Mehr als eine Halle

Je näher die Weihnachtszeit rückt, desto emsiger wird das Treiben in der riesigen Halle eines US-amerikanischen Onlinegemischtwarenhändlers am Leipziger Stadtrand. Heike Geißler hat in der stressigsten Zeit als Saisonkraft bei Amazon gearbeitet - und ein Buch darüber geschrieben.

Leipzig.

Wären da nicht die Auseinandersetzungen mit der Gewerkschaft Verdi und der große Firmenname am gelb getünchten Treppenaufgang - kaum ein Mensch würde sich dafür interessieren, was in der Halle von Amazon am Leipziger Stadtrand passiert. Zu viele dieser Hallen sind in den vergangenen Jahren an den Stadträndern europäischer Großstädte entstanden.

Bei der Schriftstellerin Heike Geißler - ihr erster, viel besprochener Debütroman "Rosa" erschien 2002 in der Deutschen Verlags-Anstalt - war es nicht die Neugierde, die sie in die Halle trieb, sondern existenzielle Not. Das Konto war leer, die Miete musste bezahlt, der Nachwuchs ernährt werden. Als sie dann in der Halle stand, stellte sie fest, dass es nicht schlecht wäre, über die Erfahrungen in einem Unternehmen, dem viele ansonsten nur "als Oberfläche im Internet begegnen", zu schreiben.

Natürlich darf ihr als Schriftstellerin eine besondere Nähe zu den Menschen unterstellt werden, die die Bücher in kleinen inhabergeführten Geschäften überall im Land an die Frau und den Mann bringen. Doch Heike Geißler, die 1977 in Riese geboren wurde und in Karl-Marx-Stadt/Chemnitz aufwuchs, geht es in ihrem Buch nicht darum, zu zeigen, welchen gewaltigen Einfluss die große Halle auf die kleinen Innenstädte und die dort angesiedelten noch kleineren Geschäfte hat. Ihr geht es um die Menschen in der Halle - und was die große Halle mit ihnen macht.

Um die Beschreibungen für den Leser möglichst eindringlich zu gestalten, legt die Autorin gleich auf der ersten Seite fest: "Sie sind ab jetzt als ich unterwegs." Der Leser solle sich darüber hinaus merken, dass er weiblich sei - denn das sei an einigen Stellen wichtig.

Doch was macht nun diese Halle mit den Menschen? "Wenn es Ihnen weniger wichtig wäre, freundlich zu grüßen und gegrüßt zu werden, würde Ihnen hier im Unternehmen einiges leichter fallen", heißt es im Buch.

Das ist aber noch das geringste Übel. Heike Geißler schreibt von stupider Arbeit, schmerzenden Füßen, mit Pflastern verzierten Händen, kranken Saisonarbeiterkollegen, die sich nicht trauen, zu Hause zu bleiben, sowie vielen amerikanischen Unsitten der Unternehmensführung, die sich in die Halle eingeschlichen haben: kein Essen in der Halle, keine Privatfotos in der Halle, dafür überall und mit jedem ein Du in der Halle - es soll keine Grenzen geben zwischen den Hierarchieebenen, und so gibt es sie, von oben verdonnert, auch nicht zwischen den "Anständigen" und den "Arschlöchern".

Heike Geißler, die als freie Schriftstellerin in Leipzig lebt, den Alfred-Döblin-Förderpreis erhielt und 2008 am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teilnahm, hat nach eigener Aussage einen Erfahrungsbericht geschrieben, in dem aber nicht alles den Tatsachen entspricht. Dennoch ist das Buch eine gute Grundlage für die Gesellschaft als Ganze, zu entscheiden, ob wir wirklich wollen, was diese und viele andere Hallen mit den Menschen, die darin arbeiten, und der Welt, die drumherum existiert, machen. So will vermutlich auch Heike Geißler verstanden werden. "Alles, was Sie von diesem Unternehmen wollen könnten, müssten Sie den Kunden des Unternehmens übermitteln und verständlich machen", schreibt sie an einer Stelle. Mit ihrem Buch hat sie den ersten Schritt getan.

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