Kaiserspiele im Naturtheater

"Sissy" ganz bezaubernd: Das Winterstein-Theater beschwört mit der Operette von Fritz Kreisler eine rauschende Ära herauf. Zu erleben ist der vollendete Einsatz eines Riesenensembles.

ehrenfriedersdorf.

Neu ist der Stoff nicht, mit dem das Winterstein-Theater aktuell auftrumpft: Mit "Sissy" verbindet sich der kometenhafte Aufstieg der sagenhaften Romy Schneider und eine geradezu märchenhafte Verklärung der historischen Figur der Elisabeth (1837- 1898), die Kaiserin von Österreich wurde. Sehen möchte man das immer wieder. Selbst an so kühlen Sommerabenden (bitte reichlich Daunen mitbringen) vermag das Ensemble des Winterstein-Theaters die Naturbühne Greifensteine in fürstliche, ja kaiserliche Gefilde zu verwandeln. Zum Entzücken des Publikums im gut gefüllten Areal (1200 Plätze) fehlt offensichtlich nichts, was Spaß macht und der elitären High Society aufs Maul schaut.

Da ist zuerst die großartige Musik im Wiener-Walzer-Stil von Fritz Kreisler (1875-1962), der selbst ein begnadeter Geiger war und als jüdischstämmiger Künstler das Schicksal vieler Zeitgenossen teilen musste. Er floh vor der Naziverfolgung in die USA und betrat nie wieder europäischen Boden. Seine Operette von 1932 blieb als Garant für gute Unterhaltung zurück. Eingespielt von der Erzgebirgsphilharmonie im Halbplayback-Verfahren - gesprochen und gesungen wird natürlich original, - wartet das Stück mit seligen Walzern, frechen Polkas, geharnischtem Galopp auf und betont doch immer wieder das Feine, Elegante ihrer Entstehungszeit.

Vom Unterhaltungsaspekt profitiert auch die Inszenierung von Urs Alexander Schleiff, der mit einem großen, spielfreudigen Ensemble arbeiten konnte. Sowohl Sänger als auch Schauspieler, Chor und Ballett sowie wunderbare wie unvermeidliche Pferde stemmen die Chose. Das Auge wird verwöhnt von herrlichen Kostümen. Erika Lust hat das Ensemble aufwendig in Tüll und Seide in Pastell gepackt und die Herren standesgemäß gekleidet, wobei der Übergang vom ländlichen, freizügigen bayerischen Possenhofen hin zur steifen Wiener Hofetikette sehr hübsch ist.

Gespielt wird das Stück über gut zwei Stunden ohne Pause. Dabei lassen die Künstler nichts anbrennen, auch wenn manche Texte besser ganz schnell wieder vergessen werden sollten, etwa "So marschieren die bayerischen Soldaten ...", wozu die Kinderschar von Herzog Max in Bayern mit dem netten Papa "links, zwo, drei, vier" freudig über die Bühne trampelt. Spannend wird es, wenn Wittelsbacher Freisinn gegen Habsburgischen Standesdünkel ins Feld ziehen. Es sind die witzigen, menschelnden Dialoge auf allen Spielebenen, die das Stück unter Spannung halten. Ausgereizt werden sie bis zum herzhaften Klamauk. Nichts fehlt, was Spaß macht. Hier zeigt sich bestes schauspielerisches Handwerk, denn man ist nicht einfach nur ein bisschen komisch und tanzt auf dem Tisch, sondern lässt es richtig krachen, zeichnet punktgenau und mit Freude zum Detail die liebenden, leidenden, aufmüpfigen und dienstbeflissenen Helden. Da ist natürlich zuerst Publikumsliebling Leander de Marel in der Rolle des kalauernden Max in Bayern, der sich für keinen Gag zu schade ist, der seine ehrgeizige Luise (wundervoll zickig Bettina Corthy-Hildebrandt) liebevoll umgarnt und trotzdem Freigeist und Vorstand seiner großen Rasselbande bleibt. Er badet freizügig und trinkt gern mal ein deftiges Bier. Nicht weniger spannend ist der überaus talentierte Oberst von Kempen. Jason-Nandor Tomory liefert hier ein exzellentes Kabinettstück, reizt seinen leicht deppen Oberst bis zur Karikatur aus, klettert besoffen den Fels hinauf, stolpert auf allen Vieren und schafft dennoch die Balance zu einem liebevollen Kerl, der nicht gänzlich auf den Kopf gefallen ist, was seine schöne Liebste, die Tänzerin Ilona (Bettina Grothkopf) betrifft.

Gesungen wird hervorragend. Solcherart trägt ein spielfreudiges Solistenensemble die Spitzenpartien mit Helene (Madelaine Vogt) und Sissy (Therese Fauser), die eine jung verliebt in den Prinzen von Thurn und Taxis (Frank Unger), die andere freimütig ganz Vaters Tochter, verspielt und von direkter Wortwahl, ein Naturkind. Dem kann Franz Josef, Kaiser von Österreich, nicht widerstehen: Christian Härtig bleibt ein souveräner Royal, der so gar nichts Komisches mitbringt. Gefahr, mit "Sissy" ganz und gar aus der Welt zu fallen, droht nicht: Zu menschlich sind die Hoheiten.

Das Stück

Fritz Kreislers Operette "Sissy" war die Vorlage für die "Sissi"-Filme mit Romy Schneider in der Titelrolle. Kaiser Franz Josef soll heiraten, so plant seine Mutter, und zwar seine Cousine Helene. Doch die liebt Prinz von Thurn und Taxis. Die jüngere Schwester Elisabeth, genannt Sissi, ist ein rechter Wildfang. Sie verliebt sich in den Kaiser und sorgt damit für Verwirrung am kaiserlichen Hof. (mes)

Nächste Aufführungen am 21., 30. August, 3. September, jeweils 15 Uhr; am 24. August, 17 Uhr - im Naturtheater Greifensteine.

www.winterstein-theater.de

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