Foto: ddp

Mit einer 100-Jährigen hoch hinaus

UNESCO-gekürte Schweizer Bernina-Bahnlinie zu Murmeltier und Spitzweg

Chur (ddp). Wer in seinem Eisenbahnwaggon einem "springenden" Steinbock begegnet, muss nicht unbedingt unter Halluzinationen leiden. Er reist vermutlich auf der Berninalinie durch die Schweiz und lässt sich mit Erfrischungen aus der Mini-Bar des Bord-Restaurants verwöhnen, die mit dem Graubündner Wappentier als plüschige lebensgroße Galionsfigur geschmückt ist. Vor nunmehr 100 Jahren wurde die 61 Kilometer lange Strecke in Betrieb genommen. Seitdem gilt die direkte Zugverbindung zwischen der Kantonshauptstadt Chur im schweizerischen Rheintal über St. Moritz und Pontresina im Engadin durch das Valposchiavo bis nach Tirano im italienischen Veltlin als schönste und einzige offene Alpenüberquerung. 2008 erhielt die Schmalspurbahn zusammen mit der Albulalinie als dritte Bahnlinie der Welt nach der Semmering-Bahn in Österreich und der Darjeeling-Bergeisenbahn im indischen Himalaja den UNESCO-Welterbetitel.

Dieser Meisterleistung der Bau- und Ingenieurskunst vor der Kulisse des Piz Bernina, des höchsten Bündner Berges und einzigen Viertausenders der Ostalpen, verdankt der Gebirgskanton Graubünden einen anhaltenden Touristenstrom und gewissen Wohlstand. Wer die Bergpässe kontrollierte, profitierte schon immer vom Warenaustausch zwischen Nord und Süd. Die Eröffnung der Berninapass-Straße im 19. Jahrhundert zunächst für Kutschen war Beginn des Tourismus im Engadin, dem "Garten des Inn" und Haupttal in Graubünden.

Bei einer nostalgischen Kutschfahrt von Pontresina ins Val Roseg, eines der kleinen Quertäler, erzählt Eliane Huber von der Jagd auf das Wappentier. "Der Steinbock darf erst geschossen werden, wenn er zehn Jahre alt ist. Das Alter erkennt man ähnlich wie bei Bäumen an Ringen im Gehörn." Der Abschuss sei nicht begrenzt. Anders bei den Murmeltieren. Da dürfe ein Jäger nur acht im Jahr erlegen. Aus dem Fett des Tieres wird Salbe hergestellt. Murmeltierfleisch gilt als ausgesprochene Delikatesse. Bei der bloßen Vorstellung des Festessens leckt sich die Jägerin die Lippen.

Das Bahnjubiläum wird das ganze Jahr über gefeiert. In Pontresina findet im September einer der vier volksfestartigen Höhepunkte statt. Auf die Touristen warten zudem Spezialangebote, schließlich trägt die Berninalinie den Charakter einer Touristenbahn. Wenngleich auf der vierstündigen Fahrt von Chur nach Tirano neben 196 Brücken und Viadukten auch 55 Tunnel passiert werden, lässt sich aus den Panoramawagen des Bernina-Express eine außergewöhnlich schöne und abwechslungsreiche Landschaft genießen. Unabhängig von der Jahreszeit sorgt die Streckenführung von Gletschern zu Rebbergen und Palmen für ein Urlaubserlebnis an sich.

Graubünden, der flächenmäßig größte Schweizer Kanton im Südosten des Landes, ist nicht nur die Schweizer Urlaubsregion Nummer eins, sondern auch die höchstgelegene der Alpen. In vielen Orten über 1500 Meter dauert die Wintersaison bis April. Nicht nur der Weiße See an der Berninastrecke ist weiß. Gefrorene Wasserfälle hängen als blaue Eiszapfen an den Felswänden. Noch sind Wintersportler unterwegs. Aber im Valposchiavo, dem südlichsten der 150 Täler Graubündens, beginnt im April schon die Sommersaison.

Auf der Fahrt ins Valposchiavo, zu Deutsch Puschlav, wird der Berninapass überquert, mit 2253 Meter ü. M. der geografische Höhepunkt der Bernina-Linie. Da kommt es schon mal zu Schneeverwehungen und die alte Dampfschneeschleuder Xrot von 1910 zum Einsatz. Wohl jeder Bahnnostalgiker wünscht sich, einmal auf der weltweit einzigen noch betriebenen Schneeschleuder mitzufahren. Schon beim Sichtbarwerden des Unikums ist ein unaufhörliches Klicken der Kameras zu hören. Auch die alte Krokodil-Lokomotive und die Salonwagen werden wie Diven fotografiert.

"Die quietschende Bernina-Bahn ist so etwas wie unser Sound-Track", sagt Ernesto Conrad aus dem Hauptort des Puschlav, dem bereits mediterran anmutenden Städtchen Poschiavo. Der Schriftsteller Wolfgang Hildesheimer (1916-91), der hier die letzten 30 Jahre seines Lebens verbrachte, schrieb über seine Wahlheimat, hier stoße man auf "das Unerwartete". Immer wieder würden die Gäste des Tals nicht nur von der Natur, sondern auch vom kulturellen Reichtum überrascht.

Wie Hildesheimer wurde auch Ernesto Ehrenbürger des Ortes. Auch für ihn ist Poschiavo zur Wahlheimat geworden. Zunächst kam er mit seinem Hund mehrfach zum Urlaub. Seit 20 Jahren lebt er ganz hier. "Das Klima ist angenehm", sagt der 83-Jährige. "Und die vielen stattlichen, von italienischer Bauweise beeinflussten Patrizierhäuser verdanken wir der Buttercreme." Damit seien die im 19. Jahrhundert von hier ausgewanderten Cafetiers überall in Europa reich geworden. Im Alter kamen sie wie 1856 Antonio Semadeni zurück und hätten die alten Bauernhöfe umbauen lassen. Sein Palazzo "Casa Console" ist mit edlen Stein- und Holzfußböden, alten Öfen, Stuckaturen und sehenswerten Wandmalereien ausgestattet. Jetzt ist der Palazzo das Kunstmuseum der Stiftung Ernesto Conrad. Der in Budapest geborene, ehemalige Verleger aus München zeigt darin etwa 100 Gemälde des 19. Jahrhunderts, darunter Schweizer Maler, Künstler der Münchner Schule und die größte Spitzweg-Sammlung der Schweiz.

Individualtouristen kommen, um die Bilder zu sehen, an einem Malkurs teilzunehmen oder von hier aus zu Wanderungen aufzubrechen. Dass viele Durchreisende die Schönheiten des südlichsten Teils der Schweiz kaum eines Blickes würdigen, sei vielleicht gut so, meint Ernesto. Denn man wolle die Idylle erhalten und weiterhin den heimischen Dialekt in den Straßencafes auf der Piazza hören. Das lokale Bündner Calanda-Bier und der für Graubünden typische Röteli (Kirschlikör) schmecken natürlich auch an der Mini-Bar der Berninabahn.

(ddp/Foto: Rhätische Bahn/Peter Donatsch)

 
erschienen am 12.03.2010
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