Sodann Hält seine Hand schützend über die in der DDR erschienene Literatur.

Foto: Ulrich Hammerschmidt/Matthias Zwarg

Wenn Bücher Menschen wären...

Der betende Kommunist und die Demut vor einem Stück Schöpfung: Peter Sodann sucht eine neue Heimat für seine 500.000 geretteten Bände aus DDR-Zeiten

Peter Sodann hat einen Almanach der Misse- taten geschrieben, ein Lexikon der Schlitzohren und Halunken, wie es im Untertitel heißt - von A wie Ackermann bis Z wie Zumwinkel. Eine Untat, wenn nicht gar ein Verbrechen, ist für den Schauspieler und Ex-Tatort-Kommissar auch, dass seit 1989 rund 200 Millionen Bücher vernichtet wurden - nur weil es Bücher waren, die in der DDR gedruckt worden sind. Also sammelt er diese - rund 500.000 sind so in 20 Jahren zusammengekommen. Die Bücher lagern in der alten Turnhalle einer Schule in Merseburg. Dort haben sich Matthias Zwarg und Ulrich Hammerschmidt mit Sodann unterhalten.

Freie Presse: Wir kommen aus Chemnitz. Sie waren auch mal dort - als Schauspieler und Regisseur Anfang der 1970er Jahre. Was verbinden Sie mit dieser Zeit?

Peter Sodann: Mit Karl-Marx-Stadt, das es damals noch war, verbindet mich viel. Zunächst mal das Dasein am Theater. Das war in Ordnung. Es gab vernünftige Leute dort. Ich habe den Dramatiker Alfred Matusche kennen gelernt. Wir waren befreundet, ich habe ihn dann beerdigt, 1973, und beerbt - wenn man so will...

Freie Presse: Ein Erbe ohne Geld, aber mit Geist, wollen Sie sagen?

Sodann: Ja. Wir hatten zwei Ideen, die wir bearbeitet haben: Wir sind betende Kommunisten, haben wir damals ausgemacht. Darunter hatten wir zu leiden in der DDR. Nicht wegen "Kommunisten", aber wegen "beten". Und heute hat man genau umgekehrt zu leiden. Das ist schon irre: Für Matusche gibt es inzwischen ein Museum, nicht hier, sondern im Westen, in Solingen. Dort steht unser Spruch an der Wand: Kommunismus ist schön - aber wenn man nicht beten kann, sollte man den Weg dahin nicht bestreiten.

Freie Presse: Was verstehen Sie unter beten?

Sodann: Unter beten haben wir damals nicht verstanden: Lieber Gott mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm. Es ging darum, eine gewisse Demut in sich zu tragen gegenüber dem, worauf wir uns bewegen. Also gegenüber der Mutter Erde und dem Vaterland. Und diese Demut fehlt allenthalben, fehlt in der sozialen Marktwirtschaft.

Freie Presse: Woher kommt diese fehlende Demut gegenüber der Schöpfung?

Sodann: In der Marktwirtschaft ist es die Ware, in der DDR war es der Funktionär. Alle beide dachten, die Erde kriegen wir schon unter. Geht aber nicht. Wir haben nur eine Erde.

Freie Presse: In Sachen Rücksichtslosigkeit war man sich also hüben wie drüben gleich?

Sodann: Zwischen Ost und West gibt es gar keine so großen Unterschiede. Wir haben beide nach der gleichen Methode gearbeitet: Schneller, höher weiter. Das ist heute noch so.

Freie Presse: Und welche Methode ist die eines betenden Kommunisten?

Sodann: Matusche hat mal gesagt: Weißt du, solange die Häuser höher gebaut werden, als die Bäume wachsen, wird das mit der Menschheit nichts. Man baut Atomkraftwerke, und weiß anschließend nicht wohin mit dem Müll. Wir betenden Kommunisten waren und sind der Ansicht: Erst wissen, wohin damit - dann können wir es bauen. Dann gab es für uns die alte Regel: Das Land gehört niemandem, die Früchte allen. Das ist für uns auch das Grundthema für eine Verfassung gewesen - und ist es noch heute.

Freie Presse: Ein kleines Stück DDR-Schöpfung, wenn man so will, das waren die Bücher des Landes...

Sodann: Rund 500.000 haben wir in den vergangenen zwanzig Jahren zusammengetragen, davon sind nun 170.000 katalogisiert.

"Wenn sie anfangen, alles wegzuschmeißen, dann schmeißen sie mich ja auch weg. Aus diesem einfachen Grund habe ich damit begonnen, Bücher zu sammeln."

Freie Presse: Wahnsinn! Wie hat dieser Wahnsinn angefangen?

Sodann: 1989, zur Wende, kam ein Mädchen zu mir ins Theater in Halle, ich war noch Intendant. Sie sagte: Meine Eltern schicken mich, Sie sollen zum Haus der Gewerkschaft, da geschieht etwas, was meinen Eltern nicht gefällt. Ich bin also hingefahren. Vor dem Haus standen vier, fünf LKWs, und ein paar Leute trugen aus der Gewerkschaftsbibliothek alle Bücher raus, schmissen sie auf den Lastwagen und fuhren damit nach Lochau auf die Müllkippe. Darunter waren ja nicht nur Bücher von Christa Wolf, Erik Neutsch, Hermann Kant und so weiter, es wurde ja alles weggeschmissen - von Sophokles bis Albert Camus. Ost, West - alles weg.

Freie Presse: Was haben Sie dann gemacht?

Sodann: Ich bin zu den Transportarbeitern, zu den Fahrern hingegangen und hab gesagt: Das geht nicht. Sie haben mich ausgelacht. Ich habe maßgebliche Leute angerufen, sie gebeten, das zu stoppen. Doch nichts passierte. Niemand interessierte es. Dann kam noch eine andere Bibliothek dran, die der Gesellschaft der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft. Und so habe ich damit begonnen, Bücher zu sammeln - aus dem einfachen Grund: Wenn sie anfangen, alles wegzuschmeißen, dann schmeißen sie mich ja auch weg.

Freie Presse: Wie erklären Sie sich dieses Loswerdenwollen?

Sodann: Weil es uns nicht geben soll. Wir sind gefährlich...

Freie Presse: Wir? Das klingt so, also ob die Wegwerfaktion von einfallenden Wessis organisiert worden sei...

Sodann: Ja, das ist sie auch. Heute ist in der einen Bibliothek ein Spielsalon drin. Warum ist jetzt der Palast der Republik weg? Normalerweise müsste man die ganze Berliner Messe wegreißen, da ist genauso viel Asbest drin. Warum also gerade den Palast der Republik? Alles ist mit einer gewissen Absicht verbunden. In der Zwischenzeit sind etwa 200 Millionen Bücher vernichtet worden, 15.000 Bibliotheken wurden geschlossen - jeder Betrieb hatte ja eine, jedes Krankenhaus und so weiter.

Freie Presse: Stand dahinter die Absicht, DDR-Geschichte abzuwickeln?

Sodann: Wenn man das so sagen will, ja. Wegen der Bücher war ich auch beim Bundespräsidenten vor kurzem. Kulturstaatsminister Bernd Neumann hatte mir nämlich geschrieben, es reiche, wenn von jedem Band, den es mal gegeben hat, einer in der Deutschen Bücherei steht. Das geht eigentlich nicht. So habe ich Herrn Köhler drei Bände mitgenommen: "Das Gemälde" von Daniil Granin, "Die Pest" von Camus und die "Hundert Gedichte" von Brecht. Und ich habe gefragt: Warum wird das untergepflügt? Dann hat er gesagt, das darf man nicht machen.

Freie Presse: Das war alles?

Sodann: Das war alles. Anschließend hab ich einen Brief bekommen, er würde das verstehen, dass ich das machen will, doch ich sollte doch Sponsoren suchen - das mache ich schon zwanzig Jahre lang. Unterstützt werde ich vom Europäischen Bildungswerk und vom Arbeitsamt. Zehn 1-Euro-Jober sichten die Bücher. Und so sammle ich alle Bücher ab dem 8. Mai 1945 bis zu Günter Schabowskis Ausspruch, dem besten Ausspruch seines Daseins, die Mauer ist gefallen. Belletristik, Lyrik, Bildbände und so weiter - Bücher, die über oder unter dem Ladentisch verkauft wurden.

Freie Presse: Wie ist Ihre Sammlung nach Merseburg gekommen?

Sodann: Als ich in Halle aus dem Theater entfernt wurde, wusste ich nicht, wohin mit den Büchern. Deshalb sind sie nun in Merseburg. Da gab es einen Bürgermeister, der hieß Reinhard Rumprecht. Der hatte für Willi Sitte, der in Halle nicht besonders geachtet war und sehr geschmäht wurde nach der Wende, in Merseburg ein Museum errichten lassen, die Sitte-Galerie. In dieses Umfeld haben meine Bücher gut gepasst. Der neue Bürgermeister hat kein Interesse daran. Nun bin ich wieder auf der Suche.

Freie Presse: Sie müssen raus aus der Turnhalle, wie geht es weiter?

Sodann: Ich habe einen Notruf gestartet. Viele haben sich gemeldet, wollen helfen, haben aber meist keine Ahnung, was sie sich da ans Bein binden. Denn damit sind verbunden: Arbeitsplätze, ein Gebäude, Betriebskosten, Einrichtung und so weiter. Ich denke mir, es werden Leute kommen, in 20 Jahren vielleicht, wenn diese Bibliothek eine berühmte Bibliothek sein wird, um das Leben in der DDR noch einmal zu studieren.

Freie Presse: Sie wollen sie also eines Tages öffentlich zugänglich machen?

Sodann: Das ist das Ziel, geht aber zurzeit noch nicht. Da gibt es ein wunderschönes Gedicht: "Die Erinnerung ist eine mysteriöse / Macht und bildet die Menschen um. / Wer das, was schön war, vergisst, wird böse. / Wer das, was schlimm war, vergisst, wird dumm." - Erich Kästner. Und das stimmt. Wobei es im Westen mehr Blöde gibt als im Osten...

"Wenn man ganz böse sein will: Irgendwann wird man nochmal eine Abwrackprämie für Menschen austeilen, die der Wirtschaft nichts mehr nutzen."

Freie Presse: Wieso?

Sodann: Weil der Westen mehr Einwohner hat. Die Blödheit ist doch prozentual vorhanden. Vernünftige Menschen gibt es natürlich auch im Westen. Manchmal hat man nur den Eindruck, sie verstecken sich besser. Dennoch, in Schwerte zum Beispiel bin ich auf vernünftige Menschen getroffen. Dorthin hatte mich die Evangelische Akademie eingeladen zu einer Tagung, die hieß: "Wo bleibt der Aufschrei?"

Freie Presse: Der Aufschrei ist also ein Thema, das zu Ihnen passt?

Sodann: Ich schreie jeden Tag auf - seit meiner Geburt. Als ich zur Welt kam, war das das erste, was ich gemacht habe. Und der Aufschrei dauert an.

Freie Presse: Worüber?

Sodann: Schlechte Zeitungen, unfaire Berichterstattung, die Banker, ihre Untaten, in die der Staat sich sogar noch hinein begibt. Über drei Sachen wird heute noch diskutiert, die ich gesagt habe: Ackermann würde ich gerne verhaften. Was gab es da für ein Geschrei. Und Herr Ackermann hat gesagt: Wenn der Bundespräsident wird, da krieg ich Angst. Das wäre doch gut gewesen, oder? Dann hab ich gesagt, bei uns gibt es keine Demokratie. Dabei hat selbst Horst Köhler nach seiner Wiederwahl gesagt: Es wäre schon nicht schlecht, wenn der Bundespräsident vom Volk gewählt werden würde. Das Dritte war: Mit mir geht es nicht in den Afghanistan-Krieg. Da hätten sie mich, wäre ich Bundespräsident geworden, sofort wieder absetzen müssen.

Freie Presse: Das klingt sehr pauschal: Es gibt keine Demokratie. Woran machen Sie das fest, an der Direktwahl des Bundespräsidenten?

Sodann: Nein. Im Grundgesetz heißt es: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Doch sie ist antastbar geworden in Zeiten, in denen der eine nicht weiß, wohin mit seinem Geld. Der andere hat zwei Kinder, ist Hartzer, und überlegt sich, wie krieg ich meine Kinder über die Runden. Das mit der Demokratie habe übrigens ich nicht als erster gesagt. Das war Herr Herzog: Es sei ihm unklar, ob wir überhaupt noch eine parlamentarische Demokratie haben...

Freie Presse: Das heißt: Es regieren nicht die Parlamentarier, sondern die Lobbyisten der Wirtschaft?

Sodann: Das denke ich. Wenn man ganz böse sein will: Irgendwann wird man nochmal eine Abwrackprämie für Menschen austeilen, die der Wirtschaft nichts mehr nutzen.

Freie Presse: Das klingt perfide!

Sodann: Wieso perfide? Das könnte doch kommen, wenn sich nicht etwas ändert.

Freie Presse: So schreien Sie also auf. Wenn Sie mal vergleichen, Sie haben ja vor der Wende auch geschrien...

Sodann: Dafür bin ich auch bestraft worden.

Freie Presse: Und heute?

Sodann: Bei dem Schreien damals wusste ich genau, was mir passiert, wenn ich so schreie. Heute weiß ich es nicht. Heute kann ich schreien und es dauert eine Weile, bis ich rausgeschmissen werde.

Freie Presse: Ist es so besser?

Sodann: Es ist anders. Ich habe die Demonstrationen im Herbst 1989 mit organisiert, weil ich dachte, wenn jetzt der Westen käme, das wäre gut, dann könnten wir noch mal von vorne anfangen. Daraus wurde nichts. Die Strafe erwartet Sie schon, wenn Sie aufschreien - auf andere Art. Durch eine Art Berufsverbot vielleicht, das geht auch.

Freie Presse: Man darf nicht mehr Tatort-Kommissar sein...

Sodann: Könnte sein. Aber darüber will ich eigentlich nicht reden. Es geht ja auch um ein anderes Thema.

Freie Presse: Stimmt. Um Ihre Bücher. Aber unsere letzte Frage passt trotzdem zum Thema, über das Sie nicht reden wollen: Haben Sie Angst, dass die gesammelten Bücher eines Tages doch abgewrackt werden und wieder auf dem Müll landen könnten? Schließlich wird das Papier nicht jünger...

Sodann: Ja, diese Angst treibt mich um. Doch ich habe mal einen Tatort in der Deutschen Bücherei in Leipzig gedreht. Und der Chefrestaurator dort hat mir gesagt: Haben Sie keine Bange, fünfzig Jahre halten sie noch durch... Und bis dahin werde ich schon einen reichen Mann mit humanistischem Gedankengut finden.

 
erschienen am 12.03.2010
 
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