Foto: ddp
Bouillabaisse bei der "Guten Mutter" von Marseille
Quirlige Hafenstadt zwischen Orient und Okzident
Marseille (ddp). Auf Knien, so wird erzählt, näherten sich einst die Seeleute mit ihren Votivgaben der Wallfahrtskirche. Auf dem höchsten Hügel der alten Hafenstadt am Golfe du Lion errichtet, ist sie schon vom Mittelmeer aus zu sehen. Mindestens seit der Römerzeit sendeten Wachposten von hier Signale. Vielleicht auch schon früher. Denn bereits um 600 v. Chr. gründeten griechische Phokäer aus Kleinasien die Stadt als Massalia. Jetzt erklimmen neben Gläubigen vor allem Touristen die rund 150 Meter hohe Erhebung La Garde. Die Basilika ist längst zum Wahrzeichen von Marseille geworden.
Südländisch mutet die Devise an, mit der Stadtführerin Josienne Bercier die eiligen Gäste bremst: "Am Morgen nicht so schnell, nachmittags langsam." Das spektakuläre Panorama über Stadt und Hafen, das sie mit ihren Kameras ablichten wollen, läuft nicht weg. Teleobjektive sind gefragt, um die vorgelagerten Inseln, das Archipel von Frioul, einzufangen. Wer kennt nicht das Château d´If, wo sich Wahrheit und Legende überlagern? Im Kerker der Festung ließ Alexandre Dumas seinen Romanhelden Edmond Dantès, den "Grafen von Monte Christo", sein Dasein fristen. Ziel der heutigen Ankömmlinge ist allenfalls die Aussichtsplattform. Die Felseninsel gehört zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten von Marseille.
Auf dem Glockenturm der Basilika Notre-Dame-de-la-Garde, in romanisch-byzantinischem Stil mit Kuppeln, mehrfarbigem Mauerwerk und aufwendigen Mosaiken gebaut, wacht indes La Bonne Mère, die "Gute Mutter". Weithin sichtbar glänzt die vergoldete Bronzestatue der Jungfrau Maria mit dem Kind auf dem Arm in der Sonne und dient so manchem als Orientierungshilfe bei der Stadtbesichtigung.
Die älteste Stadt Frankreichs, die erst 1481 an die französische Krone fiel, zeigt sich weltoffen und multikulturell. Flächenmäßig doppelt so groß wie Paris, sind ihr Lärm und Hektik nicht fremd. Aber Schmutz, Drogenkonsum und Kriminalität seien auch nicht schlimmer als in der Hauptstadt, versichert Josienne. Von einer gefährlichen Hafenstadt ist tatsächlich nichts zu merken, wohl aber von einem bunten Völkergemisch. Einen ganzen Stadtteil, L´Pin, haben die Einwanderer aus Nordafrika geprägt. Nur eine 24-stündige Fährpassage trennt sie von ihrer Heimat.
Unbestritten stand der alte Handelshafen in seiner wechselvollen Geschichte immer zwischen Orient und Okzident. Das spiegelt sich nicht zuletzt in den Speisen und der Architektur wider. So erinnert etwa die Kathedrale de la Major - wegen ihres zweifarbig gestreiften Mauerwerks "Pyjama" genannt - an orientalische Bauten. Sie darf wie auch das Palais Longchamp in keiner Stadtführung fehlen. Josienne hat nicht zu viel versprochen. Obwohl letzteres nie eine Residenz war, ist die Anlage sehenswert. Sie krönte den Bau des über 80 Kilometer langen Trinkwasserkanals vom Fluss Durance in das Herz der Stadt. Ein mit Skulpturen geschmückter Brunnen wird von zwei Kolonnaden eingerahmt, die jeweils in ein Gebäude münden. Darin sind das Kunst- und das Naturgeschichtliche Museum untergebracht.
Ihr heutiges Gesicht erhielt die Stadt hauptsächlich im 19. Jahrhundert. Die Eroberung Algeriens (1830) und die Eröffnung des Suezkanals (1869) machten Marseille reich. Nicht nur am Triumphbogen, der zwar kleiner, aber zeitgleich mit dem in Paris gebaut wurde, reiben sich viele die Augen. Auch die Prachtvillen an der über fünf Kilometer langen Küstenpromenade erscheinen mitunter als Déjà-vu, sind manche doch kleine Kopien der Loire-Schlösser.
Im Küstenbereich südöstlich von Marseille erstrecken sich über 20 Kilometer bis zum Fischerstädtchen Cassis die Calanquen. Die zwischen schroffen weißen Kalksteinfelsen tief eingeschnittenen Buchten, deren Klippen sich bis zu 400 Meter wie Kathedralen aus dem Meer erheben, werden als Badestrände, Klettergärten und Jachthäfen geschätzt. Das 5000 Hektar große Gebiet steht unter Naturschutz. Man kann zu Fuß über einen 28 Kilometer langen Wanderweg oder vom Boot aus die steilen spektakulären Felsen bewundern, die Namen tragen wie "Kochtopf", "Nadelöhr" und "Glasauge". Auch das "Loch des Teufels" oder den "Frischen Po" erkennt man ohne Pastis im Blut.
Der anishaltige Kräuteraperitif ist überall in Marseille zu finden. Frederic Bernard stellt ihn seit zehn Jahren aus 56 Pflanzen selbst her. Sein Pastis-Haus steht am Alten Hafen, wo die Fähre zum Chateau d´If ablegt. In seiner Nähe am nördlichen Ufer liegt das barocke Rathaus aus rosafarbenem Stein, das wie die beiden Festungsanlagen, deren Kanonen unter Ludwig XIV. gegen die Bevölkerung gerichtet waren, aus dem 17. Jahrhundert stammt. Die Canebière, benannt nach den ursprünglich in der Straße ansässigen Seilerwerkstätten für die Werften, in der sich Kauf- und Geschäftshäuser, Hotels und Cafés aneinanderreihen, führt zum Alten Hafen, jetzt einer der größten Jachthäfen des Mittelmeerraumes und Fischereihafen.
Wieder klicken die Kameras angesichts des allmorgendlichen Fischmarktes. Hier findet man typische Leute und typische Fische, verspricht Josienne. Früher sollen die Fischer ihre nicht verkaufte Ware in einer Fischsuppe verwertet haben, erzählt sie. Die Bouillabaisse gilt als Spezialität Marseilles. Aber heute werden nur die besten Fischsorten verwendet, traditionell sieben, versichert sie. Wer einen Eintopf erwartet, sieht sich getäuscht. Serviert werden Ingredienzien - Meeresfrüchte und Fische aus dem Mittelmeer mit verschiedenem Gemüse - und die entstandene Brühe extra. Wo es die beste gibt, müsse jeder selbst herausfinden. Die echte Bouillabaisse, so wird behauptet, sei im "Miramar" am Alten Hafen mit Blick über den Mastenwald der Jachten auf die "Gute Mutter" im Angebot.
(ddp)