Der leere Platz auf der Bühne

Im 5. Philharmonischen Konzert in Annaberg-Buchholz war der Kölner Torsten Janicke Dirigent und Solist in einem. Kann das funktionieren?

Annaberg-Buchholz.

Alle Stühle im Orchester sind besetzt, und doch bleibt ein Platz frei. Alle Musiker schauen zum Publikum, keiner wendet den Zuhörern den Rücken zu. Keiner hebt die Hände über den Kopf, um anschließend mit Fingern und Taktstock weite Bögen in die Luft zu malen.

Der Dirigent hat am Montagabend in Annaberg-Buchholz den Taktstock gegen Geige und Bogen eingetauscht. Im 5. Philharmonischen Konzert im Eduard-von-Winterstein-Theater spielte der Kölner Torsten Janicke eine Doppelrolle: Er gab den Taktgeber und den Violinisten. Das ist kein Einzelfall, dennoch bleibt es die Ausnahme. Dem musikalischen Genuss des Publikums tat es am Montag keinen Abbruch.

Das lag einerseits daran, welche Werke für das Konzert ausgewählt wurden. Joseph Haydns Sinfonie Nummer 65 in A-Dur bildete den Auftakt des Abends. Ihre unbeschwert-leichte Stimmung erinnerte an Tänzerinnen, die sich in luftigen Kleidern über eine Frühlingswiese drehen. Diese Atmosphäre fand sich auch im anschließenden Violinkonzert Nummer 4 in D-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart wieder. Jan Vaclav Voriseks Sinfonie in D-Dur rundete das Klangbild schließlich ab. Im ersten Akt Haydns Tonsprache sehr ähnlich, griff sie die Stimmung der vorangegangenen Stücke zunächst auf, um später ins Eilig-Lärmende zu wechseln. Einige Passagen hätten gut eine hastige Flucht in einem Hollywood-Film untermalen können.

Und auch das Spiel der Musiker harmonierte. Die Instrumentalisten setzten Töne, Pausen und Dynamikunterschiede an die richtigen Stellen und im passenden Umfang - obwohl keiner den Taktstock schwang. Stattdessen nutzte Janicke Geige und Bogen, um Takt und Einsätze vorzugeben. Das Instrument unterm Kinn holte er vor den Sinfonien weit mit dem Bogen aus. Mit dem Senken des Bogens gab er gleichzeitig das Anfangszeichen und spielte den ersten Ton. Vor Beginn des Violinkonzerts bog er den gesamten Oberkörper nach hinten, hob Bogen und Geigenhals weit zur Decke. Auch hier gab das Senken von Instrument und Körper den Einsatz. Janickes körperlicher Einsatz war auch während der Stücke spürbar: Vor kraftvollen Passagen atmete der Dirigent und Solist laut vernehmbar ein, als wolle er nicht Violine spielen, sondern zum Gesang ansetzen.

Das Publikum dankte Janicke seinen Einsatz mit Bravo-Rufen. Schade nur, dass sich in leiseren Passagen und musikalischen Pausen oftmals ein Pfeifen der Lautsprecher in die Ohren der Zuhörer drängte.

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