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Foto: Jens Wolf/dpa

Staatsanwalt klagt Chemnitzer Online-Umsatzmillionäre an

Monatlich 4,5 Millionen Klicks, 70.000 Mitglieder: David Jähn hat im Internet mit Handelsplattformen wie Melango.de Millionen Euro eingenommen. Doch jetzt werfen ihm die Ermittler Betrug vor.

Von Jürgen Becker
erschienen am 08.01.2015

Chemnitz. Jähn steuert aus dem zehnten Stock des Solaris-Turms in Chemnitz ein Netz aus Dutzenden Internetpräsenzen, in dem sich Schnäppchenjäger schon seit 2007 verstricken. Wer Seiten wie lagerverkauf-billig.de, restpostenabverkauf24.de oder www.mein-outletsverkauf.de anklickt, landet automatisch auf dessen B2B-Beschaffungsplattform.de. Zehn Millionen Euro Umsatz hatte Jähn nach eigenen Angaben für 2014 angepeilt.

Das Schild mit dem Firmennamen wechselte allerdings häufig. In zwei Jahren wurde aus Melango.de erst JP Handelssysteme, dann B2B Technologies Chemnitz. Jähns Geschäftsmodell ist bis heute aber dasselbe geblieben: Händler dürfen gegen einen Mitgliedsbeitrag selbstständig anderen Händlern auf einem Online-Marktplatz Waren anbieten. "Besonders bei Geschäftsauflösungen, Waren aus Insolvenzen, Restposten, Lagerräumungen oder anderen Produkten, die schnell abgesetzt werden sollen, können Einkäufer oft von sehr niedrigen Preisen profitieren", versprach Jähn. Bis zu 90 Prozent Ersparnis seien drin.

Hunderte Kunden sehen sich indes getäuscht. Sie erstatteten Anzeige, weil sie statt der in Aussicht gestellten Super-Schnäppchen nur eine Rechnung über mindestens 240 Euro Mitgliedsbeitrag und eine zusätzliche Gebühr für die Anmeldung auf Jähns Plattformen erhielten. Die Chemnitzer Staatsanwaltschaft durchsuchte daraufhin die Büros, beschlagnahmte Technik. Nach mehr als sechs Jahren Ermittlungen hat sie jetzt Mitte Dezember Anklage erhoben.

Sie wirft Jähn und dessen damaligem Mitgeschäftsführer Thomas Wachsmuth nach Recherchen der "Freien Presse" im Wesentlichen vor, in den Jahren 2007 bis etwa Ende 2010 äußerst preisgünstige Warenangebote selbst erfunden, ins Netz gestellt und beworben zu haben - um Kunden zu einer kostenpflichtigen Anmeldung auf ihrer Webseite zu bewegen. Oder aber die beiden sollen zumindest gewusst haben, dass ihre Handelsplattform nicht funktioniere, dass entgegen ihren Versprechungen nahezu keine Kaufverträge über ihre Webseite zustande gekommen seien und dass die angeblichen Anbieter keine Waren an die Käufer geliefert hätten. 94 Fälle des vollendeten und 41 Fälle des versuchten Betrugs listet die Staatsanwaltschaft auf. Den Schaden beziffert sie mit 18.000 Euro.

Vor gut zwei Monaten hatte die Verbraucherzentrale schon eine einstweilige Verfügung gegen die B2B Technologies Chemnitz und Jähn erwirkt. Seither darf er nicht mehr auf Facebook oder anderen Internetseiten mit Preisen für Waren werben, die es auf seiner eigenen Handelsplattform gar nicht zu diesen Preisen gibt.

 

Inzwischen hat Jähn seinen Web-Auftritt umgestaltet. Auf der Startseite locken vergleichsweise nur noch wenige Angebote. Anders als früher müssen sich seit 1. Dezember Verkäufer verifizieren lassen und eine Kopie der Gewerbeanmeldung oder einen Handelsregisterauszug vorlegen. Neuanmeldungen sind zurzeit offenbar nicht möglich.

Gestern Morgen öffnete niemand bei B2B Technologies Chemnitz die Tür. Auch eine Mail-Anfrage ließ Jähn bis gestern unbeantwortet. Vor einem halben Jahr hatte er aber eingeräumt, dass die Vermittlungsquote zu Melango.de-Zeiten nicht allzu gut gewesen sei. "Das liegt an den Verkäufern", sagte er damals. Die habe seine Firma bei Beschwerden oft mehrfach anschreiben müssen. "Dann teilten die uns mit: Wir können auf der Plattform doch ohne Auftragsbestätigung alles solange anbieten, wie wir wollen. Letztlich habe ich aber dafür gesorgt, dass der Kunde sein Geld zurückbekommen hat." Vor gut zwei Monaten hat Jähn nun eine neue Gesellschaft gegründet, die für Gewerbekunden Lieferanten recherchieren will. Die Firma trägt den Namen Habibi.de. Bis vor Kurzem hatte Jähn auf der Internetseite dieser Gesellschaft Selbstständige zu einer Anmeldung in einem "Habibi Business-Club" bewegen wollen. Denn kostenpflichtige Business-to-Business-Portale sowie obskure Online-Datenbanken zu Lieferanten leisteten oft nicht das Erwartete, erklärte er da, weil die dortigen Anbieter ihre angepriesenen Waren häufig nicht zu den genannten Preisen liefern könnten oder wollten. "Vielleicht sind auch Ihnen diese Ausflüchte schon begegnet. Auf dem Schaden Ihres fruchtlosen Aufwandes bleiben Sie meist sitzen. Wir schonen Ihre knappen Ressourcen."

Doch davon ist jetzt keine Rede mehr. Auf der Internetseite der Firma leuchtete gestern nur noch der Schriftzug Habibi.de auf - gemeinsam mit der Aufforderung. "Kaufen Sie diese Domain mit Logo!"

 
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