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Wale, Elche und Schwarzbären im Niemandsland
Die Halbinsel Gaspésie an der Ostküste Kanadas ist ein Geheimtipp für Naturliebhaber
Québec/Percé (ddp). Im leichten Nebel ist er zu hören, lange bevor man ihn sieht. Prustend und schnaufend atmet der Buckelwal. Plötzlich ist die meterhohe Fontäne zu sehen, wenig später ahnt man dicht unter der Wasseroberfläche den etwa 15 Meter langen Meeressäuger. Der Kapitän des motorisierten Schlauchbootes in der Baie de Gaspé nimmt Kurs auf den Buckelwal - hält sich dabei allerdings bei weitem nicht an den vorgeschriebenen Abstand von 200 Metern zu den Tieren. Doch die Touristen freut der unmittelbare Kontakt zu den Giganten der Meere.
Der Sankt-Lorenz-Strom gehört zu den längsten und tiefsten Flüssen der Erde, Salzwasser aus dem Atlantik strömt etwa 600 Kilometer in die Mündung hinein. Aus diesem Grund lebt eine einmalige Tierwelt im Fluss. "Von den zwölf Walarten, die im Sankt-Lorenz-Strom anzutreffen sind, befindet sich aber die Hälfte auf der Liste der gefährdeten Tierarten in Kanada. Für Boots- und Schifffahrten gelten daher strenge Regeln", sagt Patrice Corbeil, Vizepräsident des Forschungs- und Informationszentrums GREMM in Tadoussac. Dennoch gewinnt der engagierte Tierschützer dem regen Waltourismus viel Positives ab. "Nur wenn die Menschen die wunderbaren Wale aus der Nähe erleben können, werden sie sich auch für ihren Schutz einsetzen", glaubt Corbeil.
Die Gaspé-Halbinsel an der Ostküste Kanadas ist ein Revier für Tier- und Naturliebhaber. Die französischsprachige Region gehört zur Provinz Québec. Auf der Küstenstraße Route 132 lässt sich das wilde Niemandsland umrunden: Die "Tour de la Gaspésie", die im Ort Mont Joli beginnt und endet, ist 800 Kilometer lang. 18 Leuchttürme säumen diesen Weg. Doch die Gaspésie hat nicht nur Küste zu bieten. Das bergige Inland mit seinen bis zu 1300 Meter hohen Gipfeln ist nahezu menschenleer und lädt zu Wander- und Trekkingtouren ein, die unzähligen Seen verführen Angler, Kajak- und Kanufahrer. Wer die vom Massentourismus unentdeckte Halbinsel mit allen Sinnen bereist, hat am Ende nicht nur Wale, sondern auch wilde Schwarzbären, Elche, Stachelschweine, Biber und Karibus gesehen. Lodges in den Bergen bieten Unterkünfte und geführte Touren zu den Tieren an.
Dass die Gaspésie trotz der überwältigenden Naturschönheiten immer noch ein Geheimtipp ist, dürfte in erster Linie an ihrer Lage liegen: Für einen spontanen Abstecher aus den großen Städten Montréal und Québec ist sie einfach zu weit weg. Das Kennenlernen der Halbinsel nimmt etwa eine Woche Zeit in Anspruch. Sie wird vor allem von denjenigen angesteuert, die raue Ursprünglichkeit, Natur und menschenleere Wildnis lieben.
Am Rand der Route 132 trocknen unzählige Hummerfallen im Sonnenlicht. In manchen Körben aus Drahtgeflecht glitzert in den frühen Morgenstunden noch das Wasser. Sie weisen auf das Nationalgericht hin: Frischer und besser als an der Küste Ostkanadas kann "homard", wie die Einheimischen die Krebstiere auf französisch nennen, nicht schmecken. "Schon Babys lutschen bei uns die Hummerbeinchen aus", sagt Tanja Bond, Kellnerin im Restaurant "Maison du Pecheur" im ganz im Osten der Gaspésie gelegenen Percé. Restaurant-Chef Georges Mamelonet züchtet 5000 Hummer in Käfigen in 20 Metern Tiefe. Taucher holen die Tiere jeden Tag frisch aus dem Wasser. Für Gourmets lohnt eine Reise in die Gaspésie nicht nur wegen der guten Preise. Das Essen ist auch im kleinsten Fischerdorf exzellent, die französische Haute Cuisine hat deutliche Spuren hinterlassen. So ist selbst in einem gehobenen Restaurant für umgerechnet 20 Euro ein kompletter Hummer zu bekommen.
Percé, einst Fischerdorf und Künstlerkolonie, ist heute Touristenmagnet. Vor allem dank seines gewaltigen Felsens "Rocher Percé": Ein 90 Meter hoher und 438 Meter langer Monolith aus rosa Kalkstein. Der Felsen ist angeblich nach den Niagarafällen das meistfotografierte Naturdenkmal Kanadas. Einen Besuch lohnt auch die vorgelagerte Insel Ile Bonaventure. Mit ihren bis zu 100 Meter hohen Klippen ist sie ein geschütztes Brutrevier für 250 000 Seevögel, darunter 60 000 Basstölpel, die größte Kolonie dieser Art in Nordamerika.
Hinter Percé geht es auf der geradlinigen, manchmal aber unebenen Route 132 wieder gen Westen. Doch welch ein Kontrast zur Nordküste: Die Berge werden runder, das Klima milder, die Besiedelung nimmt zu. Nicht zufällig nannte Seefahrer Jacques Cartier, der die Gaspésie 1534 entdeckte, die hier liegende große Bucht "Baie des Chaleurs", Bucht der Hitze. Einige Kilometer weiter liegt der Parc national de Miguasha, weltweit bekannt für seinen Überreichtum an Fossilien. Die UNESCO hat ihn zum Weltkulturerbe erklärt. Im Schiefer der Steilküste finden Wissenschaftler heute noch regelmäßig unbekannte Fischarten, meist aus dem Devon vor 300 Millionen Jahren.
(ddp)