Dieses Foto schoss "Freie Presse"-Leser Christian Seifert aus Plauen am 14. Oktober 1989 in der Vogtlandstadt. An diesem Tag fand in Plauen die zweite Großdemonstration statt. Alles blieb friedlich.
Wendeherbst in der Region
Die Wochen im Herbst 1989 veränderten die Welt. Aber nicht nur in Leipzig gingen die Menschen auf die Straße, auch in der Region zwischen Freiberg und Plauen regte sich der Widerstand gegen das SED-Regime. Dies begann zum Teil schon im Frühsommer 1989. "Freie Presse" dokumentiert die wichtigsten Ereignisse dieser wahrhaft historischen Zeit.
Anfang Mai 1989: In Lengefeld im Vogtland entsteht ein kirchlicher Arbeitskreis, der im Rahmen der "Friedensinitiative Zwickau" und der Ökumenischen Versammlung von Dresden über das Friedensengagement der Kirche hinaus aktiv wird. 6. Mai 1989: In Karl-Marx-Stadt findet in der Johanniskirche eine gottesdienstähnliche Veranstaltung statt, die durch den Friedensarbeitskreis bei der Evangelischen Studentengemeinde und der "Arbeitsgemeinschaft Offene Kirche" gestaltet wird. Etwa 200 Einwohner nehmen daran teil. Erstmals wird über einen freiwilligen Sozialdienst und über eine neue Verfassung gesprochen.
7. Mai 1989: In mehreren Städten und Gemeinden nehmen am Abend Bürger an den Auszählungen der Stimmen der Kommunalwahlen teil. Unter anderem in Karl-Marx-Stadt, Freiberg, Gelenau und Werdau werden Wahlmanipulationen festgestellt. In Gahlenz zum Beispiel schreibt ein Ehepaar mit Adresse und Unterschrift auf die Rückseite ihrer Stimmzettel zur Kommunalwahl "Ich fordere die Aufstellung unabhängiger Kandidaten und ein demokratisches Wahlsystem".
5. Juni 1989: Im Lutherkeller Zwickau treffen sich die Mitglieder der Gesprächskreise "Nachtgebet - Konkret" und sprechen über das Thema "Ausreise - warum und wohin".
Mitte August: Bürger in Thum, die mit den Zuständen in der DDR sehr unzufrieden sind, treffen sich Mitte August in einer Zahnarztpraxis der Stadt. Der Personenkreis wird in den kommenden Wochen so groß, dass wöchentlich Zusammenkünfte im Gemeindesaal stattfinden.
Mitte August: In Johanngeorgenstadt werden Forderungen laut, den Erzgebirgsverein wiederzubeleben. Der Vorschlag, den zu DDR-Zeiten verbotenen Verein unter dem Dach des Kulturbundes neu zu bilden, wird kategorisch abgelehnt. Ende des Jahres allerdings wird der Verein wieder ausgerufen.
12. September 1989: : Ein Ärztekollektiv in Treuen/Meerane nutzt den verlangten Zwischenbericht für das jährliche Wettbewerbsprogramm dazu, Kritik am Gesundheitssystem sowie der Altenpflege in der DDR zu üben. Gleichzeitig kritisieren die Ärzte, dass ihnen wichtige Geräte und Materialien zur Behandlung der Patienten fehlen und bezeichnen diesen Zustand als untragbar. In Meerane nutzen Ärzte wenig später den Monatsbericht an den Kreisvorstand des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes, um mehr Demokratie in der DDR zu fordern.
19. September 1989: Als in Oberwiesenthal bekannt wird, dass der Antrag des Neuen Forums auf Anerkennung durch das Innenministerium abgelehnt wurde, liegen in verschiedenen Geschäften Unterschriftenlisten aus, mit denen gegen diese Entscheidung protestiert wird.
21. September 1989: In der Erzgebirgsstadt Zwönitz geben Mitte September zehn Prozent der SED-Mitglieder ihr Parteibuch ab. Am 21. September bekennen sich in Aue etwa 30 Genossen, die dem SED-Regime kritisch gegenüberstehen, öffentlich zum Neuen Forum.
2. Oktober 1989: Ein Mediziner hängt in Meerane in dem Wartezimmer seiner Arztpraxis am Altmarkt einen Aufruf mit folgendem Wortlaut aus: "Plauen, Oberer Bahnhof, Sonntag, 1. Oktober 1989. Ich sah: Durchfahrende Züge voller junger Menschen, jubelnd. Morgen könnten es unsere Kinder sein, wenn wir weiter Angst haben, wenn wir weiter schweigen." 3. Oktober 1989: An der Eingangstür der Erweiterten Oberschule in Auerbach findet sich folgender Aufruf: "Bürger von Auerbach! Tretet ein für Freiheit und Demokratie und das Neue Forum - stürzt die DDR-Regierung. Helft, dass sich das bald erfüllt." 3. Oktober 1989: In der Johanniskirche Karl-Marx-Stadt informiert ein Gründungsmitglied des Neuen Forums vor etwa 500 Zuhörern darüber, dass das Neue Forum nicht zugelassen wird. Die Veranstaltung entwickelt sich nach einem Gedenkgottesdienst für die Inhaftierten von Leipzig zu einer lebhaften Diskussion.
4. Oktober 1989: Es rollen die Züge mit den Ausreisewilligen aus der Prager Botschaft durch die Region. Am Bahnhof in Freiberg kommt es zu Ausschreitungen zwischen etwa 400 Demonstranten und der Polizei. Auch in Karl-Marx-Stadt geraten am Hauptbahnhof Demonstranten und Polizei aneinander. Viele Menschen stehen an den Gleisen, um den Sonderzügen zuzuwinken. In Reichenbach verhaftet die Polizei im Bahnhofsgebäude 21 Personen. Im Oberen Bahnhof in Plauen werden Anwohner, die den durchfahrenden Ausreisezügen zuwinken wollen, von der Polizei verhaftet, teilweise auch verletzt. 7. Oktober 1989: In Plauen waren rund 15.000 der 75.000 Einwohner für Veränderungen auf die Straße gegangen. Sie folgten dem Aufruf von Bürgerrechtlern. Die Demonstration gilt als der erste DDR-Massenprotest im Wendeherbst. In Hainichen geht die Polizei am gleichen Tag gegen Jugendliche vor, die sich spontan versammelt hatten. Es kommt zu Verhaftungen und anschließend zu Verhören im Ziegelwerk der Stadt. In Karl-Marx-Stadt ziehen rund 700 Menschen schweigend in Richtung Stadtzentrum. An der Zentralhaltestelle werden zahlreiche Protestierer verhaftet. In Markneukirchen stellen sich über 100 Einwohner mit brennenden Kerzen schweigend auf den Ernst-Thälmann-Platz vor die St.-Nikolai-Kirche. In der Disko von Hohndorf/Großolbersdorf rufen Jugendliche im Chor "Freiheit - Freiheit" und singen das Deutschlandlied. Ein Stasispitzel ruft die Polizei in Zschopau an. Daraufhin kommt ein Einsatzkommando mit Hunden. Einige Jugendliche werden verhaftet.
13. Oktober 1989: In der Johanniskirche Karl-Marx-Stadt findet eine lange geplante Diskussionsveranstaltung unter dem Motto "Auferstanden aus Ruinen - und wie weiter?" mit etwa 6000 Personen statt. Am gleichen Abend werden auch zwei Veranstaltungen in der Lutherkirche mit jeweils 5000 Teilnehmer durchgeführt. Dort werden zum ersten Mal in der Öffentlichkeit die politischen Zielen des Neuen Forums vorgestellt.
16. Oktober 1989: In Zwickau findet im Dom St. Marien das erste Ökumenische Friedensgebet statt.
20. Oktober 1989: In Oederan bildet sich spontan eine Protestdemonstration mit rund 1500 Teilnehmern. Diese versammeln sich nach einem Marsch durch die Innenstadt auf dem Marktplatz.
25. Oktober 1989: In der Kirche von Bad Elster findet ein Forum mit dem Pfarrer der Gemeinde, dem Bürgermeister des Ortes und rund 800 Einwohnern statt. Besonders heftige Kritik wird am Sanatorium des Zentralkomitees der SED "Haus am See" geübt. Mit brennenden Kerzen ziehen die Forumsteilnehmer danach zu dem Haus. 6. Oktober 1989: Auf einer außerplanmäßigen Gemeindevertretersitzung in Oberlichtenau wird heftig über das von der Staatssicherheit genutzte Naherholungsgebiet "Keulenberg" diskutiert.
27. Oktober 1989: Im Rathaus Zwönitz übergibt ein Arbeiter aus dem Messgerätewerk einen Aufruf des "Forum 93". Das Schreiben enthält Forderungen an Partei und Staat, die bis 1993 umzusetzen sind. Dazu zählen Demonstrations- und Versammlungsfreiheit, ziviler Wehrersatzdienst und die Zulassung oppositioneller Vereinigungen und Parteien.
1. November 1989: Auf dem "Platz der Befreiung" in Schwarzenberg finden sich rund 4000 Menschen zu einem Diskussionsabend ein. Die Vertreter der SED und des Rates des Kreises werden bei ihren Wortmeldungen immer wieder lautstark unterbrochen. In umliegenden Orten finden ähnliche Veranstaltungen statt.
6. November 1989: Schüler der Schule Crottendorf organisieren spontan die erste Demonstration in der Erzgebirgsgemeinde.
6. November 1989: Zur zweiten Montagsdemonstration in Karl-Marx-Stadt versammeln sich rund 70.000 Menschen vor dem Marx-Denkmal. Ein Sprecher des Neuen Forums fordert die Demonstranten auf, im Lande zu bleiben, worauf in Sprechchören die tausendfache Antwort erschallt: "Wir bleiben hier!" In Aue nehmen am gleichen Abend rund 20.000 Menschen an der Montagsdemonstration teil.
3. Dezember 1989: Die Aktion "Sühnezeichen" und das Neue Forum organisieren eine Menschenkette durch die DDR als Ausdruck des Willens zur demokratischen Erneuerung. An dieser Kette beteiligen sich in der Region Menschen unter anderem in Mittweida, Oberlungwitz, Karl-Marx-Stadt, Crimmitschau, Bärenstein, Flöha, Hohenstein-Ernstthal, Thum, Ehrenfriedersdorf, Zschopau.
4. Dezember 1989: Die Initiativgruppe "Wiedervereinigung" startet in Bärenstein und der Umgebung einen Aufruf für die Einheit Deutschlands.
Quelle: Die Faktensammlung ist entnommen einer Dokumentation der Sächsischen Staatsregierung und des Hannah-Arendt-Institutes zur Wendezeit im Freistaat.