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Naturerlebnis ohne Grenzen?

Wie der Nationalpark Bayerischer Wald mit dem tschechischen Nationalpark Böhmerwald zusammenwächst

Neuschönau (ddp). Die Postkarte aus der Vorkriegszeit zeigt vier Bauernhäuser mit Walmdächern. "Grüße aus Stadln im Böhmerwald", steht auf ihr geschrieben. Martina Jurtikova reicht sie in der Wandergruppe herum. Die Blicke schweifen von den Schwarz-Weiß-Bildern über die Landschaft: ein weites, grasiges Tal mit vereinzelten Bäumen, begrenzt von den dunklen, sanft ansteigenden Bergen des Böhmerwalds. Vom Dorf Stadln ist nichts mehr zu sehen. Stadln ist einer von vielen Orten, die im Zuge der Flucht und Vertreibung deutschsprachiger Siedler nach dem Krieg regelrecht verschwunden sind. Seit 1991 ist die Gegend Teil des tschechischen Nationalparks Sumava, deutsch Böhmerwald, und wo sich einst Ost und West feindlich gegenüber standen, eint Tschechen und Deutsche heute die Liebe zur Natur.

Martina packt die alte Postkarte wieder ein und setzt die Wanderung fort, die sie im Auftrag des direkt angrenzenden Nationalparks Bayerischer Wald ehrenamtlich leitet. Bis ins 20. Jahrhundert hinein bildeten Bayerischer Wald und Böhmerwald stets eine Einheit. Seit 2009 arbeiten Touristiker in beiden Ländern verstärkt daran, diese Einheit in den Köpfen der Besucher wiederherzustellen; "Nationalparkregion Tierisch Wild" heißt das Projekt. Doch auf den beiden Seiten der Grenze läuft auch 20 Jahre nach dem Mauerfall noch vieles sehr unterschiedlich.

Im Bayerischen Wald zeigt sich seit einigen Jahren geradezu vorbildlich, wie ein Nationalpark seinen Besuchern die unberührte Natur nahe bringen kann. Im "Haus zur Wildnis" in Lindberg-Ludwigsthal etwa, 2006 als zweites Infozentrum des Parks eröffnet, wird die Institution ihrem Bildungsauftrag auf unterhaltsame Weise gerecht. Die interaktive Ausstellung im Haus kann sich sehen lassen: Multimedia-Schautafeln, ein Erlebnisgang durchs Wurzelwerk einer Buche, ein 3D-Naturfilm, ein Kletterbaum-Raum. Im Tierfreigehege kann man sogar Wölfe und Luchse sehen, die einst vom Menschen vertrieben wurden und nun langsam auch in der freien Natur zurückkehren. Attraktionen wie diese fehlen bislang auf der tschechischen Seite, was erklären könnte, warum immer mehr tschechische Gäste in den deutschen Nationalpark kommen.

Dort hat sich neben dem Haus zur Wildnis noch viel mehr getan: Am Nationalparkzentrum Hans-Eisenmann-Haus in Neuschönau zum Beispiel wurde 2009 ein spektakulärer Baumwipfelpfad eröffnet, auf dem man in bis zu 25 Metern Höhe von einem Holzsteg an den Baumkronen entlang spazieren kann. Der eigentliche Star aber ist der Wald selbst. Wolfgang Bäuml, Leiter der Nationalpark-Infozentren, erklärt im Hans-Eisenmann-Haus die Unterschiede zwischen dem älteren, südlichen Teil des Parks, der in diesem Jahr seinen 40. Geburtstag feiert, und dem neueren Teil, der erst 1997 dazukam. Zwei Jahre zuvor hatte der Borkenkäfer riesige Teile der Fichtenwälder im Bayerischen Wald vernichtet. Im alten Teil folgte man damals dem Motto "Natur Natur sein lassen" und tat nichts - so ist es bis heute. Im neuen Teil aber soll der Käfer noch bis 2027 bekämpft werden. Das haben die Einheimischen erwirkt, die den Anblick des scheinbar zerstörten Waldes nicht ertragen können. "Das Falscheste, was man machen kann", findet Forstwissenschaftler Bäuml.

Was er meint, sieht man kurze Zeit später bei einer Rundfahrt durch den alten Teil des Parks. Nach der großen Käferplage suggerieren zum Beispiel am Lusen Tausende von silbergrauen, toten Fichtenstämmen von weitem das Bild eines toten Waldes. Wer aber näher herangeht, sieht, dass dort längst neues Leben entstanden ist: Zahlreiche junge Fichten, Tannen, Buchen sind nachgewachsen. Wo bislang die Fichte dominierte, entsteht ein Bergmischwald neu. Zur Holzgewinnung waren Fichten seit Generationen massenhaft angepflanzt worden, auf bayerischer wie auf böhmischer Seite. Auch im Großteil des Sumava wird der Borkenkäfer bekämpft, erklärt Waldführerin Martina. Wie Wolfgang Bäuml will auch sie den Schädling nicht verteufeln. "Wir brauchen ihn für die Walderneuerung", meint die studierte Landschaftsplanerin.

Die Kraft des Waldes, sich selbst stets zu erneuern, kann man auch entlang der vielen historischen Handelspfade sehen, die bis heute als grenzüberschreitende Wanderwege beide Nationalparks verbinden. "Aber leider haben die Deutschen immer noch ein wenig Angst, nach Tschechien hinüberzugehen", glaubt Wanderführerin Martina, aus Angst zum Beispiel davor, dass ihr Auto gestohlen würde. Spätestens beim Besuch der vielen winzig kleinen Ortschaften hinter der Grenze sollten solche Ängste jedoch verflogen sein. Besonders leicht geht das in Práily, dem verschlafenen Nest, in dem die Wanderung mit Martina endet. Bei einer Portion Wildschwein mit böhmischen Knödeln und einem großes Pils kann man hier die Aussicht auf den Wald genießen, der schon immer Menschen wie Käfer überlebt hat und sie immer überleben wird.

Die Autorin reiste auf Einladung der "Nationalparkregion Tierisch Wild".

ddp

 
erschienen am 27.08.2010
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