Die neuen Bewohnerzimmer im Altendorfer Hospiz nehmen allmählich Konturen an. Hans-Rudolf Merkel, Vorsitzender des Vereins Hospiz- und Palliativdienst Chemnitz, und die Leiterin des Hauses, Viola Müller, sind mit dem Stand der Arbeiten zufrieden.
Foto: Andreas Truxa
"Wir setzen auf individuelle Betreuung"
Interview mit Hans-Rudolf Merkel, Vorsitzender des Vereins Hospiz- und Palliativdienst Chemnitz, über die Spendenaktion "Leser helfen"
In den kommenden Tagen endet die Aktion "Leser helfen" zugunsten des Chemnitzer Hospizes. Mehr als 300 Leser der "Freien Presse" haben seit Mitte November gut 18.000 Euro gespendet. Das Geld fließt in die Finanzierung eines Anbaus, der es ermöglicht, dass jeder der bis zu 16todkranken Bewohner künftig in einem eigenen Zimmer leben kann. Michael Müller hat mit Hans-Rudolf Merkel, dem Vorsitzenden des Vereins Hospiz- und Palliativdienst Chemnitz, dem Träger der Einrichtung, über die Arbeit des Vereins und Zukunftspläne gesprochen.
Freie Presse: Herr Merkel, die Bauarbeiten neigen sich dem Ende entgegen, Anfang Februar sollen die ersten Bewohner einziehen. Bis dahin sind es nur noch gut vier Wochen...
Hans-Rudolf Merkel: Keine Sorge, wir liegen gut im Plan. Das Wetter hat sich günstig auf den Bauverlauf ausgewirkt, aber auch die Zusammenarbeit mit allen beteiligten Gewerken hat wunderbar funktioniert. Die Bauarbeiten sind mit einem hohen Maß an Verständnis und Vertrauen abgelaufen, sodass sich auf allen Seiten ein hohes Maß an Zufriedenheit eingestellt hat.
Freie Presse: Dank des Anbaus wird es im Hospiz künftig keine Doppelzimmer mehr geben. Die Kapazität der Einrichtung erhöht sich aber nicht. Warum kommen zu den vorhandenen 16 Plätzen keine weiteren hinzu?
Hans-Rudolf Merkel: Eine Kapazitätserweiterung wäre durchaus denkbar gewesen, hätte sich aber nur schwer mit unserem inhaltlichen Anspruch vertragen. Wir setzen bewusst auf kleine, überschaubare Strukturen, um eine möglichst individuelle Betreuung unserer Bewohner gewährleisten zu können.
Freie Presse: Gleichwohl kann man mit Blick auf die zunehmend älter werdende Bevölkerung in Chemnitz und Umgebung davon ausgehen, dass der Bedarf an Hospizplätzen weiter steigen wird. Wie wollen Sie dieser Entwicklung begegnen?
Hans-Rudolf Merkel: Zunächst mit weiteren ergänzenden ambulanten Angeboten. Hierzu wollen wir in den kommenden Monaten die Zusammenarbeit mit allen auf diesem Gebiet tätigen Einrichtungen ausbauen. Zum Beispiel gibt es im Rahmen der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung eine gute Zusammenarbeit mit dem sogenannten Brückenteam des Palliativprojektes Chemnitz. Das ist ein zusätzliches Angebot neben Hausarzt und Pflegedienst, das vor allem in der Betreuung von Tumorpatienten im häuslichen Bereich zum Einsatz kommt.
Freie Presse: Ein weiteres stationäres Hospiz ist für Sie derzeit kein Thema?
Hans-Rudolf Merkel: Mittel- oder langfristig ist ein weiteres stationäres Angebot durchaus denkbar. Ob hier in Altendorf oder an einem anderen Standort, das wird man sehen.
Freie Presse: Die bestehende Einrichtung liegt am Rande des Flemminggebietes. Hat sich diese Standortentscheidung bewährt?
Hans-Rudolf Merkel: Anfangs hatten wir hin und her überlegt, wohin wir gehen sollten: Möglichst in die Nähe einer beste- henden medizinischen Einrichtung? An einen eher abgeschiedenen Ort oder besser mitten hinein ins Leben? Letztlich haben wir uns gesagt: Sterben gehört zum Leben dazu, also suchen wir die Nähe zu einem Wohngebiet. Und weil wir in Altendorf in der Nachbarschaft von Beginn an auf Information und Aufklärung gesetzt haben, gibt es heute in Bezug auf die Einrichtung auch keine Akzeptanzprobleme.
Freie Presse: Wie kam es 2004 zu der Entscheidung, ein stationäres Hospiz in Angriff zu nehmen?
Hans-Rudolf Merkel: Im Rahmen der ambulanten Altenhilfe hatten sich Diakonie und Caritas bereits mit der ambulanten Hospizarbeit beschäftigt. Mit der Zeit wurde klar, dass diese zunächst auf ehrenamtlicher Basis geleistete Arbeit feste Strukturen braucht. Daher haben sich Diakonie, Caritas und die gemeinnützige Heimgesellschaft als Tochterunternehmen der Stadt 1999 zusammengesetzt, um gemeinsam diese Aufgabe in Angriff zu nehmen. Zwei konfessionelle und ein kommunaler Träger - das war schon ein Wagnis. Jedoch hat sich die Zusammenarbeit über die handelnden Verantwortlichen seitdem bewährt. Alle drei Träger sind sogenannte geborene Mitglieder des Vereins. Sie bringen ihre Strukturen ein und arbeiten partnerschaftlich zusammen. Ein bundesweit einmaliges Modellprojekt, das es uns später auch ermöglichte, Fördermittel für den Bau des stationären Hospizes in Anspruch zu nehmen. Chemnitz war damals die einzige Großstadt in Sachsen, in der es eine solche Einrichtung noch nicht gab.
Freie Presse: Anders als seinerzeit gibt es für den Anbau heute keine Fördermittel. Wie finanzieren Sie die rund 300.000 Euro Baukosten?
Hans-Rudolf Merkel: Wir hatten in Bezug auf unsere beiden Doppelzimmer von Beginn an fachlich begründete Bedenken, wenngleich wir nicht erwartet hätten, dass dieses Thema uns solche Schwierigkeiten bereiten würde. Wir hätten damals aber auch gar nicht anders bauen können, da das der Fördermittelzusage zugrunde liegende Raumprogramm nun einmal auch Doppelzimmer vorsah. Die Suche nach einer finanziellen Lösung für das Problem hat uns jedenfalls lange beschäftigt. Da wir neue Kredite in diesem Umfang nicht finanzieren können, war klar, dass wir zur Finanzierung vor allem auf Spenden angewiesen sein werden.
Freie Presse: Inwieweit hilft Ihnen da der Erlös der Aktion "Leser helfen"?
Hans-Rudolf Merkel: Er trägt dazu bei, dass wir die Baukosten tatsächlich ohne Kredit finanzieren können. Die 18.000 Euro sind für uns viel Geld, aber auch noch mehr als das: Sie bedeuten eine Vergewisserung, dass unsere Arbeit unterstützt wird, und eine Bestätigung dafür, dass hier eine gute Arbeit geleistet wird. Unsere Mitarbeiter, vor allem auch die vielen ehrenamtlichen, empfinden dies als eine echte Wertschätzung. Hinzukommt: Die Berichterstattung über das Hospiz in den vergangenen Wochen hat dazu beigetragen, dass das Sterben als ein wesentlicher Punkt des Lebens wieder stärker im öffentlichen Bewusstsein verankert wird. Insofern sind wir in vielerlei Hinsicht sehr dankbar für diese Unterstützung.