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Windräder drehen sich hinter der Kirche von Ragewitz (Sachsen). Einschränkung der Lebensqualität und Entwertung der Grundstücke gehören zu den Argumenten der Windkraftgegner.

Foto: Jan Woitas/dpa

Anzahl der Windräder in Sachsen gesunken

Der Anteil des regenerativ erzeugten Stroms am gesamten Verbrauch wächst in Sachsen langsamer als im Bundesdurchschnitt. Vor allem bei der Windkraft hinkt der Freistaat hinterher. Das hat mehrere Gründe.

Von Jürgen Becker
erschienen am 17.03.2017

Chemnitz. Nahezu jede dritte Kilowattstunde, die 2016 insgesamt in Deutschland verbraucht wurde, stammte aus regenerativen Energiequellen. In Sachsen erzeugten Windräder, Wasserkraftwerke, Solar- oder Biomasse-Anlagen allerdings nur 22,4 Prozent oder jede vierte bis fünfte Kilowattstunde des gesamten verbrauchten Stroms. Das geht aus vorläufigen Zahlen des Forschungsinstituts Agora Energiewende und einer Studie des Fördervereins VEE Sachsen hervor.

Vor allem beim Ausbau der Windkraft hakt es. Im vergangenen Jahr wurden in Sachsen laut VEE-Studie sogar mehr Windräder abgebaut als neu errichtet. Demnach sank deren Anzahl um fünf auf 870. Die produzierten zwar etwas mehr Strom, weil kleinere durch größere Windräder ersetzt wurden. Der Brutto-Leistungszuwachs war dem VEE zufolge aber noch geringer als in den vorhergegangenen Jahren und mit einem Anteil von 0,8 Prozent am bundesweiten Zubau der geringste aller Flächenländer in Deutschland. Zum Vergleich: In Thüringen wurden 2016 48 und damit viermal so viele Windräder wie in Sachsen neu errichtet, in Baden-Württemberg waren es zehnmal und in Niedersachsen nahezu 26-mal so viele.

Der Grünen-Landtagsabgeordnete Gerd Lippold wirft der Landesregierung schon seit Längerem vor, den Ausbau der regenerativen Energien zu blockieren. "Sachsen darf offenbar kein Energiewendeland werden, weil es ein Braunkohleland bleiben soll", sagte er am Donnerstag im sächsischen Landtag. Folge dieser Politik werde sein, dass im Zuge des bevorstehenden schrittweisen Kohleausstieges der Freistaat einfach schrittweise seine seit 100 Jahren gewohnte Rolle als bedeutender Energieproduktionsstandort verliere. Dabei arbeiteten schon heute mehr Sachsen in Betrieben, die sich mit erneuerbaren Energien beschäftigen, als in der Braunkohleverstromung. "Gibt es da vielleicht eine geliebte Energiesparte und eine suspekte?", fragte Lippold.

Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) räumte am Donnerstag ein, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien - insbesondere der Windenergie - nicht in den Größenordnungen erfolgt sei, "die notwendig sind und die wir uns zum Ziel gesetzt haben. Das liegt aber nicht daran, dass wir nicht wollen", sagte er. Das derzeit nur wenige Genehmigungen für neue Windenergieanlagen erteilt werden könnten, habe schlichtweg seine Ursache darin, dass die dafür rechtlich abgesicherten Nutzungsflächen in den vergangenen Jahren ausgeschöpft worden seien. "Mit der derzeit laufenden Fortschreibung der Regionalpläne werden neue Flächen ausgewiesen und dann wird es auch wieder einen nennenswerten Zubau geben", sagte Dulig.

Die Windenergie gilt als tragende Säule der Energiewende. Windstrom hat laut Bundeswirtschaftsministerium inzwischen einen Anteil von rund zwölf Prozent an der deutschen Stromerzeugung. Inzwischen gibt es allerdings auch ein flächendeckendes Netz an Bürger-Initiativen, die sich gegen Windräder vor der eigenen Haustür wehren. Allein in Sachsen sind es mehr als 50. Anwohner fürchten eine Einschränkung ihrer Lebensqualität, gesundheitliche Probleme und eine Entwertung ihrer Grundstücke. Durch Windräder werden zudem Tausende Vögel geschreddert. Kritiker wie Michael Eilenberger, Chef des Landesverbandes Sachsen des Bundesverbandes Landschaftsschutz, halten Windanlagen überdies für wirtschaftlich unsinnig, weil in der Region zu wenig Wind wehe.

Allerdings stellt sich die Frage nach der Wirtschaftlichkeit ohnehin in den kommenden Jahren bei Tausenden Anlagen völlig neu. Denn ab Ende 2020 wird für Windräder, die sich seit 20 Jahren drehen, keine Einspeisevergütung mehr gezahlt. Weil ihr Betrieb dann in vielen Fällen unrentabel werde, drohe ein Massenabriss, sagt Wolfram Axthelm, Geschäftsführer des Bundesverbands Windenergie (BWE).

Bundesweit sind laut einer Studie der Deutschen Windguard zunächst rund 6000 Altanlagen betroffen. In den Folgejahren kommen demnach jeweils 1600 Windräder hinzu. In Sachsen ist laut VEE weit über die Hälfte der Anlagen schon über zwölf Jahre alt, sodass auch sie ohne Förderung auf der Kippe stehen könnten. Einen Massenabriss, wie ihn sein Thüringer Verbandskollege fürchtet, sieht der BWE-Landesvorsitzende Martin Maslon allerdings auf Sachsen nicht zukommen. "Diese Altanlagen sind abgeschrieben, die werden auch ohne feste Einspeisevergütung weiterlaufen", sagt er. Er setzt auf steigende Preise an der Strombörse.

Derzeit kostet die Kilowattstunde dort rund 3,5 Cent. "Ab 4 Cent ist ein Weiterbetrieb der Anlagen möglich", sagt BWE-Geschäftsführer Wolfram Axthelm und fordert von der Bundespolitik, die Überschüsse auf dem deutschen Strommarkt zu senken. "Vor allem die alten Kohlekraftwerke sollten stillgelegt werden", sagt er. "Dann würde auch der Strompreis an der Börse wieder steigen."

Die CDU/SPD-Regierungskoalition in Sachsen hält davon aber nichts. Das aktuelle Beispiel der Milliardenverluste bei Eon zeige doch, wohin eine übereilte Energiewende führe, sagte der CDU-Landtagsabgeordnete Lars Rohwer am Donnerstag im Landtag. "Erst werden Tausende Arbeitsplätze vernichtet, dann klafft bei den Kommunen, denen Eon gehört, ein Haushaltsloch, weil keine Gewinne mehr ausgeschüttet werden. Und schließlich wandern wegen der explodierenden Strompreise Unternehmen weg. Wir hingegen denken an die Arbeitsplätze in der Lausitz und machen Politik mit einem klaren Blick für die Realitäten."

 
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