Nachtigall ohne Gewehre

Er war Namensgeber der Gruppe Renft - Klaus Jentzsch. Auf der Bühne im Hintergrund, zeigen ihn jetzt veröffentlichte Tagebücher als sensiblen Chronisten seiner Zeit und des eigenen Lebens.

Chemnitz.

Wer die berühmteste Besetzung der Klaus-Renft-Combo bis zum Verbot der Gruppe im Oktober 1975 (nach einem der letzten Konzerte in Karl-Marx-Stadt) noch live gesehen hat, wird Klaus Renft eher als den unscheinbaren Bassisten im Hintergrund in Erinnerung haben. Er spielte sein Instrument nicht besonders gut, stand manchmal (wie der Rest der Band) ziemlich betrunken herum, und zuweilen hatte man den Eindruck, er durfte nur mitspielen, weil er der Combo seinen Spitznamen "Renft", vom sächsischen Brotkanten, vermacht hatte.

Die jetzt im Buschfunk veröffentlichten Tagebücher von Klaus Renft aus den Jahren 1968 bis 1997 lassen den Musiker als eine ganz andere, nachdenkliche, sensible und selbstkritische Persönlichkeit erscheinen. Heike Stephan, Klaus Renfts letzte Lebensgefährtin - er starb am 9. Oktober 2006 - und die Dichterin Undine Materni haben aus sechs Tagebüchern die Eintragungen ausgewählt, die nicht zu intim sind, aber doch persönlich und offen genug, um ein berührendes Bild des 1942 in Jena geborenen Künstlers zu zeichnen.

"Keine Solidarität"

Klaus Renft hat den Rock 'n' Roll gelebt. In einer Band spielen, auf der Bühne stehen - das war sein Traum, er hat ihn sich erfüllt - mit der ersten Klaus-Renft-Combo, aus der nach ihrem Auftrittsverbot The Butlers wurden, aus denen nach deren Auftrittsverbot die neue Klaus-Renft-Combo entstand. Sie sollte - vor allem mit den Texten von Gerulf Pannach - DDR-Musikgeschichte schreiben. Zunächst als die "roten Renft" verschrien, weil sie auch staatskonforme Stücke wie das "Lied vom chilenischen Metall" sangen, wurden sie bald - und eher wider Willen, wie Renft schreibt - zum politischen Gewissen der DDR-Jugend. "Wir haben uns nie als politische Gruppe verstanden, doch auf Grund der Beschränkungen in der DDR sind wir dazu geworden", schreibt er 1979. Da war ein Teil der Band schon ausgewandert, verhaftet und ausgewiesen worden. Nach den Liedern "Glaubensfragen" über die Verweigerung des Waffendienstes in der DDR und der "Ballade vom kleinen Otto", dem Republikflüchtling, war es den DDR-Kulturverwaltern zu viel - sie verboten die Kapelle. Dieses Verbot schnitt Renft übrigens illegal mit - zu hören in der ebenfalls im Buschfunk-Verlag erschienenen Renft-Box mit allen Amiga-Aufnahmen, Raritäten und einigen Filmen. Zwar konstatiert Renft, dass sich die Band wohl wegen persönlicher Querelen aufgelöst hätte, wenn sie nicht verboten worden wäre, aber enttäuscht ist er doch: "Renft Verbot - ziemlich problemlos - keine Solidarität anderer Musiker", notiert er. Renft, zur musikalischen Untätigkeit verdammt, übersiedelte mit seiner griechischen Freundin nach Westberlin. Rührend und manchmal skurril beschreibt er die Versuche, dort musikalisch und sozial Fuß zu fassen. Den Kapitalismus sieht er skeptisch und verirrt sich oft in dessen Bürokratie: "Alles ist perfekt. Das Gesetz geht über alles, sogar über Menschen." Erbarmungslos selbstkritisch beurteilt er auch seine zahlreichen Versuche, in der Bundesrepublik wieder eine Band zu gründen. Nach einem Auftritt schreibt er: "Alles war verstimmt, die Gitarren und das Publikum. Keiner hat die Musik verstanden, konnte es auch nicht, es war zu laut..."

"Geniale Fehlleistung"

Hoffnung keimt in ihm erst wieder auf, als im Herbst 1989 das Volk der DDR auf die Straße geht und "Wir bleiben hier" ruft. Plötzlich scheint es diese "DDR-Identität" zu geben, die Klaus Renft im Grunde immer für sich in Anspruch genommen hat. "Als ich die Rufe 'Wir bleiben hier' hörte, wusste ich, es gibt eine DDR-Identität und eine Hoffnung, und sie war immer tief versteckt in der Seele ... und sie brach hervor, unaufhaltsam für eine Heimat." Aber bald kämpft Renft wieder einen vergeblichen Kampf um den Fortbestand "seiner" Band - und er verliert. Dabei verteilt er die Verantwortung und nimmt sich selbst nicht aus. Immer wieder hinterfragt er sich - seinen Hang zum Alkohol, sein Verhältnis zu den Mit-Musikern, zu den beiden deutschen Staaten. Und er erweist sich dabei als dialektischer Denker: "Um etwas ablehnen oder zerstören zu können, muss erst etwas da sein, aber auf die Idee, es selbst schaffen zu müssen, sind bisher nur die wenigsten Menschen gekommen." Er gesteht jedem Menschen das "Recht auf seine Vergangenheit" zu und bezeichnet Musik als "disziplinierte Anarchie". Am Ende ist die Gruppe Renft für ihn eine "Idee von Erfolg, Protest und Anpassung. Im Grunde eine geniale Fehlleistung". Für seine Band hat Renft keinen einzigen Text geschrieben - in den Tagebüchern gibt es wunderbare Verse. 1979 schreibt er: "Die Nachtigall hat keine Gewehre, aber Waffen. Akustik-Gitarren: moderne Panzer. Die neuen Verstärker: Krieg finanzieren. Welchen? Die Bewaffnung der Nachtigall." Letzteres gab dem Buch den Titel. Renft hat versucht, die Nachtigall zu bewaffnen mit Liedern für eine solidarische Welt. Sie hat gekämpft - und verloren. Aber sie hat es versucht. Renfts Tagebücher legen davon ein berührendes Zeugnis ab.

Das Buch Undine Materni, Heike Stephan (Hrsg.): "Die Bewaffnung der Nachtigall - Tagebücher von Klaus Renft 1968 bis 1997". Buschfunk. 232 Seiten. 16,95 Euro. ISBN 9783944058450.

 

 

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4Kommentare
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    Interessierte
    01.06.2015

    Genau , es hatte alles seinen Sinn ...
    Und ich dachte jetzt mal, wenn der Herr Hiller nicht gewesen wäre, hätten wir immer noch Landbesitzer und Schloßbesitzer und würden noch als Untertanen mit ´deren´ Bevormundung arbeiten ...
    So haben wir jetzt lediglich wieder teuer sanierte Schlösser ...

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    gelöschter Nutzer
    01.06.2015

    Wandersmann, Susann, irgendwann werd ich mal, Ermutigung, als ich wie ein vogel war, noch nach 40 jahren gehen mir Text und Musik unter die Haut. Danke, Renft.
    Die Kommunisten haben die Band und die Musiker kaputt gemacht, aber vielleicht hätten wir diese Musik ohne die Kommunisten nicht gehabt. Nur ein Gedanke, keine Rechtfertigung.

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    Schinderhannes
    01.06.2015

    @ Hübnererich: apfeltraum2009@aol.com

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    Hübnererich
    30.05.2015

    Ich durfte als Jugendlicher Renft noch live erleben(Amorsaal Mülsen,Anker Leipzig). Für mich textlich und musikalisch die innovativste Band der DDR, die als einzige Ost-oder "Zonenband"auf meinem Tonband gespeichert war. Ja es war nicht nur eine Frage des Musikgeschmackes ob man damals für Renft oder die "Hofmusikanten" Puhdys war.



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