Wie der Wolkengänger dem Waisenhaus entkommt
Es ist das Schicksal selbst, mit dem die Autoren die Leser fesseln
"Sie pflückte die Blume und gab sie Wanja. Er bestaunte die verschachtelte Anordnung der Blütenblätter. ,Das ist Löwenzahn. Er strahlt wie die Sonne, nicht wahr?' ,Sonne' wiederholte Wanja. ,Was ist die Sonne?'"
Wanja und die anderen Kinder aus der Gruppe 2 vom Babyhaus Nummer zehn in Moskau blieben tagein, tagaus in ihrem Zimmer, die meisten lagen die ganze Zeit im Bett. Kein Spiel, keine Beschäftigung, auch keine Gespräche. Es herrscht Mangel an allem, vor allem an menschlicher Wärme. Bis eine freiwillige Helferin aus dem Westen regelmäßig das Heim aufsucht. Sie kann nicht alle Kinder ins Freie führen. Doch Wanja, der sich aus Gesprächsfetzen der Erwachsenen, die er wahrnahm, selbst einige Wörter beigebracht hatte, macht mit Nachdruck auf sich aufmerksam. So kam er nicht nur einige Nachmittage ins Freie und sah die Sonne - sondern befreite sich aus dem System der russischen Kinderheime.
In "Wolkengänger" erzählt Wanja, der heute als John Lahutsky in Amerika bei einer Adoptivmutter lebt, seine Geschichte. Er berichtet gemeinsam mit dem Journalisten Alan Philps und anderen Zeitzeugen, die ihn in verschiedenen Heimen besuchten und seinen Weg in ein selbstständiges Leben mit erkämpften. Berichtet, wie er von einer Kommission als nicht bildungsfähig eingestuft wird, wie er jegliches Spielzeug weggenommen bekommt. Wie er dahinvegetiert in der Psychiatrie: Ruhiggestellt mit Medikamenten, immer im Gitterbett liegend im eigenen Dreck, verlernt er alles, was er kann: sprechen, laufen. Er ist dem Tod nah.
Es ist zuvorderst die Authentizität der Lebensgeschichte, das Schicksal selbst, mit der Philps und Lahutsky ihre Leser aufrütteln. Sie fiebern mit dem Jungen und seinen Helfern mit, verfolgen fassungslos die Beschreibung der Zustände in russischen Heimen. Erschütternd ist, dass das Grauen System hatte. Behinderte Kinder im Alter von null bis vier kamen in Babyhäuser, wer diese überlebte, landete in einem der großen, meist abseits gelegenen staatlichen "Internate". Ab 18 Daueraufenthalt in "psychoneurologischen Internaten".
Damals nahm der Staat vielfach die Kinder ihren Eltern gezielt weg, wie im Falle von Wanja. Aus einem Grund: Man traute den wenigsten behinderten Kindern zu - auch nicht den leicht behinderten - produktiv tätig zu werden. Hätte man sie in ihren Familien gelassen, wären Mütter und Väter als Arbeitskräfte ausgefallen. Die Massenunterbringung ohne jede Förderung war billiger.
Weil jede Therapie fehlte, entwickelten sich die Kinder nicht. Sie waren - das wird deutlich am Beispiel des Babyhauses Nummer zehn - zum Tode verurteilt. Dokumentarisch belegt das Buch Schicksale von Kindern, denen mit einfachen Mitteln ein erträgliches Leben hätte geschenkt werden können. Dramatisch ist, dass noch heute Kinder in Russland, wenn sie mit Behinderungen zur Welt kommen, oft in staatliche Heime gegeben werden. Das aus der Vergangenheit rührende Menschenbild, bei dem nur der etwas zählt, der tatkräftig zupacken kann, ist nicht aus den Köpfen verschwunden. Das Erbe aus der Sowjetzeit wirkt nach. Nicht für Wanja, der als John einen Neuanfang gefunden hat. Er besucht in seiner neuen Heimat ein College.
Alan Philps, John Lahutsky: Wolkengänger. Die wahre Geschichte eines russischen Waisenkindes. Übersetzt von Carina Tessari. Kiepenheuer. 340 Seiten. 19,95 Euro. ISBN 9783378011083.