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Silikontechniker Alex Stamos arbeitet an einer Handprothese. Die Silikonhand mit 3D-gedrucktem Skelett ist besonders weich. Silikontechniker Alex Stamos arbeitet an einer Handprothese. Die Silikonhand mit 3D-gedrucktem Skelett ist besonders weich.

Foto: Kristin Schmidt

Sachsen entwickelt sich zu einem Zentrum der Medizintechnik

Keimfreie Beutel für die künstliche Ernährung, wie echt aussehende Prothesen oder Dialysegeräte: Sächsische Firmen sind Weltspitze in der Medizintechnik. Zunehmend sind sie auch im Ausland gefragt.

Von Ramona Nagel
erschienen am 11.02.2016

Chemnitz. Rollstuhl ist nicht gleich Rollstuhl. Diese Erkenntnis hat die Firma Bräunig in Leipzig zum Unternehmenskonzept gemacht und sich auf individuelle Modelle in Manufakturherstellung spezialisiert. Hergestellt werden unter anderem sehr schmale Rollstühle oder auch solche für 200-Kilo-Leute. "Nicht jeder Behinderte passt in jeden Rollstuhl und nicht jeder Rollstuhl passt für jede Behinderung", sagte der Geschäftsführer des fünf Mitarbeiter zählenden Unternehmens, Sascha Kröner. Die Preisunterschiede sind jedoch enorm. Ein für den Transport bestimmter Faltrollstuhl kostet etwa 200 Euro, die Bräunig-Modelle ab 1500 Euro.

Die Firmenphilosophie kommt auch in anderen Ländern an. Zur internationalen Gesundheitsmesse Arab Health in Dubai vor wenigen Tagen kaufte eine Familie aus dem Oman ein Messemodell direkt vom Stand weg für die Tochter. Dass zu Messen gekauft wird, hat in fast allen Branchen Seltenheitswert. Zumeist wird geschaut, sich informiert und es werden Angebote eingeholt. Dabei hatte Sascha Kröner noch ein Erfolgserlebnis, denn am Stand in Dubai bestellte ein Krankenhaus aus Saudi-Arabien Stühle für Übergewichtige. "Wir sind das erste Mal hier und es hat sich voll gelohnt", meinte Kröner. In wenigen Wochen nimmt das Unternehmen an einer Messe im italienischen Bologna teil und hofft auf einen ebensolchen Erfolg wie in Dubai.

Auch Christoph Braun freut sich über die Resonanz in Dubai. Seine Firma Stamos und Braun in Dresden mit 14 Mitarbeitern fertigt Prothesen mit dem Anspruch, so echt wie möglich zu sein. "Wir spiegeln die Gegenseite und arbeiten in den Silikonüberzug auch Äderchen und Falten ein", sagt Braun. Fingerprothesen, Teilhandprothesen, Armprothesen, Zehenprothesen, Vorfußprothesen oder Beinprothesen sehen nicht nur echt aus, sondern fühlen sich auch an wie menschliche Haut. Mit einer Silikonwalze, die das Mischen von farbigem Silikon ermöglicht, kann die Farbe der Prothese an die Hautfarbe des Trägers angepasst werden. Braun ist sicher, dass es nur wenige Firmen gibt, die solche Prothesen herstellen. International bekannt wurde das Unternehmen 2014 durch Beiträge in US-amerikanischen Zeitschriften. Seitdem kommen die meisten Kunden nach Dresden, unter anderem aus Russland, Brasilien, China. Die Mitarbeiter sind aber auch international unterwegs. So werden in Saudi-Arabien drei Krankenhäuser betreut. "Aus Kostengründen warten wir, bis 10 bis 15 Patienten unsere Leistungen wünschen, dann fliegen wir hin", meinte Braun.

Die beiden Firmen gehörten zu den 4000 Ausstellern zur Arab Health. Aus dem Freistaat waren insgesamt 20 Firmen dabei und damit fast dreimal so viele wie 2015. Ihre Messeteilnahme am sächsischen Gemeinschaftsstand wurde vom Freistaat gefördert. "Die sächsische Life-Sciences-Branche spielt eine wichtige Rolle in der internationalen Medizintechnik", sagte Peter Nothnagel, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Sachsen. Ihre Innovationen entwickeln die Firmen eng mit regionalen Universitäten sowie Forschungseinrichtungen. Nach Ansicht der Wirtschaftsförderung entwickelt sich Sachsen neben Baden-Württemberg und Bayern zu einem Zentrum der Medizintechnik bundesweit.

Speziell in den arabischen Raum liefern sächsische Firmen bereits seit Jahren hochwertige Technik. Und das hat auch einen Grund: Die Vereinigten Arabischen Emirate haben sich im Nahen Osten zu einem Zentrum des "Medizin-Tourismus" entwickelt. Hier gibt es viele Kliniken und ebenso zahlreiche gut betuchte Kunden, die Nachfrage schaffen. Die 2014 eröffnete Cleveland Clinic Abu Dhabi etwa ist eines der größten medizischen Zentren im Mittleren Osten. Sie verfügt über 364 Betten und beschäftigt 3000 Mitarbeiter. Von den mehr als elf Millionen Gesundheitstouristen im arabischen Raum jährlich kommen viele in die Dubai Healthcare City, einer Freihandelszone mit exzellenter Infrastruktur. Sie soll der weltweit größte "Gesundheits-Kampus" werden. Anders als beispielsweise Deutschland bekennen sich die Vereinigten Arabischen Emirate offen zum kommerziellen Charakter des modernen Gesundheitswesens.

Doch auch in anderen Regionen der Welt geben immer mehr Menschen immer mehr Geld für ihre Gesundheit aus. Schätzungen zufolge soll der weltweite Gesundheitsmarkt seit 2008 mit 5,7 Billionen US-Dollar auf 20 Billionen US-Dollar im Jahr 2030 wachsen. Gründe für diese rasante Zunahme sind eine wachsende und älter werdende Weltbevölkerung. Damit wird es künftig mehr alters-, aber auch wohlstandsbedingte Krankheiten sowie Demenz geben.

Damit die deutsche Medizintechnikbranche davon profitieren kann, braucht sie nach Ansicht des Bundesverbands Medizintechnologie erheblich mehr Wagniskapital. Denn generell sind hier sehr kurze Produktzyklen üblich. Etwa ein Drittel des Umsatzes erwirtschaften die Hersteller mit Erzeugnissen, die nicht älter als drei Jahre sind.

 

 
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