Autohersteller dünnen ihre Modellpaletten aus

Cabrios, Coupés, Vans und viele anderen Nischenmodelle sind vom Aussterben bedroht. Der Sprung in die E-Mobilität und der SUV-Boom lässt die automobile Artenvielfalt schrumpfen.

Berlin (dpa/tmn) - Limousine, Schrägheck, Kombi. Dazu noch ein Van und ein SUV. Und vielleicht auch noch ein Cabrio? Mit der Erfindung der Plattformarchitekturen hat die Autoindustrie ihr Angebot vervielfacht:

Neue Modellvarianten konnten noch nie so schnell und so günstig entwickelt werden wie zu Zeiten von Baukästen. Mit Kürzeln wie MQB, MFA oder EMP2, sind die Baukästen mittlerweile selbst fast zu Markennamen geworden. Doch so langsam wird der Segen zum Fluch.

Nicht nur, dass sich die Wünsche der Kunden immer weiter auf SUVs in allen Spielarten konzentrieren und viele andere Karosserievarianten wie etwa der Van zu Ladenhütern werden, sagt Ferdinand Dudenhöffer. Über die Jahre sind die Modellpaletten so ausgeufert, dass die Hersteller der Komplexität und der Variantenvielfalt kaum mehr Herr werden, hat der Professor an der Universität Duisburg-Essen beobachtet. «Vielfalt, die wenig nachgefragt wird, wird man sich nicht mehr leisten. Die dünnen Gewinnmargen der nächsten Jahre lassen die üppigen Produktportfolios schrumpfen.»

Dabei ist Spitze dieser Entwicklung noch gar nicht erreicht, räumt Daimler-Chef Ola Källenius ein. Mit dem Bekenntnis zur Elektromobilität und dem schnellen Hochfahren entsprechender Produktprogramme wird die Palette noch weiterwachsen.

Die Portfolios werden bereinigt

Nicht umsonst kündigt VW-Chef Herbert Diess auf dem für die Akku-Autos entwickelten Modularen E-Antriebs-Baukasten (MEB) schon für die Kernmarke 20 und für den Konzern mehr als doppelt so viele Modelle an. Und Mercedes hat allein für die Kompaktklasse zwei Elektroautos angekündigt, hat darüber den EQC und plant eine Familie elektrischer Oberklasse-Modelle auf Basis des EQS. «Das ist eine Vielfalt, die auf Dauer nicht zu halten ist», räumt Källenius ein.

Arthur Kipferler von der Strategieberatung Berylls hat für das Sterben der Nischenmodelle mehrere Gründe: «Der Renditedruck zwingt alle Hersteller dazu, jeden Euro dreimal umzudrehen.» Da sei der hohe Aufwand für Modellpflegen und Nachfolgeentwicklungen vielfach nicht mehr zu rechtfertigen.

Verschärft werde das noch durch die hohen Aufrüstkosten etwa für kommende Schadstoffnormen. «Wenn man dann noch die drohenden Strafzahlungen für verfehlte CO2-Ziele berücksichtigt, werden weniger energieeffiziente Modelle und Varianten schnell zum Verlustbringer - und kommen so ebenfalls auf die Abschussliste.»

Welche Modelle trifft die Schrumpfkur als Erstes?

Das große Sterben hat längst begonnen: Das gilt für Sportmodelle wie die OPC-Versionen bei Opel und für Modellvarianten. Bei der konventionellen S-Klasse zum Beispiel trifft es nach Informationen aus Mercedes-Kreisen Coupé und Cabrio, die beim Generationswechsel in diesem Jahr auf der Strecke bleiben werden. Und auch VW hat entrümpelt: Das Golf Cabrio wurde schon im letzten Jahr eingestellt, der Golf Sportsvan bekommt nach Angaben des Unternehmens keinen Nachfolger. Und bei der Schwestermarke Audi stehen Modelle wie der TT auf der Kippe.

«Für viele Kunden ist ein handlicher Crossover einfach besser als ein Kompaktvan, der vor zehn Jahren noch die goldene Lösung war. Also gibt es nun Ford Kuga und Puma anstelle von C-Max und B-Max», bilanziert Kipferler. Er spannt den Bogen noch weiter: «Kompakte Coupés haben einen ähnlich schweren Stand, so hat bei VW der T-Roc dem Scirocco den Rang abgelaufen.»

Chancen für die Autokäufer

Das Aussortieren der Nischenmodelle bietet auch Chancen, sagt Hans-Georg Marmit von der Sachverständigenorganisation KÜS. «Erst kann man mit solchen Auslaufmodellen ein Schnäppchen machen und beim Neuwagenkauf oft hohe Rabatte erzielen.» Später können aber genau daraus Sammlermodelle werden. Marmit erinnert an gescheiterte Konzepte wie die Coupés von BMW Z3 und Z4, das VW Cabrio Eos oder dem Corsa-Ableger Opel Tigra: «Denn solche Nischenmodelle und Eintagsfliegen bieten selbst in Zeiten riesiger Produktionsziffern noch kleine Stückzahlen und erleben deshalb oft schnell einen erfreulichen Wertzuwachs.»


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