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Idylle auf Eis in der Nähe eines Dorfes in den Niederlanden. Ausschnitt aus dem Bild "Eine Winterszene". Es stammt von Hendrick Avercamp (1585-1634).

Foto: imago/United Archives International

Die eiskalte Zeitenwende

Ein Klimawandel im 16./17. Jahrhundert, die "Kleine Eiszeit", hatte gravierende Folgen für die Wirtschaft in Europa und für das Denken der Menschen. Welche Lehren kann man daraus für die Gegenwart ziehen? Der Historiker und Philosoph Philipp Blom sucht in seinem Buch nach Antworten.

Von Stephan Lorenz
erschienen am 20.04.2017

Chemnitz. Das Schicksal der Rebekka Lemp aus dem süddeutschen Nördlingen war tragisch. Sie endete 1590 als Hexe auf dem Scheiterhaufen. Dabei war sie die angesehene Frau des Zahlmeisters einer wohlhabenden Stadt. Nützte alles nichts. Man beschuldigte sie, für die Zerstörung der Ernten, für schlechtes Wetter mit Hagel und für Schneefall im Sommer verantwortlich zu sein. Kein Zufall: Vor allem im deutschsprachigen Raum führten die Ernteausfälle und die Angst vor Hungersnöten zur Massenhysterie in Form von frühneuzeitlicher Hexenverfolgung.

Lange Winter und kurze, kühle Sommer - in der Natur hatte sich etwas verändert, das spürten die Zeitgenossen. Sie interpretierten die dramatischen Wetterkapriolen als eine Strafe Gottes. "Etwas Bedrohliches war im Gange", konstatiert Autor Philipp Blom in seinem neuen Buch "Die Welt aus den Angeln". Ende des 16. Jahrhunderts war die Themse bis nach London hinein so dick zugefroren, dass Marktstände auf dem Eis errichtet werden konnten, berichteten Zeitgenossen. Tiefer Schnee bedeckte auch Teile Italiens und Spaniens. Europa war ein eisiges Reich. "Gott zeigt uns seinen Zorn, indem er uns ewige Winter schickt, den wir zu Hause in Kälte und mit den dicksten Pelzen zu fühlen haben," schrieb 1590 Conte Marco Antonio Martinengo auf seinem Stammgut im italienischen Brescia.

Was passiert in einer Gesellschaft, wenn sich das Klima ändert? Was bricht zusammen, und was wächst? Der in Wien lebende Autor schaut zurück und hat eine Geschichte der "Kleinen Eiszeit" in Europa von 1570 bis 1700 geschrieben. Eine Fallstudie, die die Geburt der modernen Welt mit dem damaligen Klimawandel verbindet. Ein faszinierendes Panorama einer ganzen Epoche. "Es ist unglaublich, wie sehr sich die europäischen Gesellschaften zwischen 1600 und 1700 innerhalb von drei Generationen verändert haben", bilanziert Blom. "Eigentlich ist es ein Naturgesetz: Wenn sich unsere Umweltbedingungen ändern, müssen auch wir uns ändern. Und jetzt sind wir wieder in einer Zeit, die auf einen großen Klimawandel zugeht."

Die "Kleine Eiszeit" war eine Periode relativ kühlen Klimas, die mit regionalen und zeitlichen Schwerpunkten weltweit auftrat. Häufig gab es sehr kalte, lang andauernde Winter und niederschlagsreiche, kühle Sommer. Was dazu führte, dass die Natur damals derart aus den Fugen geriet, ist bis heute nicht vollends geklärt: "Es gibt inzwischen aber eine lange Reihe von Forschungsarbeiten, die zeigen, dass die 'Kleine Eiszeit' vor allem durch gehäufte Vulkanausbrüche, zum Teil auch durch die geringere Sonnenaktivität verursacht war. Zusätzlich spielten dabei Änderungen der Zirkulation von Atmosphäre und Ozean eine Rolle, vor allem über dem nördlichen Atlantik", so Georg Feulner vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung. Er schätzt, anders als Blom in seinem Buch, dass es im Mittel nur einige Zehntelgrad kühler als im Mittelalter war. "Saisonal und regional war es aber auch kälter", so Feulner weiter. So wie der Winter von 1607/1608 in den Niederlanden, der nach zeitgenössischen Quellen kälteste seit Menschengedenken.

Der Unterschied zur Gegenwart? Feulner: "Der Klimawandel heute, der keine Kälte, sondern eine rasante Erderwärmung mit sich bringt, wird dagegen eindeutig von menschlichen Treibhausgasemissionen verursacht. Die globale Abkühlung damals ist gering im Vergleich zur derzeitigen Erwärmung von etwa einem Grad gegenüber vorindustriellem Niveau."

Kalt genug war es damals jedenfalls für die Entstehung eines neuen Genres in der Malerei: Niederländische Maler von Pieter Brueghel der Jüngere. bis Hendrick Avercamp entdeckten die Winterlandschaften. Männer mit Straußenfedern auf dem Hut, Frauen mit Spitzenhauben, Herrschaften beim Betteln oder mit dem Eishockeyschläger in der Hand, auf Schlittschuhen oder Pferdewagen - Avercamps Gemälde "Winterlandschaft" von 1608 zeigt das Leben, versammelt auf den zugefrorenen Grachten Amsterdams. Ein Gemälde als Allegorie: Die Eiszeit traf alle, egal ob reich oder arm, jung oder alt. Die Museen sind heute voll mit Winterlandschaften und Eislaufsujets aus der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts.

Idyllisch, wie die Maler das gesellschaftliche Treiben darstellten, war es selten. Wie Blom in seinem Buch zeigt, brachte die Abkühlung nicht nur mehr Kälte, sondern wirbelte auch die Strömungen der Ozeane und die klimatischen Kreisläufe durcheinander, was dazu führte, dass Europa von extremen Klimaereignissen heimgesucht wurde. Mit dramatischen Folgen. Die Antworten der Menschen darauf wandelten sich: Die religiösen Erklärungen verloren immer mehr an Plausibilität. Die Menschen begannen, die Lösungen in der Natur zu suchen. Botaniker probierten neue Anbaumethoden aus, experimentierten mit Kartoffeln und Tomaten. Ihre Erkenntnisse wurden europaweit publiziert. "Das war ein Modernisierungsschub durch Wissen", stellt Blom fest. Im Mittelalter waren es allein die Mönche, die miteinander diskutierten und lesen konnten. Jetzt entstand in den Städten ein öffentlicher Raum für Debatten und Wissenschaft.

Die Geistesgeschichte erfand sich neu. In der Abkehr von alten theologischen Naturdeutungen erkennt Blom auch einen Anpassungsprozess an das kalte Klima. Die moralischen Botschaften von Apokalypse und Gottesstrafe wurden in Zweifel gezogen. Gottgefälliges Handeln erklärten Intellektuelle wie der französische Philosoph und Mathematiker René Descartes, der in den Niederlanden wirkte, oder auch Pierre Bayle für überholt. Es ist der Beginn des Rationalismus und der Aufklärung. Bayles wichtigstes Werk, das "Dictionnaire historique et critique", beeinflusste Generationen von Geistesgrößen. In dieser Zeit (1632 - 1677) lebte auch der niederländische Philosoph und Linsenschleifer Baruch de Spinoza. Der Niederländer, als "Antichrist" angefeindet, gilt als Begründer der Bibelkritik und als einer der Vordenker der Aufklärung. In seiner langen geistesgeschichtlichen Betrachtung verirrt sich Blom allerdings etwas, der Klimawandel jener Zeit rückt aus dem Blickfeld.

Ganz anders beim Thema Landwirtschaft, die sich in den Jahrhunderten zuvor kaum verändert hatte. Hier waren die Auswirkungen am einschneidendsten. Kurze und verregnete Sommer führten periodisch zu katastrophalen Missernten in der Getreide- und Weinproduktion, vor allem in den Gesellschaften der Alpenregionen und der nördlichen Teile Europas. Die soziale Ordnung und das Wirtschaftssystem wurden aus den Angeln gehoben. Die Missernten kurbelten den Handel mit Getreide stark an und führten etwa zur Abschaffung der gemeinschaftlich geführten Almenden (Weiden oder Anger) für die Ärmsten sowie zur Umstellung auf weniger riskante Viehwirtschaft. Die Folge: Verelendung und Vertreibung Hunderttausender Kleinbauern in die Städte.

Europa erfand laut Blom ein neues Rezept, um mächtig zu werden: Kapitalismus und Wirtschaftswachstum. Er bezieht sich dabei auf die "große Transformation", die der Wiener Ökonom Karl Polanyi beschrieben hatte. Das Ziel wirtschaftlicher Aktivität lag in ständischen Gesellschaften vorrangig im Statuserhalt, in Ehre und Kapital. Doch im 16. und 17. Jahrhundert ändert sich das. Kaufmännisches Handeln dynamisiert das Marktgeschehen, weil es den finanziellen Gewinn und sozialen Aufstieg zum Ziel hat. Anders als der feudale Adel orientiert sich der Kaufmann am Profit. Alles beruhte aber auch auf Ausbeutung. Denn Spanier, Portugiesen, Niederländer und Briten eroberten die Welt, gründeten Kolonien, raubten Gold und Sklaven. Kaufleute wurden die Agenten der Globalisierung. Amsterdam, zuvor eine kleine, unbedeutende Stadt, importierte Getreide aus dem Baltikum und verkaufte es im hungernden Europa.

Blom arbeitet die Klimaveränderung als Katalysator des sozialen Wandels heraus - ohne andere Faktoren wie zum Beispiel die Folgen des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) zu ignorieren. Auch seien simple Übertragungen auf heute nicht angebracht. "Tatsache ist, dass der Klimawandel in einer globalisierten Welt auch ganz andere globalisierte Auswirkungen hat."

Vergleichbar sei lediglich, so lautet sein pessimistisches Resümee, dass wir, obwohl "wir die erste Generation der Menschheit sind, die eine relativ gute Vorstellung von den Konsequenzen ihres Handelns hat, nicht viel dagegen tun". Immer mehr Wachstum, immer mehr Ausbeutung: Für Blom stößt dieses Rezept heute an seine Grenzen. "Genau jene Strategien, die sich während der ,Kleinen Eiszeit' entwickelt haben, sind Ursache für den nächsten, den heutigen Klimawandel." Sind wir heute wirklich klüger als die Menschen im Europa des 17. Jahrhunderts? Philosoph Blom hegt starke Zweifel.



Foto: Carl Hanser Verlag

Das Buch Philipp Blom: "Die Welt aus den Angeln":

Carl Hanser Verlag München, 2017. 304 Seiten. 24 Euro. ISBN 978-3-446-25458-9.

 
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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