Der zweite Abschied vom Stadion an der Gellertstraße

Bei Rico Steinmann wird die morgige Partie des Chemnitzer FC gegen Kaiserslautern besondere Erinnerungen wecken. Er hatte in der Arena schon einmal als Aktiver Lebewohl gesagt.

An jenem 25. Mai 1991 erlebte Rico Steinmann einen der bewegendsten Momente seines Sportlerlebens. Mit dem Chemnitzer FC hatte er gerade 1:1 gegen den Halleschen FC gespielt. Die Saison war beendet, die Qualifikation für die 2. Bundesliga geschafft. Jetzt kam der Moment, in dem es hieß, Abschied zu nehmen - von der Heimatstadt, vom Verein, von den Fans und vom Stadion an der Gellertstraße. "Ich bin vor zwei Jahren nicht nach Dresden, im Vorjahr nicht nach Bremen gegangen. Ich bin auch für euch so lange in Chemnitz geblieben", rief Steinmann dem Publikum damals zu. Sein Weg führte ihn nun doch in die 1. Bundesliga zum 1. FC Köln, wo er sechs Jahre lang spielen sollte.

Der heute 46-Jährige kann sich gut an jene Augenblicke vor knapp 23 Jahren erinnern. "Das war für mich schon ein emotionales Erlebnis, zum letzten Mal für den Heimatverein aufgelaufen zu sein", sagte Steinmann gestern im Gespräch mit der "Freien Presse". Auch ein wenig Wehmut sei dabei gewesen. Dies könnte auch morgen Abend der Fall sein, wenn der einst begnadete Fußballer das Abschiedsspiel vom alten Stadion an der Gellertstraße zwischen dem Chemnitzer FC und dem 1. FC Kaiserslautern besucht. "Schließlich bin ich in diesem Stadion groß geworden und habe viele positive Erinnerungen daran", betonte der 23-fache DDR-Nationalspieler vor seinem zweiten Abschied von der geschichtsträchtigen Arena.

Kindheitstraum früh erfüllt

Dort hatte schon sein Vater Rolf für Furore gesorgt. Der viel zu früh verstorbene Torjäger feierte 1967 seinen größten Erfolg. Wenige Monate, bevor Sohn Rico zur Welt kam, holte er mit dem FC Karl-Marx-Stadt den DDR-Meistertitel. "Ich war noch zu klein, um meinen Vater spielen zu sehen. Sollte ich während seiner Laufbahn doch mal im Stadion gewesen sein, weiß ich es nicht mehr", sagte Rico Steinmann.

Sein Kindheitstraum erfüllte sich bereits im August 1985. Als 17-Jähriger kam er an der Gellertstraße gegen Vorwärts Frankfurt zu seinem ersten Einsatz unter Trainer Heinz Werner im FCK-Oberligateam. Und was war das für ein Einstand: Der Grünschnabel setzte sofort spielerische Akzente und erzielte nach 79 Minuten auch noch den Treffer zum 1:1-Endstand. "Ich war damals früh für Mario Neuhäuser eingewechselt worden, der sich verletzt hatte", berichtete Steinmann, den Michael Ballack später als sein Vorbild bezeichnete. Steinmann blieb auch das letzte Heim-Tor des CFC vor der deutschen Einheit vorbehalten. Am 5. September 1990 verwandelte er im Stadion an der Gellertstraße beim 1:1 gegen Energie Cottbus einen Foulstrafstoß.

So schön es ist, in Erinnerungen zu schwelgen: Rico Steinmann stellte gestern klar, dass bei ihm trotz aller nostalgischer Gedanken die Vorfreude auf die neue Chemnitzer Fußball-Arena überwiegt. "Das Stadion zu bauen, war eine vollkommen richtige Entscheidung. Dadurch wird Chemnitz auch der Bezeichnung ,Stadt der Moderne' besser gerecht", erklärte der ehemalige Profi. Mit der neuen Spielstätte müsse automatisch das Ziel ein- hergehen, die 2. Bundesliga zu erreichen. "Das Potenzial dafür hat der Verein. Mit dem künftigen Stadion wird sicherlich ein Ruck durch die Mannschaft gehen. Auch die Einnahmen an Sponsorengeldern werden sich positiv entwickeln", ist der 46-Jährige überzeugt. Wie wichtig hochklassiger Profi-Fußball für eine Region ist, machte Steinmann am morgigen Kontrahenten der Himmelblauen deutlich. "Wer würde schon Kaiserslautern kennen, wenn es dort keinen Bundes- liga-Verein gäbe?", fragt der Chemnitzer.

Abstiegskampf-Erfahrung fehlt

Die gegenwärtige sportliche Situation des CFC bereitet auch ihm ein paar Bauchschmerzen. "Sorgen machen muss man sich immer, wenn man nicht wenigstens im gesicherten Mittelfeld steht. Es passiert häufig, dass es nicht so läuft, wenn sich ein Verein besondere Ziele setzt und der Druck dadurch höher wird", so Steinmann. Er habe das auch in seiner Zeit beim 1. FC Köln erlebt. "Man hat eine gute Mannschaft beisammen und denkt, dass die notwendigen Siege schon noch kommen werden. Doch dann vergeht ein Spiel nach dem anderen ohne ausreichende Erfolge - und auf einmal ist es Frühling", bemerkte Steinmann. Die damaligen Kölner Spieler hätten keine Erfahrung mit Abstiegskampf gehabt. "Das ist ja derzeit beim CFC genauso." Dennoch gehe er fest davon aus, dass die Chemnitzer - wie einst der 1. FC Köln auch - das rettende Ufer rechtzeitig erreichen. "Vom Potenzial her gehört die Mannschaft auch nicht in den Tabellenkeller", sagte Steinmann.

Nach seiner Karriere, die im Jahr 2000 unter Trainer Hans Meyer beim holländischen Club Twente Enschede geendet hatte, bekam Steinmann den Fuß nicht mehr in die Tür des Profifußballs. Trainer wollte er nach eigener Aussage nie werden. 2003 bekleidete Steinmann für ein halbes Jahr die Funktion des sportlichen Leiters beim CFC. Der gewünschte Erfolg stellte sich aus verschiedenen Gründen nicht ein. "Zurzeit bin ich als Handelsvertreter unterwegs", berichtete Steinmann gestern. Er wirkt zufrieden mit sich und der Welt. Eine Rückkehr ins Fußballgeschäft will er nicht hundertprozentig ausschließen: "Ich bin nicht auf der Suche. Aber wenn sich etwas anbietet, würde ich darüber nachdenken."

Tickets Eintrittskarten für das morgige Abschiedsspiel vom alten Stadion an der Gellertstraße zwischen dem CFC und dem 1. FC Kaiserslautern (Anpfiff: 18.30 Uhr) gibt es in den Shops der "Freien Presse".

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
4Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

  • 0
    1
    Schinderhannes
    18.01.2014

    @woldie

    Die Erfolge von 1954 bis 1963 bleiben unerwähnt. Als die Kommunisten Wismut Aue nach Karl-Marx-Stadt pressten und der „Verein“ Wismut Karl Marx Stadt als Namen trug…
    Das vergesst Ihr sehr gerne...

  • 0
    0
    Interessierte
    17.01.2014

    Der @woldie könnte bestimmt viel erzählen ...

  • 0
    0
    Interessierte
    16.01.2014

    Ja , das sind doch schöne Erinnerungen ;-)
    Und an der Straßenbahn hingen damals viele dran , selbst , wenn sie von der Arbeit kamen und noch mit wollten ;-)

  • 0
    0
    woldie
    15.01.2014

    Heute zum Abschiedsspiel von der Gellertstraße fallen mir viele Spiele ein, die ich als Kind und Jugendlicher ab der 50-er Jahre miterlebt habe. Angefangen vom Verein "Nord", über Chemie Chemnitz / Karl-Marx-Stadt, Motor K.-M.-Stadt, FCK bis zuim CFC. Spieler Wie Wunderlich, Kirbach Haake, Voigtmann,Speck, Hübner, Steinmann u.a. habe ich alle gesehen. Ich war mit 30000 Fans im Stadion, als es um einen Aufstieg ging. Es gab im Winter in der Halbzeit Schneeballschlachten in den Kurven
    und der Bockwurstverkäufer eilte auf der Innenbahn mit seinem mobilen Verkaufsgerät hin und her. Ich war auch beim Europa-Cup-Spiel gegen den RSC Anderlecht als Zuschauer dabei. Leider war das Ausscheiden nicht zu vermeiden.
    Die Fans hingen manchmal am Triebwagen der Straßenbahn außen dran, um in das Stadion zu kommen. Als ich mit einem Schwager per Opel P4 in das Stadion fahren wollte, sprang der Motor nicht an und wir haben die erste Halbzeit mit Anschieben verbracht. Aber dabei waren wir trotzdem.
    Leider kann ich heute aus gesundheitlichen Gründen nicht in das Stadion gehen. Aber an die alten Zeiten denke ich gern zurück.

    Mit freundlichen Grüßen

    Werner Vogel
    Dürerstraße 26
    Chemnitz



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...