Foto: ddp
Mit dem Fahrrad Ostfrieslands Nordseeküste erkunden
Am Wegesrand warten Insel-Abstecher und Perlen wie das Fischerdorf Greetsiel
Greetsiel (ddp). Radfahren schont die Umwelt, hält fit und gesund - und ist beliebt, gerade im Urlaub. Für wenig trainierte Zeitgenossen und ebenso für Freunde gesunder Seeluft bietet sich das flache Ostfriesland als Revier für den Zweirad-Urlaub an. Der märchenhafte Fischerort Greetsiel im Westen des Landstrichs ist ein idealer Dreh- und Angelpunkt der mehrtägigen Radtour - und mit seinen historischen Giebelhäusern und dem mehr als 600 Jahre alten Fischerhafen selbst ein unvergessliches Ausflugsziel.
Bahnreisende steigen mit ihrem Drahtesel am besten in Emden aus und radeln entlang der Emsmündung durch die Region Krummhörn, wo ihnen einige der größten Windenergieparks Europas begegnen. Wenige Kilometer hinter der Stadtgrenze recken sich die Masten des Windparks Wybelsumer Polder in den Himmel, der mit seiner Gesamtleistung von 130 Megawatt theoretisch alle Haushalte und Fabriken von Emden mit Strom versorgen könnte. Vorbei an der Seebrücke und am Schöpfwerk Knock, das 1963 die Aufgabe der Wassermühlen und Siele übernahm, die Entwässerung des Binnenlands sicherzustellen, erreichen wir nach weiteren zehn Kilometern den Campener Leuchtturm. Deutschlands - mit 63 Metern - höchster Leuchtturm sieht nicht nur aus wie der kleine Bruder vom Pariser Eiffelturm, sondern wurde auch wie dieser im Jahr 1891 nach vier Jahren Bauzeit fertiggestellt. Sein Leitfeuer zeigt noch heute den Schiffen auf der Ems die Wege nach Emden, Leer, Papenburg und Delfzijl. Wer die 308 Stufen zur Plattform erklommen hat, wird mit einem fantastischen Rundblick auf die Krummhörner Küste, Insel Borkum und die Niederlande und in Gegenrichtung bis nach Emden belohnt. Der Leuchtturm ist täglich von 14.00 Uhr bis 17.00 Uhr, sonn- und feiertags von 11.00 Uhr bis 17.00 Uhr geöffnet.
Weitere zehn Kilometer den Deich entlang Richtung Norden wird die Windkraft noch einmal Thema. Die beiden Zwillings-Windmühlen sind die Wahrzeichen von Greetsiel. Bis Anfang der 60er-Jahre haben diese beiden Galerie-Holländer-Windmühlen einen Großteil des in der Krummhörn produzierten Getreides gemahlen. In der westlichen Zwillingsmühle gibt es wechselnde Kunstausstellungen zu sehen, in der östlichen Greetsieler Mühle wird noch heute Korn zu Futterschrot verarbeitet. Regelmäßige Mühlenführungen geben zudem einen Einblick in das Müllerhandwerk.
Wer nach Greetsiel kommt, sollte sich einen Tag Zeit nehmen. Das Fischerdorf gehört zu den seltenen touristischen Perlen mit Seele. Gassen mit Giebelhäusern führen zum zentral gelegenen alten Fischerhafen mit seiner beeindruckenden Krabbenkutterflotte. Mit 25 Krabbenkuttern, die den romantischen Greetsieler Hafen regelmäßig ansteuern, ist hier die größte Kutterflotte Ostfrieslands zu Hause. Neben dem Hauptfang, den Krabben, die eigentlich Granat heißen, werden in kleineren Mengen auch Plattfische wie Schollen, Scharben und Seezungen angelandet - und gern in den Greetsieler Restaurants serviert. Seit 1991 gibt es die Schleuse Leysiel, die den Fischerhafen von der offenen Nordsee trennt. Bis zu acht Kutter können hier gleichzeitig durchgeschleust werden. Damit ist der Greetsieler Hafen tideunabhängig, Ebbe und Flut bleiben draußen. Das alte Sieltor ist über 200 Jahre alt und beliebter Treffpunkt für Urlaubsgäste. Das kulturelle Programm im Dorf reicht vom Shantychor-Auftritt bis zum klassischen Konzert in der historischen Greetsieler Kirche.
Von Greetsiel führt der Störtebeker-Radweg mal vor, mal hinter dem Deich am Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer entlang, der seit dem Sommer 2009 Unesco-Weltnaturerbe ist. Mitunter muss man absteigen, um Schafsgatter- oder Zauntore zu überwinden. Nach 15 Kilometern ist die Seehundaufzuchtstation von Norden-Norddeich einen Besuch wert. Immer wieder kommt es vor, dass im Frühjahr, wenn die jungen Seehunde geboren werden, ein klagendes Heulen im Watt zu hören ist. Die Jungtiere rufen nach ihrer Mutter. Wird so ein "Heuler" allzu lang allein gelassen, holen Tierschützer ihn in die Seehundaufzuchtstation. Dort werden die jungen Seehunde in Bassins großgezogen, um sie später wieder in die Nordsee zu entlassen. Die Seehundaufzuchtstation ist täglich von 10.00 Uhr bis 17.00 Uhr geöffnet, Fütterungszeiten sind um 11.00 und um 15.00 Uhr. Im benachbarten Waloseum kann man außerdem Wissenswertes über das geheimnisvolle Leben von Walen erfahren. Von Norden-Norddeich bieten sich außerdem Tagesausflüge per Schiff zu den Inseln Juist oder Norderney an, der Störtebeker-Radweg führt bei kerngesunder Salzluft immer weiter am Watt entlang zu den Hafenorten Westerdeich (von Norddeich 15 km), Bensersiel (30 km), Neuharlingersiel (40 km) und Harlesiel (50 km), von denen Fährschiffe zu den Inseln Baltrum, Langeoog, Spiekeroog und Wangerooge fahren. Von Bensersiel haben Radler wenige Kilometer landeinwärts in Esens wieder direkten Anschluss an das Eisenbahnnetz.
ddp