Küchengruß eines Schriftstellers

Autor und "Süddeutsche"-Redakteur Bernhard Blöchl betreibt im Internet ein Museum der schönsten ersten Sätze in der Literatur und sammelt auch kuriose Fundstücke ein

Wie beginnt man einen Text, der von den schönsten ersten Sätzen eines Textes erzählen soll? Eigentlich nicht mit einer Frage. Zu spät. Also gleich die zweite hinterher: Muss man den Satz "Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden" lieben? Ja, sagt Bernhard Blöchl, Schriftsteller und Redakteur der "Süddeutschen Zeitung". Und so hat er diesen Romananfang von Nabokovs "Lolita" in sein im Internet beheimatetes Museum der schönsten ersten Sätze gestellt. Sätze, die am Anfang eines Buches stehen und den Leser bei der Stange halten sollen. So findet sich in dem Museum auch Hemingways trauriger Einstieg mit dem alten Mann, Hesses Anfangsschlangensatz aus dem "Steppenwolf" und Harald Schmidts verführerische Konstruktion, die im zweiten Satz eine jähe Kehrtwende vollzieht. Katharina Leuoth und Bernhard Blöchl haben sich über tatsächlich und vermeintlich schöne Sätze, über sensationelle Fehler in ihnen und den Mann, dem die Lenden brennen, in E-Mails ausgetauscht.

Freie Presse: 2013 wurde Ihr erster Roman "Für immer Juli" über die Befindlichkeiten eines Mannes veröffentlicht. Wie lang hat es gedauert, bis der erste Satz stand - und haben Sie dabei verflucht, öffentlich in Ihrem Museum auf die Schönheit erster Sätze zu pochen?

Bernhard Blöchl: Die Wahrheit ist: Ich fand es lustig, einen Männerroman mit Alice Schwarzer zu eröffnen. Also beginnt mein Buch mit den Worten: "Alice Schwarzer wäre stolz auf mich, aber das hilft mir jetzt auch nicht weiter, denn Emma ist weg." An dem Satz habe ich erwartungsgemäß länger gefeilt, als es dem Schreibfluss guttut. Aber die Ansprüche, die ich an andere Autoren und deren Romaneinstiege habe, sollen auch für mich gelten. Im Idealfall spiegelt sich ja im ersten Satz der Kern der Geschichte, das ist schon knifflig. Geflucht habe ich nicht, Satzkosmetik ist meine Lieblingsbeschäftigung beim Schreiben.

Warum haben Sie das Museum der schönen Sätze eingerichtet?

Für erste Sätze habe ich eine Schwäche, seit ich Bücher lese. Sie sind der Küchengruß des Schriftstellers, das euphorische Hallo aus der Schreibkammer. Gelingt ein vollmundiger Appetithappen, beißt der Leser an. Wenn nicht, vergeht ihm der Hunger. Vor fünf Jahren, in einer Phase, als ich selbst das literarische Schreiben für mich entdeckte und mit Blogs herumexperimentierte, hab ich Lieblingssaetze.de gegründet. Daraus ist ein virtuelles Museum gewachsen, das Autoren und Wörterfreunde motivieren und inspirieren soll. Tut gut in Zeiten digitaler Verknappung und Online-Sprech!

Würden Sie bitte drei Ihrer liebsten ersten Sätze von anderen Autoren nennen und erklären, warum sie beispielhaft für einen schönen ersten Satz stehen?

Puh, das ist schwierig, es gibt so viele gute! Natürlich kommen mir da sofort meine Lieblingsautoren in den Sinn. Einem ist es gelungen, mit seinem ersten Satz quasi in Serie zu gehen: "Jetzt ist schon wieder was passiert." So beginnen viele Wolf-Haas-Krimis. Das ist so unverschämt direkt und salopp, ich mag dieses Hopplahopphafte sehr, sehr gern. Überhaupt, die Österreicher, die haben ja gern einen ziemlich forschen Ton. Heinrich Steinfest zum Beispiel eröffnet einen seiner frühen Romane mit den tollkühnen Worten: "Ihre Beine waren zu dick." Wer da nicht weiterliest, dem kann ich auch nicht helfen. Darüber hinaus stehe ich total auf längere Konstruktionen, vorausgesetzt, Melodie und Rhythmus nehmen einen Huckepack. Und wenn dann noch das Sprachgenie eines Tom Robbins mit den wohl wahnwitzigsten Metaphern unserer Zeit durchscheint, ist das wie die Freude über die Leibspeise mit einem viel zu teuren Lieblingswein. Bitte lassen Sie sich das auf der Zunge zergehen: "Im letzten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts, einer Zeit, in der die westliche Zivilisation zu rasch zur Neige ging, um es sich wohlsein zu lassen, und doch wieder zu langsam, um richtig aufregend zu sein, hockte fast alle Welt auf der Kante eines immer teurer werdenden Theatersessels und wartete - je nach persönlicher Neigung - in Furcht, Hoffnung oder Langeweile darauf, daß etwas Bedeutsames passierte."

Einverstanden, zergeht auf der Zunge wie schmelzender Nougat. Aber in Ihrem Museum findet sich auch der erste Satz aus Hemingways "Der alte Mann und das Meer": "Er war ein alter Mann, der allein in einem kleinen Boot im Golfstrom fischte, und er war jetzt vierundachtzig Tage hintereinander hinausgefahren, ohne einen Fisch zu fangen." Wieso gefällt Ihnen dieser Satz? Er ist so niederschmetternd! Ich habe das Buch - nachdem ich es guten Willens drei- mal aus dem Schrank meines Großvaters gezogen und aufgeklappt hatte - wieder zurückgestellt. Muss man den Leser nicht ein bisschen sachter zu dieser Dramatik hinführen?

Wie der Autor den Leser wo hin auch immer führt, das muss man schon dem Autor selbst überlassen, finde ich. Ich persönlich mag den Satz, weil ich als Leser die Traurigkeit, die dabei mitschwingt, ergründen will. Der Typ ist alt, sein Boot ist klein, der Fischfang klappt nicht mehr, dennoch fährt er Tag für Tag raus. Also meine Sympathien hat er schon nach ein paar Wörtern.

Auch bei diesem ersten Satz erschließt sich mir die Schönheit nicht so recht: "Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden" aus Nabokovs "Lolita". Er trieft vor Pathos und riecht nach einem alten Mann, der sich maßlos überschätzt. Welche Einwände machen Sie geltend?

Gegenargument: Schönheit ist immer subjektiv. Im Museum möchte ich auch die Vielfalt zeigen, wie wunderbare Sätze gestrickt sein können. Wer hier nichts in den Einstieg hereininterpretiert, erkennt zunächst den poetischen und rhythmischen Glanz. Sprechen Sie den Satz einmal laut und langsam aus und beobachten Sie, welche Bewegungen ihr Mund dabei macht. Allein schon das Wort Lo-li-ta. Da schnalzt die Zunge! Ganz abgesehen davon macht er neugierig. Wer ist Lolita, die den Erzähler da so, sagen wir: fasziniert? Wer ist der Erzähler? Das will ich schon wissen, Sie nicht?

Ich habe das Buch gelesen, aber wenn ich nur nach dem ersten Satz gegangen wäre, wäre es ein Hemingway-Fall geworden. Noch ein Beispiel: Warum funktioniert dieser Museums-Satz, obwohl er Schlangen-lang ist und Journalisten in der Ausbildung eingetrichtert wird: Keine zu langen Sätze bilden! Also: "Der Tag war vergangen, wie eben die Tage so vergehen; ich hatte ihn herumgebracht, hatte ihn sanft umgebracht, mit meiner primitiven und schüchternen Art von Lebenskunst; ich hatte einige Stunden gearbeitet, alte Bücher gewälzt, ich hatte zwei Stunden lang Schmerzen gehabt, wie ältere Leute sie eben haben, hatte ein Pulver genommen und mich gefreut, daß die Schmerzen sich überlisten ließen, hatte in einem heißen Bad gelegen und die liebe Wärme eingesogen, hatte dreimal die Post empfangen und all die entbehrlichen Briefe und Drucksachen durchgesehen, hatte meine Atemübungen gemacht, die Gedankenübungen aber heut aus Bequemlichkeit weggelassen, war eine Stunde spazieren gewesen und hatte schöne, zarte, kostbare Federwölkchenmuster in den Himmel gezeichnet gefunden." Aus Hesses "Der Steppenwolf".

Große Kunst entsteht doch meistens dann, wenn man die Regeln zwar kennt, sie aber später nach Herzenslust wegignoriert. Lange Sätze können so packend sein, alles fließt, mit langem Atem, schwappend wie die schaumweichsten Wellen. Keine Frage, die Gefahr, sich zu verzetteln, ist groß. Aber Hesses Einstieg ist schlicht genial, weil er gerade nicht schlicht ist. Dieser einzigartige Rhythmus, da passt jedes Wort. Streichen Sie eins, und die Schönheit bricht in sich zusammen. Ich behaupte mal, dass die wirklich guten Autoren oft auch eine gewisse Musikalität haben.

Muss man aber nicht auch sagen, dass man sich mit dem ersten Satz verrückt machen und auch zu hohe Erwartungen des Lesers schüren kann? Das bringt Harald Schmidt mit diesen zwei ersten Sätzen aus seinem Buch "Tränen im Aquarium" auf den Punkt: "Diesmal kamen die Architektengattin und ich fast gleichzeitig, sie schrie noch lauter als beim ersten Mal, aber als sie ihren Rock glatt streifte und wir aus der Küche zurück zu den anderen gingen, hatte keiner etwas bemerkt. Dieser Satz hat nichts mit dem folgenden Kapitel zu tun, aber William Faulkner hat angeblich gefordert, der erste Satz eines Buches müsse so sein, daß der Leser gezwungen sei, weiter zu lesen."

Ha, das kann gut sein! Man kann sich damit tatsächlich verrückt machen. Aber das oberste Gebot als Autor muss immer sein: Du sollst nicht langweilen! Wolf Haas, den ich wirklich sehr schätze, hat einmal zu mir gesagt: Man müsse den Leser immer ein bisschen verzaubern, damit er nicht davonrennt. Recht hat er. Belanglose Sätze gibt es überall, das Besondere aber muss man suchen. Und klar: Der Zauber sollte nach dem Einstieg nicht allzu stark nachlassen, damit Erwartungen nicht enttäuscht werden.

In Ihrem Museum listen Sie auch Fundstücke auf, etwa den Schreibfehler im ersten Satz einer deutschen Übersetzung des Buches "Straße der Wunder" von John Irving. Da heißt es: "Hin und wieder legte Juan Diego Wert darauf klarstellen: ..." Lektoren, Korrektoren - alle haben überlesen, dass es "klarzustellen" heißen muss.

Das ist wirklich eine kuriose Sache, die ich so bisher noch nicht gesehen habe. Bei einem so wichtigen Buch! In der deutschen Übersetzung! Im ersten Satz! Ei, ei, ei. Aber wo Menschen wirken, da passieren Fehler, so ist das nun mal. Trotzdem hab ich zunächst meinen Augen nicht getraut, als ich den Fehler entdeckte. Mein erster Gedanke war: Hab ich zu viel Wein getrunken?

Übrigens: Auf Ihrer Internetseite steht unter dem Punkt "Schreibseminare", die Sie anbieten, der Satz "Den Eigenen Roman zu schreiben, ist viele ein Lebenstraum." Ist da ein doppelter Boden eingebaut oder sind das zwei Fehler im ersten Satz?

Das steht da wirklich? Nicht im Ernst, oder? Da waren natürlich Hacker am Werk, anders kann ich mir das nicht erklären. Oder waren Sie das? Zum Glück sind Webseiten viel wandlungsfähiger als Romane. Wenn Ihre Leser das also überprüfen wollen, werde ich die Fehler längst ausgebessert haben. Aber mal ehrlich: Schlampereien wie diese machen mir schlechte Laune. Das haben Sie nun davon, viel Spaß mit den weiteren Fragen ...

Na da kommen wir mal zum Thema Fehleinschätzung: Welches Buch haben Sie für seinen ersten Satz gekauft und waren enttäuscht?

Ein bisschen war das tatsächlich bei der Bibel so. Ich meine, der Beginn der Genesis ist schon sehr furios: "Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde." Was danach kommt, nun ja, sagen wir mal so: Es gibt stärkere Plots mit sympathischeren Figuren ...

Und welches Buch ist besser als sein erster Satz?

Nehmen wir Robert Gwisdeks Wahnsinns-Trip "Der unsichtbare Apfel", ein in jeder Hinsicht grenzensprengender Roman und unbedingt lesenswert, beginnt sehr verhalten, geradezu banal: "Igor war ein unkonzentriertes Kind."

In Ihrem Museum finden sich auch schöne Zeilen aus Songs. Sie haben die Chemnitzer Vorzeige-Band Kraftklub verewigt mit Zeilen aus dem Lied "Zu jung": "Und ich langweile mich, wo zum Teufel bleibt die Action? Bei euch starb Kurt Cobain, bei uns ein bleicher Michael Jackson." Warum haben Sie das gewählt? Ich finde die Zeile "Unsre Eltern kiffen mehr als wir, wie soll man rebellieren? Egal wo wir hinkommen, unsre Eltern warn schon eher hier" fast besser.

Auch eine steile Zeile, keine Frage. Aber als Kurator muss ich mich entscheiden, und vielleicht war es der lustige (Nicht-)Reim von Jackson auf Action, ja, es waren wohl diese Tsch-isch-Laute, die mich inspirierten.

Steht schon der erste Satz Ihres zweiten Romans?

Selbstverständlich! Ohne den ersten Satz zu haben, kann bei mir keine Geschichte wachsen. Er ist die Zündschnur, oder besser: der Anlasser des Schreibmotors. Meine Roadnovel, die 2017 erscheinen wird, ist inzwischen fertig. Sie soll mit dieser Zeile in Fahrt kommen: "Am Ende des Regenbogens beginnen die Probleme."

Gedrucktes, Gesendetes, Gelesenes, Geschriebenes - die Welt eines Sätze-Sammlers

Bernhard Blöchl, Jahrgang 1976, ist Journalist und Autor und lebt in München. Er hat Journalistik studiert und wurde an der Deutschen Journalistenschule zum Redakteur ausgebildet. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet er hauptsächlich für die "Süddeutsche Zeitung" (SZ), seine Themen sind Pop, Film und Literatur. Seit diesem Monat ist er Redakteur bei der "SZ" und als stellvertretender Teamleiter für die Ressorts Kultur in München und Bayern sowie "SZ Extra" zuständig.

Er zählt sich zu der Autorengeneration, die das Schreiben zwar offline lernte, sich aber auch online nicht zurückhält. Er mag Gedrucktes, Antiquariate, Blogs und Social-Media-Spielereien. Unter der Internetadresse Lieblingssaetze.de hat er ein Museum der schönen Sätze eingerichtet. Dort finden sich Romananfänge und Songzeilen, die Blöchl als besonders famos herausstellt und entsprechend kommentiert. Es gibt zudem kuriose Fundstücke und Gastkommentatoren.

Inspiriert für die eigene Schriftstellerei wurde er von Wolf Haas, Tom Robbins und Oliver Uschmann. Blöchls erste Kurzgeschichte heißt "Querulant im Amt", sein Debütroman "Für immer Juli". Er erschien 2013. Die Komödie zur Frage, was den modernen Mann ausmacht, gehört zu einem literarischen Experiment: Unter Schlussmitluschig.de lässt Blöchl seine Hauptfigur Julian Hartmann auch bloggen. Und um es auf die Spitze zu treiben: Es gibt ein Buch zum Blog zum Roman.

www.lieblingssaetze.de

www.bernhardbloechl.de

Bernhard Blöchl: "Für immer Juli". Maro Verlag. 14,80 Euro. ISBN: 978-3-87512-298-5.

 

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