller in der Betriebsanleitung beachten und nicht irgendeinem Tipp aus dem Freundeskreis folgen. Manche Hersteller schreiben aber auch das Aufsuchen einer Werkstatt vor mit anschließendem Rücksetzen des Fehlerspeichers. Aus dem Reich der Automärchen stammt die Empfehlung, mal mit ordentlich Vollgas über die Autobahn zu fahren. Wenn Freifahren, dann empfiehlt es sich, das Fahrzeug im mittleren Drehzahlbereich über Landstraße oder Autobahn zu bewegen.
Freie Presse: Kann häufiges Zusetzen des Filters zur Schädigung des Motors führen?
Volk: Durch das Zusetzen des Filters steigt der Abgasgegendruck und somit auch die Belastung des Motors. Solange jedoch nicht über längere Zeiträume und regelmäßig mit verstopften Filtern gefahren wird, sollte nichts passieren.
Freie Presse: Ist es vor dem Hintergrund der Filterproblematik sinnvoll, ein Diesel-Fahrzeug zu kaufen, wenn das Auto überwiegend im Stadt- und Kurzstreckenverkehr genutzt wird?
Volk: Die Frage kann man sich über eine einfache Rechnung beantworten: Man stelle den Mehrpreis für die Anschaffung des Fahrzeugs und die höheren Festkosten für Versicherung und Steuer dem niedrigeren Kraftstoffpreis, dem niedrigeren Verbrauch und der Jahresfahrleistung gegenüber. Damit ergibt sich aus wirtschaftlicher Sicht eine eindeutige Aussage, ob sich die Anschaffung eines Dieselautos lohnt oder nicht. Das geringste Risiko eines zusetzenden Filters hat man übrigens, wenn man bei Kurzstrecken möglichst oft aufs Fahrrad umsteigt. Schließlich hat der Kurzstreckenbetrieb außerhalb der Filterproblematik auch negativen Einfluss auf Verbrauch und Verschleiß des Fahrzeugs - und die Umwelt. (MQU)