Dem Volk aufs Maul geschaut

Keine Arbeit, mehr Geld! Und: Wir wollen leben wie die Herren! Ist das schon Kommunismus? Annabergs Operettenaus-grabung "Der Obersteiger" stellt Fragen - und gibt die Antworten gleich mit.

Annaberg-Buchholz.

Arbeitskampf in der Operette: Die einen sind Bergleute und Spitzenklöpplerinnen und haben Wut im Bauch. Sie finden, sie sind zu kurz gekommen, und zeigen sich mit Slogans wie "Keine Arbeit, mehr Geld" streikbereit. Die anderen vom Schlage Obrigkeit sind selbstverliebt und hören nicht auf ihr Volk: Carl Zeller war ein kluger Mann, er hat dem Volk aufs Maul geschaut. In der Operette "Der Obersteiger" werden ganz ehrliche, teils auch utopische Wünsche formuliert. "Kanzlisten ins Bergwerk" bedeutet nicht weniger als: Die müssen erstmal arbeiten lernen. Und es ist noch nicht so lange her mit der DDR, da sprach man von: Alle Macht der Arbeiterklasse!

Zellers "Obersteiger" verpackt seine Kritik raffiniert, es funktioniert 1A mit süffigen, fließenden Ohrwurm-Walzern und Polkas im Annaberger Theater unter der musikalischen Leitung von Dieter Klug. Eine Riesenpyramide ist Schauplatz für Arbeitskampf und Zickereien. Das Publikum im vollbesetzten Haus feierte die Premiere des zuletzt sehr selten gespielten Stückes am Sonntag. Man bekommt tatsächlich ordentlich zu lachen, wenn all die prachtvollen Typen ihr Bühnenleben entfalten. Die Operette ist schalkhaft genug, Missstände in der Welt der Bergleute zu benennen und die höheren Chargen aufgrund parasitärer Einstellungen ordentlich zu denunzieren. Trotzdem lässt sie Einsicht in die Ordnung walten.

Rein optisch ist die Inszenierung von Ingolf Huhn ein wahrer Hingucker. Gespart wird an nichts: Zur Riesenbesetzung mit wunderbar agierenden Solisten, feinfühlig arrangiertem und bewegtem Chor, Extrachor und Ballett kommt das Bergmusikkorps "Frisch Glück" Annaberg-Buchholz/Frohnau, das mit heimatlichen Klängen für gute Stimmung sorgt. Die Bühne von Tilo Staude zeigt eine erzgebirgische Pyramide. Szenenbeifall gibt es dafür bereits, als sich der Vorhang öffnet. Die Ausstattung in warmen Naturholz-Tönen und einem illustren Spektrum herrlichster Biedermeier-Kostüme verfehlt ihre Wirkung nicht, sie trägt das Zeller-Panoptikum mit einer Vielzahl schräger Typen auch durch die Untiefen der Operette. Schmal ist der Grat zum Schwank, etwa wenn Leander de Marel als Noch-Ehemann schon Ausschau nach der nächsten hält. Er gibt den geprellten Salonlöwen und amüsiert das Volk mit seinen Einsichten: "Der Bureaukrat thut seine Pflicht von neun bis eins, mehr thut er nicht." Kein Kalauer scheint zu gering, die beiden Büro-Faktoten nehmen sogar Anleihen beim Humor von Herricht und Preil, und die Chose läuft. Und läuft. Und läuft.

Ein Schelmenstück liefert Frank Unger als Obersteiger Martin ("Fahrn wir ein, fahrn wir aus"). Auch wenn die Geschichte manchmal krude wird, Ungers Charme rettet alles bis hin zum fettig schmalzigen "Sei nicht bös". Denn keiner agiert so lausbubenhaft und legt andere so schön rein wie er - sich selbst eingenommen. Madelaine Vogt, Bettina Grothkopf und Bettina Corthy-Hildebrandt sind Prachtweiber, die erste als toughe Nelly ("Schöne Spitzen"), die zweite als herzige Unbekannte ("Als Comtesse hab ich ein Schloss"), die dritte als liebeshungrige Matrone. Gespart wird nicht an Witzen und Annaberger Mundart. Aber wenn Martin sich am Ende ruckzuck mit seiner Spitzenklöpplerin versöhnt, obwohl er sich eigentlich um die schöne Comtesse beworben hat, der Fürst aber die Comtesse kriegt, kommen eher nicht Herzen zu Herzen, dafür Geld zu Geld. Zellers Antwort: Der Versuch war es wert, aber zusammen kommt, was zusammen gehört.

Das Stück

"Der Obersteiger" von Carl Zeller von 1894 spielt im Bergmannsmilieu.

Titelheld Martin ist ein Frauenheld, der sich für unwiderstehlich hält und allen Mädchen gern den Kopf verdreht. Er ist Wortführer der Bergleute, will nicht so viel arbeiten und dafür mehr verdienen. Inkognito unterwegs sind der Fürst als "Lehrling" und eine Comtesse, die Martin zwar gern erobern würde - und dafür Nelly die Spitzenklöpplerin sitzen lässt - die ihn aber nicht will. Am Schluss kommt zusammen, was zusammen gehört: Nelly bekommt ihren Martin, auch Fürst und Comtesse liegen sich in den Armen. Und gearbeitet wird im Bergwerk auch wieder. (mes)

Die nächsten Vorstellungen gibt es morgen, Mittwoch, um 19.30 Uhr sowie am 20. März, 15 Uhr.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...