Catherina, Katharina!

Am Wochenende begeht Hirschfeld bei Nossen das 800. Kirchweihfest. Die Gemeinde ehrt zugleich Katharina von Bora, die Ehefrau Martin Luthers, die hier geboren worden sein soll. Doch das ist überhaupt nicht sicher.

Hirschfeld.

Jürgen Wagner empfiehlt ein radikales Vorgehen: "Wir müssen mit der Machete rangehen", sagt er. "Man muss die Legenden streichen." Wagner spricht von Katharina von Bora, deren Namen er manchmal "Catherina" schreibt. Manchmal auch Catharina. Viele Fakten aus ihrem Leben sind unbestritten. Dass sie am 29. Januar 1499 geboren wurde. Dass sie als Kind in das Kloster Brehna kam. Dass sie später ins Kloster Nimbschen wechselte und dort am 8. Oktober 1515 das ewige Gelübde als Nonne ablegte. Dass sie - von Martin Luthers Schriften inspiriert - mit weiteren Nonnen aus dem Kloster floh, nach Wittenberg ging, zunächst bei den Cranachs unterkam, schließlich auf Martin Luther traf, ihn heiratete, Kinder bekam ...

Ewige Streitfrage ist, wo Katharina von Bora geboren wurde. In Hirschfeld bei Nossen oder in Lippendorf, einem Ort bei Leipzig, der den Braunkohlebaggern zum Opfer fiel - nicht zu verwechseln mit dem heutigen Lippendorf. Protagonisten der Debatte sind zwei Männer. Der eine, Jürgen Wagner, hat seine Sicht bei Wikipedia durchgesetzt. Im Internetlexikon ist Lippendorf als Geburtsort aufgeführt. Der andere ist Wolfgang Liebehenschel, ein Lu-theride, also ein Nachfahre Martin Luthers. Nachfahre in der 15. Generation. Er sagt mit stolzem Ton, dass "sogar der Brockhaus" seiner Überzeugung nun folgt. "Nun" heißt, dass der jahrzehntelange Eintrag, der Lippendorf als Geburtsort nannte, in der letzten Fassung des Lexikons und auch online verändert wurde. "Hirschfeld bei Altzella (oder Lippendorf)" wird seit 2012 als Herkunftsort genannt.

Reichlich verworren die Sache. Noch verworrener wird sie, versucht man die Theorien zu verstehen, die Katharina entweder hier, in Hirschfeld, oder da, in Lippendorf, verorten. Die beiden Männer sind zudem nicht zimperlich, wenn es darum geht, die Theorie des anderen ins Lächerliche zu ziehen. Nichts weiter als ein Romancier sei Liebehenschel, sagt Wagner. Es sei "einfach 'ne Tatsache, dass sie in Hirschfeld geboren wurde", behauptet Liebehenschel.

Wagner oder Liebehenschel? Lippendorf oder Hirschfeld? Was soll die Gemeinde Hirschfeld tun, die ab heute Kirchweihfest feiert? In dem vor 800 Jahren geweihten Gotteshaus befindet sich ein Gemälde, das den Geschlechterzug der Mergenthaler zeigt, jener Familie, aus der Katharina von Bora stammen soll. So die Theorie von Liebehenschel.

Von Bora - von Mergenthal? An dieser Stelle wird offenbar, warum die Liebehenschelsche Theorie nicht recht plausibel werden kann. Katharina von Bora stamme von einem Rittergut in Deutschenbora. Das gehörte ihrem Vater, Hans von Bora, der sich aber - um eine Verwechslung mit einem anderen Hans von Bora auszuschließen - Hans von Mergenthal nannte. Das kann man glauben oder eben nicht glauben. Urkunden existieren nicht.

Ähnlich guten Willen und genealogisches Talent muss mitbringen, wer der Wagnerschen Theorie folgen will. Eine Urkunde von 1482 erwähnt einen Hans von Bora, einen Edlen und Getreuen auf Gut Lippendorf, was der Vater von Katharina von Bora sei. Dazu eine Katharina, die Mutter. Später, 1505, ist urkundlich ein Jhan von Bora und dessen Frau Margarete als "zu Lippendorf" erwähnt. Wie wurde Hans von Bora zu Jhan von Bora? Ist es ein Johannes? Ist es eine oder sind es zwei Personen? Woher kommt Margarete?

Dieser Namenswandel sei ein Schwachpunkt seiner Herleitung, dass Katharina von Bora aus Lippendorf stammt. Ja, und es sei eine Glaubensfrage, ob Hans und Jhan von Bora ein und dieselbe Person sind. "Ich glaube es", sagt der Ingenieur und Hobbyhistoriker Wagner.

Wie gesagt: verworren, schwer verständlich. Zumal Katharina von Bora sogar Gefahr läuft, von diesem und jenem Zeitgenossen mit Hildegard von Bingen verwechselt zu werden. Sei es drum! Müssen wir den Geburtsort kennen?

Sabine Kramer aus Halle an der Saale ist Theologin. Sie hat über das Leben der Katharina von Bora ihre Dissertation geschrieben. "Ich habe alle schriftlichen Zeugnisse von ihr und über sie analysiert und damit ein zeitgenössiges Bild gezeichnet", beschreibt sie. Während die evangelische Kirchengeschichte Martin Luther seit 500 Jahren erforscht, beschreibt und interpretiert, ist seine Frau erst seit rund 300 Jahren von Interesse. Zunächst war dies kein wissenschaftliches, sondern man wollte die entlaufene Nonne gegen Schmähungen der katholischen Kirche schützen. "Am besten erforschbar waren die Ehejahre. Die 26 Jahre davor sind schwierig. Je weiter es in die Kindheit geht, umso schwieriger wird es, gesicherte Erkenntnisse zu erlangen", sagt die Theologin. Ihr Vorgehen sei aber völlig anders das der Genealogen. Insgesamt bewertet sie die Frage, woher Luthers Frau stammt, als nicht geklärt. "Vielleicht kommt man einmal zu einer schlüssigen These."

Am Samstag wird Kramer den Hauptvortrag beim Kirchweihfest halten. "Der Blick auf das Leben und Wirken der Katharina von Bora hat den Blick auf Martin Luther und sein Wirken verändert." Kramer macht deutlich, warum biografisches Wissen - und sei es noch so lückenhaft - wichtig ist.

Die Ehefrau Luthers gehörte, neben Cranach und Melanchthon, zu den Personen, die die Reformation am Leben gehalten haben. Sie war nicht nur Mutter seiner Kinder, nicht nur Krankenschwester, die ihn bei Schwächeanfällen und Nierenkoliken versorgte und ihm so das Leben rettete. Sie managte nicht nur das Wittenberger Heim, das, man würde heute sagen, einer Herberge glich, einer Mensa, einem Kulturtreff. Vor allem war sie ihm intellektuelle Partnerin. Man sollte zumindest fragen, ob Luther die Bibel ins Deutsche hätte übertragen können, wenn nicht seine Frau dem Volk aufs Maul geschaut hätte. Die gebildete einstige Nonne war ja diejenige, die auf dem Markt Besorgungen machte, mit dem Volk in Kontakt kam. "Um die Reformation zu verstehen, ist es erforderlich, die Biografien ihrer Protagonisten zu kennen. Dabei sind alle Details wichtig, die man finden kann", sagt Kramer.

Ihr geht es noch um etwas anderes. Zu historischen Ereignissen wie der Reformation kann man auf verschiedene Weise Zugang finden: über Daten, über Schriften und Reden, in diesem Falle zuvorderst über die Gedanken Martin Luthers. Doch Theorien sind nicht jedermanns Sache. Einen anderen Zugang ermöglichen Orte. Etwa Luthers Haus in Wittenberg, in dem er über 35 Jahre lebte, zunächst als Mönch, ab 1525 mit seiner Familie. Die ehemaligen Klostermauern, in denen er Vorlesungen vor Studenten aus ganz Europa hielt, atmen geradezu Geschichte. Wieder einen anderen Zugang erhält, wer sich mit Lebenswegen, Lebensgeschichten, Lebensentscheidungen befasst. "Wir können uns fragen: Was hätte ich getan? Das ist ein besonders emotionaler Zugang", meint Kramer.

Diesen Zugang haben viele Hirschfelder. Die Pfarrerin dieses Ortes spricht gar von einem Ortsbewusstsein für Katharina von Bora. Die Gemeinde geht mit der Frage der ungeklärten Herkunft überaus pragmatisch um: Es werden zwei Gedenktafeln angebracht. Auf der einen wird die Herkunft aus Hirschfeld als gesichert formuliert. Da das aber nicht die Zustimmung der Kirche fand, wird diese Tafel nicht an der Kirche angebracht. Hier, am Eingang zum Friedhof, bekommt stattdessen eine Platte ihren Platz, auf der Zurückhaltung angesagt ist: "Hier in Hirschfeld, im Meissnischen Land, wurde 1499 die Ehefrau Martin Luthers, Katharina von Bora, geboren und getauft. Durch heimatgeschichtliche Nachforschungen und einen genealogischen Nachweis wurde dies nach 500 Jahren wahrscheinlich gemacht. Die Herkunft der Katharina von Bora, aus dem Hause Mergenthal, ist in einer Weise identifiziert worden, die wir als überzeugend annehmen können." Die Tafel hat - ob falsch oder richtig - den Segen der Kirche.

Veranstaltung: Die Evangelisch-Luthe-rische Kirchgemeinde Hirschfeld bei Nossen lädt vom 17. bis 19. Oktober zum Kirchweihfest. Höhepunkte: Samstag 10.30 Uhr Einweihung der Lutherloge und Enthüllung der Gedenktafel für Katharina von Bora. Festvortrag von Dr. Sabine Kramer. 11.45 Uhr Kirchen- und Orgelführung. Ab 13.30 Uhr Kinderprogramm. Sonntag 10 Uhr Gottesdienst, Predigt Superintendent Stempel.

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1Kommentare
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  • 1
    0
    20.10.2014

    Notwendige Klarstellung: Es liegt mir fern, die Arbeiten von Herrn Liebehenschel „in Lächerliche“ zu ziehen. Im Gegenteil: seine Publikation von 1999 „Der langsame Aufstieg des Morgensterns von Wittenberg“ ist eine hübsch aufgemachte Studie und Erzählung über die Herkunft der Katharina von Bora, aber eben kein wissenschaftlicher Fachbeitrag, der einer eingehenden Prüfung standhielte. Die dort aufgezeigten Abstammungslinien väterlicherseits wiederholen lediglich eine schon vor 1935 als unzuverlässig abgelehnte Arbeit aus dem Jahre 1883 des Georg von Hirschfeld über die (angeblichen) Beziehungen Luthers und Katharinas von Bora zu seiner Familie. Beanstandet wird an den Vorstellungen von Hirschfelds und Herrn Liebehenschels vor allem, daß es an urkundlichen Belegen für sie mangelt.

    Im 7. Absatz des Artikels wird der Eindruck erweckt, ich sei der Auffassung, die leiblichen Eltern der Katharina von Bora seien der 1482 erwähnte Hans von Bora und "eine Katharina die Mutter". Hier wird mir gerade die althergebrachte Meinung unterstellt, die ich seit Jahren wissenschaftlich zu widerlegen suche. Zumindest wurden die unter www.von-bora.de ersichtlichen Graphiken, die den Forschungsfortschritt zwischen 2005 und 2011 anschaulich machen, nicht berücksichtigt.

    Obwohl ich die Autorin mehrfach auf den kürzlichen Zufallsfund einer bisher unbeachteten von-Bora-Lippendorf-Notiz aus dem Jahre 1500 (vgl. ZMFG 2014 S. 442) hingewiesen hatte, versäumt es der Beitrag leider, zu erwähnen, daß 2010 von mir eine in der reformationsgeschichtlichen Literatur bisher unbeachtete Urkunde aus dem Jahre 1531 veröffentlicht wurde, die Katharina von Bora zwar nicht ausdrücklich erwähnt, aber erklärt, warum die „Lutherin“ so viel Arbeit in das Lippendorf, ihrem wahrscheinlichen Geburtsort, nahegelegene Gut Zöllsdorf steckte. Es war ein „Erbdächlein derer von Bora“ (Luther). Der Beitrag erwähnt leider auch nicht, daß die mutmaßlichen Eltern der Katharina von Bora, nämlich der „gestrenge und feste Hans von Bor zu Lippendorf“ und seine Ehefrau Margarethe, bereits 1500 in einer kürzlich von mir wiederentdeckten Urkunde des Stadtarchivs Sagan/Niederschlesien erwähnt werden, über die bereits 1911 berichtet wurde. Wenn hier auch wieder das alte Problem auftritt, daß die Kanzleischreiber des 16. Jahrhunderts Personennamen häufig nur nach der umgangssprachlichen Übung notierten, kann wegen der Gleichnamigkeit der Ehefrau doch kein Zweifel bestehen, daß der Hans von Bora des Jahres 1500 mit dem Jhan von Bora des Jahres 1505 identisch, aber sehr wohl zu unterscheiden ist von dem Hans von Bora des Jahres 1482. Nur hierauf bezieht sich meine Überzeugung, nicht darauf, daß der Hans von 1482 und der Jhan von 1505 identisch seien, wie der Beitrag vermuten lassen könnte. Ein ernstzunehmender urkundlicher Beleg dafür, daß Katharina von Bora, die „Lutherin“ überhaupt irgendwelche persönlichen Beziehungen zu Hirschfeld bei Nossen hatte, wäre sicherlich ein diskussionswürdiger Fortschritt.
    Jürgen Wagner, Düsseldorf, www.von-bora.de



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