Frühlingserschlaffen

Warum suchen wir so gern den Rausch und finden ihn so oft im Drogenkonsum? Ein Leipziger Theaterstück will die Antwort ertanzen.

Leipzig.

Der Höllentrip beginnt mit Olivia Newton-John. "Xanadu" bescherte der Musical-Ikone in den 1980er-Jahren einen Nummer-Eins-Hit. Jetzt trällern sechs Schauspieler und Tänzer das Lied vom Land der Millionen Lichter, wo die Freude groß, Besorgnis klein und jeder ein Star ist. Langsam, ganz langsam nur, wird das Licht kälter, die Musik leiser, was am Ende bleibt, ist das Rumpeln der Straßenbahn und metronomisches Ampelklicken. Der Alltag ist zurück und der Spaß vorbei.

"Crystal - Variationen über Rausch" heißt das Theaterstück, das vergangene Woche am Theater der Jungen Welt Premiere feierte. Im Zentrum steht die Droge, ihre so beglückende wie verheerende Wirkung und die Frage, warum so viele junge Menschen sich in ihr zu verlieren drohen - verlieren wollen.

Hunger nach Leben

Erstmals aufgeführt wurde die Koproduktion mit der Stiftung Bayer Kultur in Leverkusen, doch die Leipziger Regisseurin und Choreografin Heike Hennig lässt keinen Zweifel daran, dass das Stück nach Sachsen gehört. Vor allem in Mitteldeutschland hat die Droge Crystal Meth in den vergangenen Jahren ihr zerstörerisches Potenzial offenbart. Der Grund ist die lokale Nähe zu Tschechien, wo die Kristalle billig hergestellt werden. Für die Proben arbeiteten die Theatermacher eng mit Schulklassen aus Leipzig und Crystal-Abhängigen zusammen.

Früher gab es das Buch "Wir Kinder von Bahnhof Zoo", heute gibt es die Fernsehserie "Breaking Bad". Drogen, selbst so zerstörerische wie Heroin oder Crystal Meth, sind Popkultur. Das High hat schon immer fasziniert, weil es für Hunger nach Leben steht. Für den Wunsch, dem Gestern und Morgen den Rücken zu kehren. Wenn Tänzerin Nuria Höyng im weißen Tutu, glitzernd von Kopf bis Fuß, die Bühne abschreitet, betörende Discoqueen, eine kristallene Göttin der Lust und Entgrenzung, zu deren Füßen sich die Welt verzehrt, ist ein Bild gefunden, dass jeder versteht. Nur gibt es eben keinen Flug ohne Landung.

Alltag voller Scharmützel

"Küss mich! Kotz! Bring den Müll raus! Schnauze! Sei schön! Mach mit! Omas Geburtstag!" Immer schneller feuert Ensemble-Mitglied Anna-Lena Zühlke die Imperative ab, während die anderen hinter ihr zum Sound von Gewehrsalven zucken, taumeln, fallen. Während des Zweiten Weltkrieges sollte Crystal Meth unter dem Namen "Pervitin" oder "Panzerschokolade" Soldaten zu willfährigen Kampfmaschinen machen, wurde später schwermütigen Hausfrauen verschrieben - das Heilmittel für Angst und Zweifel hat über Jahrzehnte euphorisiert und zerstört. Und heute ist da der Alltag mit seinen vielen kleinen Scharmützeln: fordernde Lehrer, Eltern, mobbende Mitschüler.

Crystal, das macht die Regisseurin klar, ist keine Plage, die aus heiterem Himmel über uns und unsere Kinder gekommen ist, sondern eine Droge, die sich nicht grundlos durch alle Schichten unserer Leistungsgesellschaft gefressen hat. Hennigs Tanztheaterstück ist eine Tour de Force, ein chemisch modifiziertes Frühlingserwachen voll schmerzlicher Körperlichkeit, das den Rausch, das Runterkommen, die Sucht physisch und psychisch erfahrbar macht. Abschreckender als jede Schockbilder-Broschüre, ehrlicher als jeder erhobene Zeigefinger.

Vorstellungen im Leipziger Theater Der Jungen Welt: 7.3. 11 Uhr, 29.3. 19.30 Uhr, 31.3. 11 Uhr, 1.4. 11 und 19.30 Uhr. www.tdjw.de

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...